laut.de-Kritik

Im Abgrund zwischen Lil Peep und grim104.

Review von

Man muss wahrscheinlich keinen Extra-Hinweis voranstellen: Alles, das diesem Album vorausging, war ja schon eine einzige riesige Triggerwarnung. "Watchmeburn" fordert der Titel, die jüngste Single heißt, gar nicht so wahnsinnig subtil, "Endpunkt" ... nee, Duzoe lädt da wohl eher nicht zu einem lauschigen Spaziergang ein. Vielmehr entführt er in den ganz, ganz finsteren Wald - den in seinem Kopf, nämlich - und wenn du nicht aufpasst wie der sprichwörtliche Luchs, dann lässt er dich dort gefesselt und geknebelt liegen. Spaß macht das keinen, aber den hat auch niemand versprochen. Also ... gehen wir mit?

Einmal reingeraten, fällt es schwer, sich dem abgründigen Sog dieser Platte wieder zu entziehen. Die Beats bauen von den ersten Tönen an eine beklemmende, bedrückende Atmosphäre auf, die zugleich einlullt und lähmt. Das wattige, benebelte Gefühl, das sich umgehend einstellt, korrespondiert bestens mit den Texten. Das beginnt gleich im Opener "Caillou", der vom Dosenbier zum Koks nur einen winzigen Schritt braucht.

Von Glorifizierung von Drogen und Rausch hier übrigens keine Spur. Es wirkt eher, wie der ebenso verzweifelte wie nutzlose Versuch, bloß irgendwie der Situation zu entfliehen. "Keine Ahnung, ob ich leb'", beschreibt Duzoe seine Verfassung. Das nachgeschobene "Aber alles schon okay" glaubt er sich offensichtlich noch nicht einmal selbst.

Nein, gar nichts scheint "okay" in der Welt, die Duzoe hier skizziert, vor allem nicht sein Beziehungsleben. Entweder sieht ihn der angebetete Mensch gar nicht (was ihn erst zum "Ghost", dann zum Stalker, schließlich zum Feuerteufel mutieren lässt). Oder aber, alles ist eh längst in die Brüche gegangen (wie in "F.T.P. II" oder "Wenn Du Gehst").

Sehr originell kommen mir diese Trennungssongs nicht vor. Über die entschwundene Liebste erfahren wir gerade einmal, dass sie aussieht "wie Kylie Jenner, Baby, du bist wunderschön", ihn "nicht mehr seh'n" will, dann ist sie weg, und die - in Duzoes Welt logische - Konsequenz: "Ich schneide mir in mein gottverdammtes Fleisch". Hm. Geht so.

"Wenn du gehst, schieß ich mir in meinen Kopf" hat sich als Basis für eine funktionierende Beziehung ebenfalls nicht gerade bewährt, wie sich zeigt. Gut immerhin, dass Duzoe seine Drohung nicht wahr gemacht, sondern seinen Schmerz statt dessen in diese weinerliche Nummer gestopft hat. Dass sich "Wenn Du Gehst" textlich irrsinnig im Kreis dreht, nervt zwar beim Hören kolossal, fängt aber tatsächlich die hilflose, um sich selbst kreisende Verfassung des Sitzengelassenen perfekt ein. "Keine Scheißperspektive, doch 'n Haufen Tränen".

Wenn Duzoe sich in melancholischem Singsang in seinem Elend suhlt und versucht, seinen zweifellos allgegenwärtigen Schmerz irgendwie zu betäuben, klar, dann steckt jede Menge Lil Peep in diesem Album. Die Zwangsläufigkeit, mit der sich Einsamkeit und psychische Schieflage, Kontakt- und Realitätsverlust gegenseitig bedingen und befeuern, schildert "Watchmeburn" jedenfalls an vielen Stellen absolut nachvollziehbar.

Immer wieder bricht aber auch der Battlerapper durch, der eben auch in Duzoe steckt. Dann klingt er plötzlich gar nicht mehr nach Lil Peep, sondern viel eher nach einem verschollenen, aber ebenbürtig durchgeknallten Bruder von grim104. An diesen Stellen wird die Sache wirklich interessant. Etwa in "Run DMC", wenn Duzoe über stechende, blechern scheppernde Sounds hetzt, wie von Dämonenhorden getrieben, das "run, run, run" so zusammengecuttet, dass es wirkt wie Hundegebell.

Oder, weiteres Highlight (auch wenn sich hier weder von "high" noch von "light" irgendeine Spur findet), in "Abyss", wenn Duzoe in der Schwebe zwischen Schlaf- und Wachzustand Panik, Beklemmung, Paralyse und Orientierungslosigkeit beängstigend gut mit-erleben lässt.

Die unentschlossenen Tracks, bei denen sich nicht auf Anhieb erschließt, worauf sie hinauswollen, entpuppen sich als ungeheuer spannend. "Fallen", zum Beispiel - was soll das sein? Ein Auf-die-Fresse-Track oder 'ne Dealerstory? Selbstanalyse oder Selbstmitleid? Von allem ein bisschen, wahrscheinlich.

Ganz so isoliert, wie er sich fühlt, scheint Duzoe dann aber doch nicht zu sein. Zumindest hat er noch warnende Stimmen in seinem Umfeld: "Sie sagen: 'Thiemo, mach so weiter, und du landest an dei'm Endpunkt.'" Ich schätze, das weiß einer, der sich so intensiv mit den eigenen Abgründen befasst hat, selbst wahrscheinlich am allerbesten. Kein Wunder also, dass es darauf nicht mehr als ein resigniert-trotziges "Und wenn schon" zurückgibt.

... und wenn schon? Na, es wäre - insbesondere jetzt, wo Duzoe bewiesen hat, dass er auch abseits der ODMGDIA funktioniert - doch überaus schade.

Trackliste

  1. 1. Caillou
  2. 2. Francaise
  3. 3. Ghost
  4. 4. Pluto
  5. 5. Dying
  6. 6. Pinky Promise
  7. 7. Fallen
  8. 8. Run DMC
  9. 9. F.T.P. II (Farewell To Presence)
  10. 10. Abyss
  11. 11. Wenn Du Gehst
  12. 12. Endpunkt

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