laut.de-Kritik
Schnörkel- und ziellos zwischen alle Stühle.
Review von Erich Renz"Havoc And Bright Lights", frei Schnauze übersetzt also "Verwüstung und Schlaglichter". Ganz profan heruntergebrochen: Gut und Böse. Schon im Albumtitel zeigt der radikale Dualismus seine Zähne. Aber wann, wenn nicht jetzt, könnte es dieser Frau besser gehen? Zuerst die Hochzeit mit Mario Treadway, dann das Kind Ever Imre – näher kann man dem Himmel auf Erden nicht kommen.
In der wohl gewölbten, vierzehn Songs starken Brust wohnen trotzdem zwei Seelen. Die Rock-Pop Mixtur "Edge Of Evolution" erklärt die Dialektik der Existenzhinterfragerin, die dieses Album umkreist: "In this sacred duality (…) / These aversions and these cravings / Push me beyond identity into pure awareness."
Nun ist es bei der Dialektik so, dass am Ende nach schweißtreibendem Für und Wider eine höhere Erkenntnis steht. Auf "Havoc And Bright Lights" stimmt der Vorsatz, nicht aber das Ergebnis. Nach all den Wechselspielchen zwischen üppigem, gar Luft abschneidendem Rock (der oftmals der Sängerin in höchsten Lagen zusetzt) und haarstreichelndem, nicht selten mechanischem Pop ist die Erleuchtung weder besonders hoch noch hat man gar nichts dazu gelernt. Das Problem ist nur, dass man das frisch erworbene Wissen schnell wieder vergessen hat.
Und jetzt die Gretchenfrage: Verstößt das nicht gegen die Faustregel des hier konzipierten Mainstream-Pop? Festsetzen will sich jedenfalls nichts und Reinprügeln muss nicht sein. Dann lieber seine Zeit für die nächsten Meshuggah- oder Björk-Veröffentlichungen sparen. Oder es noch einmal mit Scott Walkers "The Drift" versuchen.
Zurück zum Thema. Im ärmelhochkrempelnden,, gitarrenprotzenden "Guardian" setzt Morissette zum textlichen Muskelspiel an und wirft sich ungeschützt in den Dreck – für ihren Sohn, versteht sich. Unbehelligt davon bleibt ihre mondäne Stimme, die so sanft wie eine schützende Hand der wahre Wächter des Wohlklangs ist. Zum Glück hat sie diesen Trumpf nicht aus der Hand gegeben, denn in solch seltenen Momenten fühlt man sich gebauchpinselt. Schnörkellos ziellos dagegen fällt die Produktion von Joe Chiccarelli und Guy Sigsworth aus. Sie führt irgendwo zwischen die Stühle, mitten hinein ins Wahllose.
Die aktualisierte Neunziger-Morissette gibt es im betulichen "Empathy" und in dessen behändem thematischen Sequel "Spiral". Die beiden wirken trotzdem wie ein unglückliches Geschwisterpaar. Vielleicht auch deshalb, weil zwischen ihnen ein Kupferstich aus der Vergangenheit liegt.
Es ist "Lens", das mit dem betörenden "Everything" aus "So-Called Chaos" verwandt scheint, im direkten Vergleich jedoch das nachsehen hat. "Though it's working for you / All I feel is disconnection / So now it's your religion against my religion / My humble opinion 'gainst yours / this does not feel like love", besingt Morissette hierin abermals brennende Gegensätze, die sie bei sich und einer Bekannten diagnostizierte.
Selbst in "Numb" klingen die Machtkämpfe nicht ab. Der Betäubungsmittelsong ist die große Materialschlacht zwischen der Solo-Gitarre und einer überkandidelten Garrett-Geige. Frieden gibt es halt nur nach dem Krieg. Alanis Morissette hat derweil noch mit sich zu kämpfen.
10 Kommentare
Außer Guardian bleibt nichts hängen, leider. Schade, sehr, sehr schade. hab mich auf das Album gereut, da ich Flavors sehr gut fand und auch sonst ein Fan bin. Definitiv ihr schlechtestes Album, sogar schlechter als So Called Chaos!
Ach doch, Empathy, Woman Down, Spiral, Numb und Receive bleiben schon hängen, wenn auch nicht beim ersten hören...
der beste Track des Albums ist aber die B-Seite "Jekyll and Hyde".
3/5
"sich lieber die Zeit für Björk aufsparen", ich glaube ich breche! Alanis und Mainstream-Pop? Allah.. Bald werdet ihr auch hier die Wahrheit erfahren. Danke.
naja ich muss dem autor schon irgendwie zustimmen. ich finde die meisten songs wirken so, als wären sie ihr auf den leib gepresst, aber sie passen leider nicht so ganz zu ihr. es liegt vor allem auch an ihrer stimme, die sehr speziell ist und sich nicht in jede form von pop zwängen lässt. mich nervt oft ihre art einen text zu vertonen, oft geht dies gegen die natürliche sprachmelodie und wirkt gekünstelt. aber dennoch mag ich ihre songtexte und songs wie "receive", "woman down", "guardian" bleiben schon im gedächtnis.
Man sollte Alanis nicht als Pop sehen, dann läuft man auch nicht Gefahr mit Ihrer nicht pop-affinen Stimme nicht klarzukommen. Bin gespannt auf das Album, habe lange auf was neues von ihr gewartet.
Das ist der Super-Gau einer Bankrotterklärung ... 1 Punkt.