laut.de-Kritik

Kein großer Wurf, aber ein neuer Sound.

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Alle paar Jahre ein Album aufnehmen, touren, ein Album aufnehmen, touren… Billy Talent reicht's! Mit "Crisis Of Faith" sollte sich einiges ändern, meint Frontmann Benjamin Kowalewicz im Interview. Statt einem ganzen Album hat die Band in den vergangenen Monaten einzelne Songs als Appetithäppchen veröffentlicht, zusammen mit einer Kurzfilmreihe, die (Stand jetzt) noch nicht vollendet ist. Dann kam Corona und alle Pläne wurden über den Haufen geworfen. Statt weiteren einzelnen Songs gibt es jetzt also doch den gesamten Langspieler am Stück. Mit fünf von zehn bereits veröffentlichten Nummern hält sich die Überraschung damit natürlich eher in Grenzen.

"Crisis Of Faith" will anders sein als die bisherigen Outputs, das macht schon der Opener "Forgiveness I + II" klar. Beinahe sieben Minuten lang ist die Nummer, der erste Teil klingt nach Billy Talent, aber einer wesentlich frickeligeren Version der Kanadier: die Riffs wechseln ständig, Schlagzeuger Jordan Hastings wechselt alle paar Takte den Groove, bevor die erste Hälfte überhaupt vorbei ist. Dann setzt urplötzlich eine Synthesizer-Sequenz ein, die Band macht einen Cut. Es kommt eine Akustik-Gitarre dazu samt Piano. Das Tempo wird auch gedrosselt. Dann plötzlich ein Saxophon-Solo, während weitere Bläser die Melodie mitspielen. Mit einem derartigen Einstieg rechnet wohl niemand, der in der Vergangenheit auch nur einmal "Red Flag" oder "Fallen Leaves“ gehört hat.

Die Überraschung hält nicht lange an. "Reckless Paradise" könnte auch von einer der durchnummerierten Platten der Anfangstage stammen. Knarzige Ohrwurm-Gitarre, Drum Breaks, eingängiger Refrain, alles da. Einzig die Produktion, die in großen Teilen Gitarrist Ian D’Sa im bandeigenen Studio übernommen hat, deutet an, dass wir uns im Jahr 2022 befinden. So fett klangen die Talents noch nicht zu Beginn ihrer Karriere.

Ähnlich verhält es sich mit "I Beg To Differ (This Will Get Better)“. "Crisis Of Faith“ klingt immer noch unverkennbar nach Billy Talent, nur haben die Songs auf gewisse Weise ihren rohen Charme eingebüßt. Das kann man den Musikern aber nur schwer vorwerfen, denn: Ian D’Sa setzt seine Backing Vocals gezielter ein, viele Melodien haben einen Konterpart, auch die Bassläufe klingen deutlich verspielter. "The Wolf" klingt balladesk, inklusive Streichern, "Judged" kommt als (Pop-)Punknummer mit ordentlich Tempo daher.

Ein weiteres Novum: erstmals in der Bandgeschichte haben sich Billy Talent Verstärkung ins Boot geholt. Die kommt auf "End Of Me“ in Form von Weezer-Frontmann Rivers Cuomo um die Ecke. Lauscht man dem Gitarrenriff, verwundert es wenig, warum Kowalewicz und Band bei Weezer angeklopft haben, die Parallelen sind eindeutig da. Der Wechsel der beiden Sänger in den Strophen wirkt gelungen. Der Refrain hingegen ist eindeutig Geschmackssache, vor allem, wenn sich die beiden im Refrain gemeinsam stimmlich in gefährliche Höhen schrauben.

So stark "Crisis Of Faith“ begonnen hat, so beliebig klingen leider die letzten Songs. "One Less Problem“ geht mit seinen Acapella-Vocals ("Ohh-Wa-I-Heyoo“) ziemlich auf die Nerven. Der Standard-Rock von "For You" ist bereits vergessen, bevor das Album ausgeklungen ist. Der ganz große Wurf gelingt Billy Talent dieses Mal nicht. Trotzdem muss man "Crisis Of Faith" für seine Bereitschaft zu Veränderungen loben – sei es in Form des Outputs oder der musikalischen Ausgestaltung.

Trackliste

  1. 1. Forgiveness I + II
  2. 2. Reckless Paradise
  3. 3. I Beg to Differ (This Will Get Better)
  4. 4. The Wolf
  5. 5. Reactor
  6. 6. Judged
  7. 7. Hanging Out With All The Wrong People
  8. 8. End of Me (feat. Rivers Cuomo)
  9. 9. One Less Problem
  10. 10. For You

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