laut.de-Kritik

Frischzellenkur für Flanellhemden.

Review von

Pearl Jam-Fans können ihr Glück kaum fassen. Wünschen sie sich seit 20 Jahren nichts mehr, als kürzere Zeit zwischen Touren und mehr veröffentlichte Musik, werden sie seit zwei Jahren zumindest mit Studiooutputs für PJ-Verhältnisse fast bombardiert: 2020 begann mit dem lang erwarteten "Gigaton" der Stammband, 2021 legte Eddie mit Langzeit-Buddy Glen Hansard den famosen akustischen Soundtrack "Flag Day" vor. Und jetzt ist ein komplett neues Soloalbum da! Die Ukulele ließ Eddie Vedder diesmal im Jutesack, die Akustische weitestgehend ebenfalls. Auf "Earthling" gibt der Pearl Jam-Frontmann sich ganz seiner Liebe zur treibenden Rockmusik hin. Und zelebriert hörbare Spielfreude, dass die karierten Flanellhemden nur so rascheln.

Seine Muse tritt in Gestalt des Produzenten Andrew Watt auf die Bildfläche, der mit seinen 31 Jahren leicht als verlorener Vedder-Sohn durchgeht. Dem Grammy-verzierten Produzenten des Jahres 2021 vertrauten in letzter Zeit Künstler allerlei Genres, die etwas mehr Gitarrenflair brauchten: von Posty über Miley und Bieber bis hin zu Ozzy und Elton. Für Eddie machte der bekennende Pearl Jam-Superfan Watt aber gern den Kalender frei. Der Vibe bei den ersten Treffen stimmte, und so schraubten sie gemeinsam an 13 abwechslungsreichen Songs.

Den vollen und losen Bandsound rundeten Schlagzeuger Chad Smith und Ex-Pepper Josh Klinghoffer ab. Natürlich denkt man bei Vedders Weltmeister-Bariton in Verbindung mit verzerrten Gitarren immer zuerst an die Hauptband des Sängers. Tatsächlich enthält "Earthling" den einen oder anderen Song, den man getrost sich auch dem Oeuvre des Seattle-Fünfers zuordnen könnte, allen voran der erste Standout-Track "Brother In A Cloud", der mit seinem Riffing und der schwebenden Melancholie schwer nach Seattle schielt und thematisch den Verlust zu früh von uns gegangener Liebsten thematisierte. Der Wink mit einem Zaunpfahl Richtung Chris Cornell-Mähne liegt auf der Hand, aber man darf den Song getrost auch an Vedders Halbbruder Chris Mueller gerichtet sehen, der 2016 bei einem Kletterunfall ums Leben kam.

Trotzdem wohnt im Kern des "Earthling" eine gewisse Eigenständigkeit. Durch die Kollaboration mit Watt findet Vedder häufiger schneller und schnörkelloser zum Punkt in den Songs. Dieser Eingängigkeit versperrte der Sänger sich bekannt historisch schon immer, hier hatte er keine Einwände. Das liegt vermutlich auch daran, dass die Riffs und Songideen einen solchen Charme besitzen, dass man gar nicht erst in Versuchung kommt, eine Seite aus dem Anti-Mainstream Spielbuch aufzuschlagen.

Gleich auf "Invincible" greift er - für ihn - neuartige Synthie-Fundamente auf, schickt die Erkundungssonde erstmals in neue musikalische Gefilde und landet im angrenzenden Krater zu späten R.E.M.. "Power Of Right" rockt simpel wie packend geradeaus mit einem knarzigen Sound, bevor ein glitzernder Refrain die Stadionrocktauglichkeit des Songs gleich um einige Level nach oben hebt. Lyrisch bleibt Ed hier in bekannten Fahrwässern und erzählt von einer dysfunktionalen Beziehung mit einer starken weiblichen Protagonistin.

Neben solchen Ausflügen in lautere und rockigere Gefilde wehen einem auf "Earthling" einige Geister aus Eddies musikalischer Sozialisierung entgegen. Die Single "Long Way" huldigt Tom Petty und suhlt sich im gemächlichen Americana. Mit Benmont Tench klimpert hier auch ein echter Heartbreaker die Orgel. Das ist allerdings bei weitem nicht der einzige Special Guest, der sich fast im Hintergrund auf der Scheibe tummelt.

Eine lupenreine Beatles-Hommage erklingt später auch mit der Piano-Nummer "Mrs. Mills". Und wenn man Eddie Vedder heißt, trommelt auch schnell mal Ringo Starr mit Originalequipment den Song ein. Penny Lane, anybody? Zuvor schaut noch kurz Elton John auf eine schnipsende Rock'n'Roll Nummer vorbei, lässt sich zum astreinen Honky Tonk-Klaviersolo hinreißen und erwidert somit Vedders Guest-Spot auf seinem Duett-Album.

Der zweifellos spannendste Gast manifestiert sich in der Brillanz von Stevie Wonder. Auf der Feel Good-Punknummer "Try" haut er in Überschallgeschwindigkeit ein Mundharmonika-Solo raus, das in der Umsetzung genauso gut ist, wie die Idee auf Papier abwegig erscheint.

Besonders an den rasanteren Momenten blüht die Band förmlich auf. Vor "Try" stechen vor allem der Doppelschlag des an den PJ-Kracher "Habit" erinnernde "Good And Evil" sowie "Rose Of Jericho" hervor. Beide zählen zu den besten Rocksongs, die der Pearl Jam-Fronter in den letzten zehn Jahren abgeliefert hat. Nicht zu klinisch sauber produziert, lässt Watt seine bestechenden Gitarrenfertigkeiten immer wieder in sphärischen Leads und kurzen Blitzsoli los. Chad Smith groovt hart und tobt sich in den Fills auch mehr aus als bei seinem Hauptarbeitgeber. Harte Strophen weichen großen hymnischen Refrains. Und Eddie legt seine entspannte Surfer-Persönlichkeit ab und wird zum anprangernden Marktschreier rund um die ökologische Realität unseres Planeten.

Einmal allerdings wird das Lagerfeuer entzündet: Mit "The Haves" platzt die klassische Ballade mit schmachtender Emotion in die Mitte des Albums. Wie schon "Just Breathe" - ohne jedoch an die Klasse heranzukommen - macht die Kombination aus sparsamer Instrumentierung und DIESER STIMME ein schönes Kleinod von Lovesong, zu dem die Feuerzeuge bzw. Handykameras schon von allein angehen.

Der letzte Ausflug des Albums benötigt entsprechend Kontext, hat aber noch einen speziellen Gast vorzuweisen: Audio-Aufnahmen von Vedders leiblichen Vater, die erst vor einigen Jahren in seinem Besitz gekommen sind, setzen in "On My Way" gesampelt zur vereinenden Vater-Sohn Harmonie an, aber nur für einen Moment. Dann ist der Geist wieder verschwunden.

Produzent Andrew Watt hat hörbar einen neuen Enthusiasmus in Vedder geweckt. "Earthling" ist auf lange Strecken kompromisslos, laut und optimistisch. Mit einer astreinen Band im Rücken hämmert er uns allen noch mal in die Köpfe, was wir immer schon wissen sollten: Der Last Man Standing der alten Garde des Alternativ Rock zeigt keinerlei Altersschwäche.

Trackliste

  1. 1. Invincible
  2. 2. Long Way
  3. 3. Power Of Right
  4. 4. Brother The Cloud
  5. 5. Fallout Today
  6. 6. The Dark
  7. 7. The Haves
  8. 8. Good And Evil
  9. 9. Rose Of Jericho
  10. 10. Try
  11. 11. Picture
  12. 12. Mrs. Mills
  13. 13. On My Way

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12 Kommentare mit 34 Antworten

  • Vor 7 Monaten

    Ein richtig starkes Album, da war ich echt überrascht. Geht in die Richtung der aktuellen Bruce Springsteen. Kernig, roh, aber sehr gut produziert.
    Nachdem ich die letzte (und auch b3ide Vorgänger) Pearl Jam gut, aber ein wenig unspektakulär fande, habe icch gemerkt, dass der gute Eddie doch noch mehr als den (ich hasse ja eigentlich diesen albernen Begriff) gefürchteten Dadrock kann. Lohnt wirklich für jede*n mit Hang zum oldschooligen Songwriting. Zum Reinhören: Ohrwurmanspieltip von mir ist "Long Way", musikalischer Tip, weil gewaltiger Gesang "The Dark".

    Hab die CD Version, werde mir das Teil aber definitiv noch auf Vinyl holen. Die Scheibe ist es wert!

  • Vor 7 Monaten

    long way reminds me of free falling strange

  • Vor 6 Monaten

    Auch ein Vedder muß Geld vedienen,also gibt es durchaus Annäherungen zum Mainstream.Aber im 2.Teil rockt er los,als gäbe es kein Morgen! Und die schönste Ballade der letzten Jahre hat er mit "The Haves" abgeliefert. Da gibts nix zu meckern:Klasse Album!