laut.de-Kritik

Das Ende einer Ära.

Review von

Nachdem Angelo Kelly die letzte Dekade damit verbrachte, seine eigene kleine Kelly Family großzuziehen, ist er jetzt wieder auf musikalischen Solopfaden unterwegs. Auf dem minimalistischen "Grace" präsentiert er ausgewählte Stücke aus dem Repertoire irischer Traditionals. Wenn man sich die Tracklist des Albums vor dem Hören einmal durchliest, drängt sich unweigerlich die Frage auf, wie er ausgelutschten Evergreens wie "Greensleeves" und "Oh Shenandoah" noch einmal Leben einhauchen möchte, zumal er die Songs bereits mehr als einmal aufgenommen hat. Andererseits: Wer kann Irish Folk besser vermitteln als ein Kelly?

Angelo, dessen berühmter Nachname irischer nicht sein könnte, ist mit diesen Folksongs aufgewachsen. Schon zu Kelly Family-Zeiten waren sie ein fester Bestandteil jeder Setlist. Während sich Geschwister wie Maite und Paddy komplett von den alten Kelly-Wurzeln lösten, ist Angelo in die entgegengesetzte Richtung gegangen - angetrieben von einer Sehnsucht nach der unzertrennlichen Familienbande und einer heilen Welt. Dieses Ziel hat Kelly in den vergangenen Jahren ein Stück weit erreicht. Gemeinsam mit seiner Frau Kira und seinen fünf Kindern rief Angelo die Familienband "Angelo Kelly & Family" ins Leben. Mit einträchtigen Darbietungen von Folksongs, Weihnachtsklassikern und rührenden Eigenkompositionen brachte die Familie ein klein wenig mehr Harmonie und Leichtigkeit in die Welt.

Der Kelly-Nachwuchs wirkt wohlerzogen, aufgeweckt und bar jeder Starallüren - obwohl Angelos Kinder, genau wie er selbst, schon sehr früh auf der Bühne standen. Skeptikern gegenüber betonte Angelo immer wieder, dass er aus den Fehlern, die in seiner Jugend gemacht wurden, gelernt habe. Seine eigene Familie solle dem Starrummel und den kritischen Augen der Medien nicht im gleichen Maß ausgesetzt sein. Die Mitarbeit in seiner Familienband solle immer auf Freiwilligkeit beruhen.

Um so mehr verwundert es, dass Angelo nun davon spricht, dass sein Herz gebrochen sei, weil sich seine mittlerweile erwachsenen Kinder Helen und Gabriel von der Bande lösen wollen. Bei der letzten Tournee erlitt Angelo deswegen einen Nervenzusammenbruch. Stundenlang habe er geweint. Das tat der Sänger in einer Pressemitteilung zum neuen Album kund. "Ich war sehr stolz auf das, was wir gemeinsam erreichen konnten. Ich habe so viel Zeit und Energie hineingesteckt, und jetzt musste ich alles loslassen", schreibt Kelly. Das klingt alles sehr viel dramatischer, als es hätte sein müssen. In den Schuhen der Kinder möchte man jedenfalls nicht stecken.

Dass es nicht leicht ist, wenn der eigene Nachwuchs aus dem Haus geht, ist wohl bei allen Eltern so. In den meisten Familien verdienen diese jedoch nicht an der (Mit-)Arbeit ihrer Kinder. Der Verlust des eigenen Lebenswerks schwingt in jenen Zeilen mit und hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Warum also überhaupt solche Aussagen veröffentlichen? Es klingt ein wenig danach, als wolle Kelly den Kindern unterschwellige Schuldgefühle machen - und das vor den Augen der Öffentlichkeit. Überraschend kommen diese Äußerungen auch deshalb, weil die Familie sich schon auf dem Album "Irish Heart" (2018) intensiv mit der Thematik des Loslassens befasste: Im Song "Let Go" geht es darum, dass der älteste Sohn irgendwann seine eigenen Wege gehen wird. Es gab also genug Zeit, um das Ende der Band abzusehen. Bei Angelo Kelly fiel der Groschen jedoch erst bei einem Konzert auf einer Tournee im vergangenen Jahr. Kurz darauf gab er auf seinen Social Media Kanälen bekannt, dass sich die Familienband auflösen würde. Auch das nächste gemeinsame Studioalbum, das bereits in Planung war, wurde spontan abgesagt.

Das Aufnahmestudio war allerdings schon gebucht und Angelo raffte sich mit schwerem Herzen noch einmal auf. Er wollte ohnehin einige Traditionals aufnehmen, die für eine Bonus-LP gedacht waren. Aus der Bonus-LP wurde nun ein komplettes Studioalbum. Die Aufnahmesessions waren schlicht, im Stil eines Wohnzimmerkonzertes. Die Songs wurden in jeweils einem Take mit einer Bandmaschine aufgenommen und analog gemischt und gemastert. Mit an Bord waren unter anderem Tomás Callister (Geige), Adam Rhodes (Flöte, Dudelsack) und Calum Stewart (Irische Laute), Angelos langjährige Folk-Kollegen aus Großbritannien. Die Musiker beherrschen ihr Handwerk, an dem wirklich nichts auszusetzen ist. Die Songs "The French March" und "Graih Foalsey" sind Instrumental-Tracks. Eine gute Entscheidung.

Auf "Grace" unterscheidet sich Angelos Gesang deutlich von seinen vorherigen Alben. Kellys warme, kraftvolle Stimme wirkt an einigen Stellen gequält und in den höheren Noten etwas erzwungen. Man meint die Überwindung hören zu können, die ihn die Aufnahmen ohne Family gekostet haben. Die Interpretationen der so oft gesungenen Traditionals klingen traurig und gebrochen, ganz im Gegenzug zum lebendigen Schwung der Familienshows und -alben. Auch die Arrangements wirken getragener und melancholischer als sonst, was der irischen Authentizität allerdings keinen Abbruch tut. Der wehmütige Opener "On Raglan Road" eignet sich bestens, um an einem regnerischen Tag sehnsuchtsvoll in die Ferne zu blicken.

Für Angelo ist es Zeit, von dem Projekt "Kelly Family 2.0" Abschied zu nehmen. Auch wenn es ihn offenbar außergewöhnlich viel Kraft kostet. Alleine ist er ja trotzdem nicht. Die drei jüngeren Kids sind noch zuhause und auch die älteren bleiben ein Teil der Familie. Lediglich die Zeit als Band musste ein Ende finden. Im September veröffentlichte Angelo einen Instagram-Post, in dem er sich hinter die Entscheidung von Helen und Gabriel stellte: "Jetzt werden die Kids erwachsen und müssen ihre eigenen Wege gehen und wir wollen sie als Eltern dabei voll und ganz unterstützen." Eine hart erkämpfte Erkenntnis.

Trackliste

  1. 1. On Raglan Road
  2. 2. Dirty Old Town
  3. 3. Black Is The Colour
  4. 4. Oh Shenandoah
  5. 5. The French March
  6. 6. Only Our Rivers Run Free
  7. 7. Greensleeves
  8. 8. My Lovely Rose Of Clare
  9. 9. Four Green Fields
  10. 10. Graih Foalsey

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4 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor einem Jahr

    "Es klingt ein wenig danach, als wolle Kelly den Kindern unterschwellige Schuldgefühle machen - und das vor den Augen der Öffentlichkeit."

    Bei aller Fairness, aber zumindest das vorher genannte Zitat von Angelo Kelly gibt eine solche Interpretation meines Erachtens nach nicht her. Ich hätte das jetzt eher so gedeutet, dass er Freude daran hatte, mit seiner ganzen Familie Musik zu machen und nun etwas wegfällt. Ich meine, man kann ja auch in einer romantischen Beziehung mit einer Person stecken mit der Einstellung, dass alles auf Freiwilligkeit beruhe und trotzdem traurig sein, wenn diese Person Schluss macht. Ganz ohne moralische Erpressung.

    • Vor einem Jahr

      Ich glaube dass ist mal wieder so ein Frund dafür, dass Künstler so ihre Probleme mit Kritikern haben. Der Verfasserin ist ja aufgefallen dass häufig schwer ist wenn die Kinder aus dem Haus wollen. Dass es aber vielleicht doppelt schwer sein könnte, wenn die Kinder auch aus dem musikalischen Haus wachsen, scheint aber nicht unter den Einfällen gewesen sein. Wie sie auf die Schuldgefühle kommt weiß ich auch partout nicht, dafür aber, dass Zeit sehr schnell vergehen kann und die Gefühle dem Verstand auch nicht immer hinterher kommen.

    • Vor einem Jahr

      Die Zitate geben die Interpretation voll her. Jeder Kinderpsychologe würde Angelo dafür eine schallern, aber mit Schmackes.

    • Vor einem Jahr

      Wenn überhaupt hätten sie gesagt "Wir sind nicht sauer, Angelo, wir sind nur sehr enttäuscht!" Gewalt ist ja seit einiger Zeit schon gesetzlich verboten.

  • Vor einem Jahr

    Gar nicht mal so schlecht, eher gut, würd ich mal sagen. 4/5

    • Vor einem Jahr

      Man versteht auch nicht so recht, woher die schlechte Bewertung kommt. Die wenigen Stellen der Rezi, die sich nicht mit der Vorgeschichte sondern der Musik des Albums befassen, klingen doch eher positiv.
      Aber so wirklich richtig interessiert mich das dann doch auch nicht…

    • Vor einem Jahr

      Das ist manchmal so ein laut.de-Ding. Ich hab schon relativ oft Reviews gelesen, wo eigentlich durchweg verrissen wurde und dann stand da aufeinmal eine 3 von 5 als Wertung, wo ich mir dann auch immer denke, dass das immerhin mehr als die Hälfte ist.

      Vielleicht wird von 2,5 aufgerundet, weil man hier ja keine halben Bewertungen machen kann, aber wenn man die ganze Zeit nur schlecht über ein Album redet, sollte man doch eher abrunden?

  • Vor einem Jahr

    Klar, an einen Luke Kelly reicht Angelo nicht ran, aber wer tut das schon. Wie man hier auf lediglich zwei Sterne kommen kann, ist mir unverständlich. Vergisst man, wer hier singt und spielt und lässt man Vergleiche mit unerreichbaren Ikonen bleiben, dann ist das hier ein sehr schönes und ordentlich produziertes Album ohne Schnick-Schnack und Effekthascherei, dem ich eine knappe 4/5 geben würde.

  • Vor einem Jahr

    Der Mann hat einen superfeinen Interview-Auftritt im Satireformat "Willkommen Österreich" hingelegt. Kenn zwar seine Mucke nicht, bin aber jetzt Fan. https://www.youtube.com/watch?v=lTRyr8Xb-5Q