laut.de-Kritik

Die Ur-Punks buddeln im eigenen Archiv.

Review von

"Es werden definitiv keine weiteren zwölf Jahre mehr ins Land ziehen", versprach uns Descendents-Frontmann Milo Aukerman vor fünf Jahren im Interview. Und die Punkrock-Ikone hält tatsächlich Wort. Für ihr neues Studioalbum "9th And Walnut" haben Descendents im Vergleich zur letzten Veröffentlichung nur halb so lang gebraucht.

Die Freude ist also groß bei den immer noch zahlreichen Fans der Descendents, die einst das Fundament ebnete, auf dem später Bands wie Green Day, Blink 182 und The Offspring ihre weltweiten Erfolge feierten. Mit ihrem neuen Studioalbum im Gepäck blicken die Kalifornier nun ganz weit zurück.

Schon der Titel sorgt bei Fans der allerersten Stunde für feuchte Augen. Bei "9th And Walnut" handelt es sich nämlich um die Anschrift des ersten Proberaums, in dem sich die Ur-Besetzung der Band im Jahr 1978 niederließ. Aus dieser Zeit sind scheinbar noch viele musikalische Schätze übriggeblieben: "Wir haben zwischen 1977 und 1980 viele Songs geschrieben, die wir aus unterschiedlichen Gründen nie veröffentlicht haben", erklärt Sänger Milo. Über vierzig Jahre später kommt ein Teil dieser Schätze nun endlich ans Tageslicht.

Abzüglich des Dave Clark Five's-Covers "Glad All Over" und dem neu aufgenommenen Debüt-Single-Duo "Ride The Wild" und "It's A Hectic World" pfeffern Descendents ihren Anhängern satte 15 "neue" Tracks um die Ohren. Und von denen hat es jeder unheimlich eilig. Wieder einmal überschreitet keiner der Songs die Dreiminutenmarke.

Das rockige, von fabulösen Drums befeuerte "Nightage" und das bereits erwähnte "Ride The Wild" sind die einzigen beiden Titel, die länger als zwei Minuten durch die Boxen schallen. Der Rest des Albums rauscht ausnahmslos auf der Überholspur am Hörerohr vorbei.

Was sofort auffällt: Die Band baut eine kratzige und rumpelige Zeitbrücke. Statt den Sound auf neuzeitlichen High Tech-Standard zu hieven, lässt man die alten Kamellen lieber weitgehend unbehandelt vom Stapel. Es holpert und poltert ganz schön im Punkrock-Karton. Im Stile einer in der Zeit zurückgeworfenen Garagen-Band schrammeln sich Descendents durch kurzweilige Pogo-Abenteuer.

Mal melodischer, mal schroffer geht es Krankmachern und Nervtötern ("You Make Me Sick", "Yore Disgusting") an den Kragen. Zwischenmenschliche Ermüdungserscheinungen bekämpft man mit schönen Chören und viel Elan ("Tired Of Being Tired"). Der Hektik des Alltags begegnet man mit abgedämpften Powerchords und einer Prise Oi-Charme ("It's A Hectic World"). Und wenn es ums heilige Haupthaar geht, kann es auch schon mal eine Spur aggressiver werden ("It's My Hair").

Nach einer guten halben Stunde steht fest: Descendents haben es immer noch drauf. Wüsste man es nicht besser, könnte man glauben, man habe es hier mit einer aufstrebenden jungen Punkrock-Truppe zu tun, die sich mit viel Rotz am Ärmel von keinem etwas sagen lässt. Nicht der schlechteste Stempel, wenn man im Karrierewinter noch einmal große Spuren hinterlassen will.

Trackliste

  1. 1. Sailor's Choice
  2. 2. Crepe Suzette
  3. 3. You Make Me Sick
  4. 4. Lullaby
  5. 5. Nightage
  6. 6. Baby Dontcha Know
  7. 7. Tired Of Being Tired
  8. 8. I'm Shaky
  9. 9. Grudge
  10. 10. Mohicans
  11. 11. Like The Way I Know
  12. 12. It's A Hectic World
  13. 13. To Remember
  14. 14. Yore Disgusting
  15. 15. It's My Hair
  16. 16. I Need Some
  17. 17. Ride The Wild
  18. 18. Glad All Over

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2 Kommentare mit 8 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Und ich dachte immer, Bad Religion wären schuld an Green Day, The Offspring etc. gewesen...

    • Vor einem Jahr

      Hm, beide Debuts kamen 1982 raus. Ich würde mal behaupten, dass Bad Religion bekannter war / den größeren Einfluss hatte.

    • Vor einem Jahr

      Wird wohl etwas komplexer sein, als Bad Religion = bekannter = größerer Einfluss.

      NoFX haben btw in "13 Stitches" den Descendents ihren Tribut gezollt:

      "The first time I saw the Descendants,
      They were the fastest band I'd ever seen"

    • Vor einem Jahr

      Weiß nicht, ob das so viel komplexer ist. Weiß auch gar nicht, wie die in Amiland wahrgenommen wurden / werden, hier zu Lande habe ich zumindest BR wesentlich früher kennen- und lieben gelernt, als Decentents, wahrscheinlich sogar ca. 10 Jahre eher.

    • Vor einem Jahr

      Bad Religion haben später ihren Stil gefunden (das Debut von '82 rumpelt noch sehr im LA-Hardcore, die Meldoien kamen später) waren aber über die Jahre deutlich präsenter. Descendents sind seit dem Ende der 80er ja nur höchst sporadisch aktiv und - da kommt jetzt die europäische Perspektive ins Spiel - während ihrer aktivsten Phase glaube ich nie so richtig nach Europa rübergeschwappt.

      Fat Mike erwähnt übrigens öfters, dass Bad Religion seine all time favorite band ist ;)

    • Vor einem Jahr

      Denke wir geben BR die Haupt- und den Descendents eine Mitschuld und gut ist. ;)

  • Vor einem Jahr

    Ja, sie haben es immer noch drauf. Die Scheibe wurde aber bereits 2002 aufgenommen (außer die vocals, soweit ich weiß).