laut.de-Kritik

Glaubwürdige Einblicke in unscharfen Bildern.

Review von

"Für laut.de hab' ich zwei nette Arschbacken. Da leck' mal dran." Es ist immer erfreulich, wenn das Geschriebene nicht ungelesen in den unendlichen Weiten verhallt. Chakuza scheint sich gehörig auf den Schlips getreten zu fühlen. Andernfalls ginge nicht die einzige Attacke inmitten des sehr persönlichen Albums "Heavy Rain" an dieses Medium. Dabei herrschen keinerlei Animositäten. Weshalb auch? Er erwies sich nie als Reizfigur, die sich mit Kontroversen unmöglich macht. Um die Wogen zu glätten, sollen deshalb nun zunächst die vielen positiven Aspekte im Zentrum stehen.

"Hallo, der Anfang wird der schwierigste von allen", steigt Chakuza defensiv, ja, fast entschuldigend in sein neues Werk ein. Noch immer verfügt der Österreicher über eine angenehme Erzähler-Stimme, die es dem Hörer leicht macht, seinen Einblicken zu folgen. Auch sein Gesangseinsatz in "Mein Kopf Mein Herz" verhebt sich nicht an der eigenen Selbstüberschätzung. Ohne Probleme hätte er wohl in gleicher Weise anstelle von Marc Sloan den Refrain für "Zehner Turm" anstimmen können. Einen Mehrwert liefert dagegen der stete Backgroundgesang à la Mario Winans von "Salto Mortale".

Auf der Habenseite lässt sich auch die hohe Glaubwürdigkeit des Rappers verbuchen. "So wie Hip Hop sein sollte, das bin ich", zeigt er in "Mehr Als Musik" die feste Gewissheit, sich auf dem richtigen Weg zu befinden, ohne dabei eigene Fehler auszublenden. Die Integrität der Musikindustrie schätzt er ähnlich hoch ein wie LGoony: "Diese Rap-Welt existiert gar nicht für mich. Denn wenn du echt denkst, dieser Zirkus hier ist real, hast du 'n Stich." Im "Outro" beschwert sich Chakuza über die kalkulierende Branche: "Außer den Streams gibt's nicht vieles, was noch zählt."

Fokussiert zeigt sich der Rapper in "Valentine", einer Lobrede auf seine jüngere Schwester: "Ich hab' den Jackpot, es kann besser gar nicht sein. Ich hab' 'ne beste Freundin und die Schwester gleich in einem." Sympathisch kleinlaut stellt er heraus, dass sie vertauschte Rollen einnehmen, also nicht er den Part des vernunftbegabten großen Bruders übernimmt: "Ich fall' pausenlos aufs Maul und du passt auf mich auf." So emotional nachvollziehbar "Valentine" heraussticht, es bleibt doch die Ausnahme auf einem Album, das sich immer wieder in unscharfen Bildern verliert.

Damit folgen die unvermeidlichen Beanstandungen. Die Kritik an "Aurora MC" hat nicht nur nach wie vor Gültigkeit, sie lässt sich auch in weiten Teilen auf "Heavy Rain" übertragen. Chakuza fürchtet sich davor, seine Erzählungen mit Details auszuschmücken. Schon in "Intro/Heavy Rain" verbreitet er Ratlosigkeit: "Jeder will wissen, was passiert ist. Was auch immer man gehört hat. Zu viele schlimme Dinge einfach. Dafür find' ich keine Wörter." Zwar lässt er Alkoholismus und suizidale Tendenzen durchscheinen, aber in Summe bleiben mehr Fragen als handfeste Aussagen.

Auch die lyrischen Blendgranaten, die keinen Sinnzusammenhang erkennen lassen, treten wieder auf. "Ohne Sonne sind Sterne nur kalte fliegende Steine", ergibt im "Requiem" weder faktisch noch metaphorisch Sinn. In "Gotham" setzt er zunächst auf eine Wettermetapher, darauf folgen Martial-Arts- und Schachbilder, ein Märchenverweis, eine Prise Philosophie und der Rückschwenk auf Meteorologie. Der atmosphärische Indie-Vibe in der Tradition Caspers sitzt, aber symptomatisch fasst er diesen wirren Text-Mix lakonisch zusammen: "Himmel oder Hölle ist gefühlt dasselbe."

Die schöpferische Beliebigkeit erreicht ihren Höhepunkt in "Is Okay", das wie ein Geständnis wirkt: "Man wird halt, wenn man immer nur im Regen steht, vom Regen nass. Und wenn man's dann in jedem Satz erwähnt, poetisch, was?" So stellt "Heavy Rain" leider keine lyrische oder musikalische Offenbarung dar. Auch der Stil des surrealen Artworks ist zwar ansehnlich umgesetzt, findet aber seit dem Vorspann von "True Detective" vor sechs Jahren inflationär Verwendung. Neben den infantilen Punchlines aus "Blackout 2" sind all diese Kritikpunkte aber fast zu vernachlässigen.

Trackliste

  1. 1. Intro/Heavy Rain
  2. 2. Mein Kopf Mein Herz
  3. 3. Gotham
  4. 4. Zehner Turm (mit Marc Sloan)
  5. 5. 1 Up
  6. 6. Salto Mortale
  7. 7. Requiem
  8. 8. Nie Richtig
  9. 9. Is Okay (mit Martin Kautz)
  10. 10. Santa Maria
  11. 11. Valentine
  12. 12. Nicht Wir
  13. 13. Mehr Als Musik
  14. 14. Outro

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2 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Obwohl Aurora MC von ein paar Highlights abgesehen eher ein Snoozefest war, geb ich dem Album noch mal Chance.

    Die Review ist aber ein wenig absurd. Während man dem Rest des Deutschrap-Kindergartens schon Wohlwollen entgegen bringt, wenn der Sexismus mal nicht ganz so ausgeprägt ist und der Sprachgebrauch in der Hauptschule Potenzial für ein "ausreichend" hätte, werden hier höchste intellektuelle Maßstäbe angesetzt, irgendwo zwischen Gedichtinterpretation, Literaturkritik und Arthouse-Kino Diskussion.

    Vielleicht ist es ja irgendwie positiv gemeint, aber von der Einleitung ausgehen bewahrheitet sich mal wieder die alte Fußball-Weißheit, dass der gefoulte Spieler nicht selbst schießen sollte.

  • Vor 2 Jahren

    Schönes Album, kein Highlight aber durch die Bank ansprechend. Betonte Andersartigkeit im verspielten Soundbild, angenehmer Vortrag. Den ruhigen Chak hör ich deutlich lieber als seine gepresst wirkenden Pöbelversuche mit Waldkitahumor