laut.de-Kritik

Hymnischer Frust für den Tag am Strand.

Review von

"Well, here's my final move: Fuck you!", schreit einem Catrin Vincent mitten im Album plötzlich ins Gesicht. Moment Mal, ist das noch diese freundliche Newcomer-Band mit den in sich gekehrten Indie-Melodien voller Melodramatik? Natürlich ist sie es, denn niemand singt wie Catrin Vincent. Das ist als Alleinstellungsmerkmal so auffallend wie ausreichend, da braucht es dann auch kein größeres Talent mehr für Details wie Cover-Ästhetik, was nach dem Debütalbum "I Slept On The Floor" nun erneut negativ auffällt.

Vincent und ihre Another Sky-Mitstreiter*inen Jack Gilbert (Gitarre), Naomi Le Dune (Bass) und Max Doohan (Drums) stehen halt mit ihren Klamotten im Wasser, die Augen geschlossen, darüber prangt fett der Schriftzug "Beach Day". Dass dieses absurde Setting irgendeine Form von Deepness ausstrahlen soll, ist so ziemlich die einzige Interpretation, die sich mir spontan erschließt, und würde dann ironischerweise tatsächlich auch zu ihren Rocksongs passen. Und weil das so ist, assoziiert man Another Sky auch zuletzt mit einem Tag am Strand, was den Bandmitgliedern sicher auch bekannt ist. "Wenn du mit der Wut nicht abschließt, dann verwandelt sie sich zu Verbitterung und das ist es nicht wert", sind Sätze, die Vincent stattdessen sagt, und die viel besser zur Musik passen.

Fuck you, Erwartungshaltung! Seit 2020 hat sich bei Another Sky einiges getan: "Wer hätte gedacht, dass wir mit einem Song im 5/4-Takt einen Majorlabel-Deal an Land ziehen", frohlockt die Sängerin in Anspielung auf ihr neues US-Label Republic, wo sie nun in einer Reihe neben Drake und Taylor Swift stehen. "Psychopath" heißt der Song, in dem Catrin den Kraftausdruck schmettert und der passenderweise gleich mit einem Metall-Aufprallgeräusch startet, bevor Gilbert und Le Dune sich die von Frustration befeuerten Riffs in bester 90s-Crossover-Manier zuwerfen. Mit einer Nähe zu Rage Against The Machine war Another Sky bislang nicht aufgefallen, was ihnen aber ganz großartig steht - fragt die Soundtrack-Verantwortlichen der Eishockey-Simulation EA SPORTS NHL 24.

Wobei es schon vorher in "A Feeling" ordentlich kracht und ihr in der Regel lediglich sachte brodelnder Klangteppich in der Mitte aufreißt. Singletauglicher ist dagegen das laut Vincent von Wet Leg inspirierte "Uh Oh!", worauf man zwar nie käme, doch habe die Let-it-go-Attitüde des Rock-Duos den Vibe im Studio befördert. Im Vergleich zu 2020 ist der Art-Rock der Briten vielschichtiger, dynamischer, hier und da auch freundlicher geworden, was natürlich nicht für die Inhalte gilt. Nach wie vor muss Vincent annprangern. So beginnt das erwähnte "A Feeling" etwa mit der eingespielten Message: "I woke up at 7 A.M. and did yoga, some cleaning, and even had time to schedule in my mental breakdown."

Erlebter Schmerz und das Aufbringen von Kraft zu dessen Überwindung bleibt ein zentrales Thema der Band, deren Talent zur musikalischen Umsetzung beeindruckend bleibt. "The pain makes me feel like I'm alive" heißt es gleich zu Beginn. An anderer Stelle arbeitet sich Vincent an Klimaleugnern ab. Ihre Ausnahmestimme bleibt das große Pfund der Band und darf schon jetzt mit Größen wie Dolores O'Riordan und PJ Harvey in einem Atemzug genannt werden. Im hypnotischen "Death Of The Author" legt sie binnen Sekunden den Hebel zwischen zärtlicher Fee und angsteinflößender Furie um.

Dem darauf folgenden "Burn The Way" hört man an, dass ihre Tour mit Biffy Clyro nicht folgenlos geblieben ist. "Star Roaming" erinnert wiederum an Everything Everything, ein Vergleich, den Vincent schon vor vier Jahren von sich wies: "Wir haben die tatsächlich nie gehört. Offensichtlich wurden wir von den selben Künstlern inspiriert wie die und deshalb klingen wir ähnlich." Deren neues Album "Mountainhead" erscheint ebenfalls heute. Kurz: Ein Festtag für Anhänger*innen von hymnischem Indie-Post-Rock und absolut unkonventionellen Gesangsharmonien.

Trackliste

  1. 1. Beach Day
  2. 2. The Pain (Makes Me Feel Like I'm Alive)
  3. 3. A Feeling
  4. 4. Uh Oh!
  5. 5. I Never Had Control
  6. 6. Death Of The Author
  7. 7. Burn The Way
  8. 8. Psychopath
  9. 9. Playground
  10. 10. City Drones
  11. 11. I Caught On Fire
  12. 12. Star Roaming
  13. 13. Swirling Smoke

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