laut.de-Kritik

Ruft die Engel und die Armee an.

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Covid 19, Polizeigewalt, Rassismus, Kriegstreiberei- Themen für die G7, Amnesty, Vereinte Nationen. Wenn die Weltgemeinschaft mal wieder nicht handlungsfähig ist, springen Archive auf "Call To Arms & Angels" ein. Das zwölfte Album der Band, zurzeit bestehend aus neun Mitgliedern, macht es nicht unter der ganz großen Nummer. "There’s a war/ There’s a war still raging/ Battle cry/ Battle cry ain't fading"; mit diesen Zeilen beginnt das Album auf "Surrounded By Ghosts". Mehr gibt es zu den Texten nicht zu sagen. Nachdem das geklärt ist, wenden wir uns lieber der musikalischen Seite zu, die fällt nämlich viel angenehmer aus.

Schon auf dem Opener zeigt sich die dichte Atmosphäre von "Call To Arms & Angels", das sich auf "Surrender By Ghosts" bei Porcupine Tree und Procol Harum bedient, im Laufe des Albums aber noch zahlreiche musikalische Haken schlägt, ohne den trübsinnigen, getragenen Grundton zu verlieren. Es überrascht etwas, wie gut es Archive gelingt, über 110 Minuten Beklemmung auszulösen, ohne dabei als Band selbst verhalten oder gezügelt aufzutreten. Der zweite Track "Mr Daisy" ist eine gelungene 90er-Alternative-Nummer à la The Jesus And Mary Chain, die in ihrer Simplizität wirkt, ohne peinlich zu sein. Auch "Numbers" gerät arg repetitiv, beinhaltet dank seiner treibenden Art aber einen gewissen Charme. Mit "Fear There & Everywhere" folgt ein ausgesprochen gelungener Track, den Keenan so jeden Tag ohne zu zögern auf ein Release von A Perfect Circle packen würde.

Der extrem positive Eindruck der ersten Hälfte der Scheibe liegt am Verzicht auf Breitbild und Cineastik, trotz der Vielzahl beteiligter Musiker. Archive treten angenehm druckvoll auf, ohne in breitbeinige Pose zu verfallen. "Shouting Within" zeigt zum ersten Mal, wie durchdacht der Einbau der drei Sängerinnen vonstatten ging. Die Band weicht dafür quasi selbstverständlich vom bisherigen Konzept des Albums ab und hält an dieser Stelle eine ständige Spannung, ohne den Song kippen zu lassen oder mit einem nicht erlösten Crescendo zu kokettieren. Während man diesen komplexen Eindruck noch verdaut, übernimmt mit "Daytime Coma" wieder Prog-Alternative-Rock und hinterlässt auf knapp 15 Minuten keinen komatösen Eindruck, sondern weiß mit jeder Sekunde Spielzeit umzugehen. Klasse, wie der Synth zwischendurch auf einem Gary Numan-Gedächtnisbeat doppelter Geschwindigkeit übernimmt und blendend in einen Dialog mit den Gitarren übergeht. Man wird das Gefühl nicht los, dass Lou Reed das gefallen hätte. Dieses Lied macht dann auch am Schluss die Schleusen richtig auf und man wäre eigentlich schon zufrieden mit dieser formidablen Leistung, dabei warten noch einige Songs.

Bei "Head Heavy" und "Gold" kommt der Trip Hop der frühen Archive mal so richtig durch und in beiden Fällen, vor allem beim ersten Song, auch sehr gelungen. Wenn Beth Gibbons das hört, wird sie als Sängerin Nummer vier einsteigen wollen. Allerdings flößen Archive dem totgeglaubten Co-Lieblingsgenre der 90er kein neues Leben ein, sie setzen ihn nur mitreißend und kompetent um. Mit dieser Traditionspflege halten sie sich nicht lange auf, sondern drehen auf "Enemy" Richtung Dead Can Dance ab. Und gerade, wenn man denkt, jetzt wollen die Londoner aber ums Verrecken einen Arthouse-Song unterbringen, wird der Track eine richtig geile, aus der Zeit gefallene Trance-Dance-Pop-Nummer. M. Night Shyamalan hätte keine unerwartetere Wendung hinbekommen.

Die erstaunliche Trefferzahl auf "Call To Arms & Angels" wird nur durch das etwas uninspirierte "Every Single Day" und das tatsächlich schlechte, ziellos umherirrende "Freedom" gestört. "Alive" hat den Charakter einer stimmlichen Grafikdemo und "The Crown" ist auch eher Liebelei, aber abgesehen davon sitzen die Treffer unterschiedlichster Genres: Die slicke Pop-Nummer "Frying Paint" könnte der Bieber auch bringen, wäre er dafür cool genug. "We Are The Same" wird ein findiger Klassenclown der XXL Freshmen 2023 samplen, dieses hügelige Gezirpe ist einfach genial und ein weiteres Albumhighlight neben "Daytime Coma". Der bemerkenswert organische Bastard aus Neo-Klassik und Pop, "Everything's Alright", beschließt den Reigen. "Call To Arms & Angels" entblößt seine ganze Schönheit nicht unbedingt beim ersten Hören, aber die Patina aus lyrischer Kapriziösität und scheinbar dröger Dauerbedenkenträgerei ist schnell beiseite gewischt und gibt den Blick frei auf ein spielfreudiges, immer wieder überraschendes und dabei kohärent bleibendes Spätwerk.

Trackliste

  1. 1. Surrender By Ghosts
  2. 2. Mr. Daisy
  3. 3. Fear There & Everywhere
  4. 4. Numbers
  5. 5. Shouting Within
  6. 6. Daytime Coma
  7. 7. Head Heavy
  8. 8. Enemy
  9. 9. Every Single Day
  10. 10. Freedom
  11. 11. All That I Have
  12. 12. Frying Paint
  13. 13. We Are The Same
  14. 14. Alive
  15. 15. Everything's Alright
  16. 16. The Crown
  17. 17. Gold

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