laut.de-Kritik

Kein Mitleid für die Mehrheit.

Review von

30 Jahre KMFDM, 20 Studioalben und noch immer haben die Miterfinder des Industrial-Rock nichts an Hunger und Tatendrang verloren. Dennoch täuscht so manches Füllwerk der vergangenen Jahre (zuletzt "Kunst") nicht darüber hinweg, dass die Truppe um Sascha Konietzko seit den Meilensteinen "Angst" (1993) und "Symbols" (1997) meistens eher solide arbeitet denn begeistert - von einigen Tracks mal abgesehen. Die neue Platte "Our Time Will Come" enttäuscht nicht, macht gleichwohl wieder nur einen halben Schritt in Richtung frühere Glanztaten.

Die Produktion in Eigenregie von Konietzko und Chanteuse Lucia Cifarelli gelingt nahezu perfekt. Der unverkennbar eigenständige Elektrorock mit den charakteristischen Kolibri-Metal-Gitarren im beatlastigen Stromkreis klingt großartig breitwandig und punktgenau gemixt. Diesem Klangbild konnte bislang kein Epigone das Wasser reichen.

Hinzu kommen die weiblichen Vocals, seit 20 Jahren fester Bestandteil, die immer einen leichten Sisters Of Mercy-Hauch anno "More" ("Vision Thing" 1990) verströmen. Die gute Lucia liefert hier den gewohnt ordentlichen Job. Das fette Timbre und den emotionalen Ausdruck ihrer Vorgängerin Dorona Alberti, die 1992 bis 2002 alle Scheiben von "Money" bis "Attac" einsang, erreicht sie jedoch nicht. Die Ausstrahlung früherer Klopper, etwa das charismatische "Light", fehlt schmerzlich.

Konietzko hat derzeit eben eine gute Mannschaft beisammen, aberkeine optimale. Als noch Kontrapunkte und Sidekicks à la En Esch oder Tim Skold an Bord waren, klangen Tracks wie "A Drug Against War, "Anarchy" oder "Move On" dramatischer, hypnotischer und melodisch interessanter. Daran ändert auch der ironische Brecher und Opener "Genau" nichts. Der Song funktioniert beim internationalen Publikum bestimmt ganz gut im Sinne einer Teutonen-Veralberung, klingt im Endeffekt aber nach Kasperlesatire, die sich zu gleichen Teilen aus Rammstein und Bruce & Bongos "Geil" zusammensetzt. Es ginge auch attraktiver.

Aber es kommen auch gelungene Momente, in denen KMFDM namensgetreu noch immer keinerlei Mitleid für die Mehrheit aufbringen. "Salvation" groovt sich schick durch die eigene Verachtung für pseudoreligiöse Manipulation. In "Get The Tongue Wet" gibt sich Cifarelli als übergeschnappte Steckdosenzicke. Und mit dem tollen "Shake The Cage" geben sie sogar dem Funk eine Chance.

Artwork und Texte liefern ebenfalls die gewohnte Qualität. Der stets aktuelle Aidan Hughes liefert auf dem Cover ein Statement zur Ukraine-Krise und anderen Brandherden ab. KMFDMs Lyrics strotzen trotz aller Slogans nur so vor zornigem Sarkasmus voller Sozial- und Politkritik. Das intensive Titelstück lohnt sich diesbezüglich besonders.

"Our Time Will Come" bietet Licht und Schatten gleichermaßen. Hoffentlich gelingt es KMFDM zukünftig, die packenden Zeilen endlich wieder in konstant musikalische Intensität zu übersetzen.

Trackliste

  1. 1. Genau
  2. 2. Shake The Cage
  3. 3. Respekt
  4. 4. Our Time Will Come
  5. 5. Salvation
  6. 6. Blood Vs. Money
  7. 7. Get The Tongue Wet
  8. 8. Brainwashed
  9. 9. Playing God
  10. 10. Make Your Stand

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