27. Juli 2003

"Rockmusik sollte von den Geschlechtsorganen kommen"

Interview geführt von

In der Kreuzberger Wohnung führen uns die Label-Abgesandten mit E aufs Dach. Dort stehen schon zwei Liegestühle, ein Planschbecken, ein Sonnenschirm und eine frische Brise bereit. Der Blick über die Berliner Dächer und Hinterhäuser ist einmalig. Im Hintergrund hört man Vogelgezwitscher. Aber ich sollte mich lieber auf E konzentrieren. Der hat anscheinend auch vor, seinen Fokus ausschließlich auf uns zu richten: "Ich will mit den Ladies alleine sein", schickt er seinen Tourmanager vom Dach, "da unten sind noch mehr Frauen. Hab da deinen Spaß. Das hier sind meine Frauen."

Ich beschließe, noch vor Beginn des Interviews in die Offensive zu gehen:

Wenn dir irgendwelche Fragen nicht passen, sag Bescheid, dann musst du die nicht beantworten!

E: Bist du dir sicher, dass du das auch so meinst? Ich mache das dann wirklich!"

Klar bin ich mir sicher, sonst hätte ich's ja nicht angeboten. Außerdem scheint er sehr viel netter zu sein, als ich ihn mir vorgestellt habe.

Wie hast du es geschafft, das neue Album in nur zehn Tagen aufzunehmen? Das ist ja superschnell!

Es brauchte einfach nicht mehr Zeit. Normalerweise nehmen wir in meinem Keller auf. Der ist sehr klein und wir können da immer nur eine Sache nach der anderen aufnehmen. Die Songs haben sich dann langsam aufgebaut. In diesem Fall sind wir mal in ein richtiges Aufnahmestudio, haben uns in einen Kreis gesetzt und live gespielt. Also haben wir nicht soviel Zeit dafür gebraucht. Drei Minuten später war der Song aufgenommen.

Also habt ihr alles in einem Take aufgenommen?

Ja, in vielen Fällen schon. Manchmal haben wir auch ein paar Takes gebraucht, aber nie allzu viele.

Ihr könntet mit den Songs, die ihr aufgenommen habt drei Alben füllen. Was passiert mit dem nicht veröffentlichten Material?

Das versuche ich auch gerade raus zu finden. Es ist sehr kompliziert. Ich versuche gerade Stücke daraus zu nehmen, neue Sachen hinzu zu fügen und was komplett neues draus zu machen.

Heißt das, dass es in Kürze wieder ein Eels-Album geben wird?

Nein, das wird wohl noch eine ganze Weile dauern. Wir werden jetzt erst mal länger auf Tour sein. Und vielleicht machen wir auch einen Film. Einen Film über uns auf Tour. Also wird es noch ein bisschen dauern, bis ich wieder Sachen aufnehmen kann, denn ich möchte neue Sachen aufnehmen. Vielleicht dauert es noch ein paar Jahre, bis ein neues Album von uns raus kommt.

"Shootenanny" ist ein ziemlich kurzes Album. Warum, wenn ihr so viele Songs habt?

Also, es ist so lang wie unsere anderen Alben. Nur weil 74 Minuten Musik auf eine CD passen heißt das noch lange nicht, dass 74 Minuten Musik drauf sein müssen. Es gibt großartige Alben, die nur 29 Minuten lang sind, "Revolver" [von den Beatles, Anm. d. Red.] zum Beispiel. I don't weigh music by the pound!

In "Agony" singst du "all the joy and happiness was replaced with hunger." Hunger worauf?

Gerade nur auf Essen. E soll im Anschluss ans Interview für eine Fernsehsendung kochen. Das wird sein Frühstück sein.

Gleich kriegst du unten welches!

Das ist ein komisches Leben. Menschen denken immer, das wäre so einfach. Du bist heute morgen aufgestanden und hattest wahrscheinlich ein Frühstück, richtig?

Klar!

Ich stehe morgens auf, fahre zu einem komischen Apartment mitten in Berlin, frage nach Frühstück und sie sagen zu mir 'Warte, du machst ein Interview und dann wirst du dein Frühstück live im Fernsehen kochen. Siehst du, es ist nicht so einfach wie du denkst! Aber irgendwie fand er die Idee dann doch ganz lustig. Außer der Tatsache, dass er einen leeren Magen hat, so lange wir miteinander reden. Wenigsten bringt uns jetzt jemand ein Tablett voller Getränke.

Ich denke nicht, dass das Leben eines Pop-/oder Rockstars wirklich einfach ist. Wenn du dich überhaupt als so was siehst ...

Hungry Popstar. E lacht, und das nicht zum ersten Mal in diesem Interview. Was erzählen eigentlich alle von diesem 'komischen Freak', den ich beim Interview treffen würde!? Neben mir sitzt auf jeden Fall ein hochsympathischer Mann! Ich bin hungrig wie ein Wolf! Hier, willst Du was trinken? Lass es mich für dich machen! Was willst du? Willst du Eis? Das ist wunderbar an solch einem heißen Tag! Aber du bist Deutsche, du magst bestimmt nicht so viel Eis, ist das genug?

Ja, das reicht, sonst ist da ja gar nichts mehr zu trinken drin!

E macht allen Getränke und findet, dass das alles wunderbar aussieht. Er freut sich, dass er sich so viel Eis reinmachen kann. Nächste Frage bitte!

Ich habe gehört, dass deine Texte nicht mehr autobiographisch sind? Das kann ich nicht glauben!

Nein nein nein, das stimmt so auch nicht! Das ist halb-halb.

Was willst du mit deinen Lyrics erreichen? Willst du dein Publikum berühren? Oder willst du ihnen etwas ganz bestimmtes erzählen?

Das ist von Song zu Song verschieden. Manchmal will ich nur eine Geschichte erzählen und ein anderes Mal versuche ich etwas loszuwerden. Ich will etwas ausdrücken, warum auch immer. Aber meist will ich einfach nur eine Geschichte erzählen. Ich versuche Menschlichkeit in den Charakteren zu entdecken. Es ist interessant herauszufinden, wo auch Bösewichte menschlich sind. Das ist ein interessanterer Weg, menschliche Qualitäten von jemandem zu finden, der etwas Schlechtes getan hat.

Ich denke, du bist irgendwie von diesem ganzen Zynischen und Ironischen in deinen Songs weggekommen, hin zum Storrytelling.

Ich denke, ich bin gar nicht so zynisch wie die Leute immer denken. Ich bin eigentlich zwei Personen, und die sind im Krieg. Da ist eine zynische Person und eine eher gutmütige ... und die kämpfen gegeneinander.

Was denkt deine Frau, wenn du einen Song wie "Lone Wolf" schreibst? Ich meine, du singst darüber, dass du ein Einzelgänger bist und dass du nicht willst, dass Leute dir zu nahe kommen. Meinst du das wirklich so?

Ja, dieser Song ist autobiographisch. Naja, das ist ihr Problem. lacht Nein, ich kann so einen Song nur schreiben, weil ich verheiratet bin. Verheiratet zu sein bringt bestimmte Sachen erst ans Licht. Du weißt vielleicht erst wirklich wer du bist, wenn du in solch einer Beziehung steckst. Nachdem du ein paar Jahre verheiratet bist, fängst du erst an zu sehen, woraus du wirklich gemacht bist. Es gibt nichts schlimmeres, als mit jemandem eine Beziehung zu haben, der mit sich selbst im Krieg ist. Der nicht akzeptiert hat, wer er ist. Wenn jeder um diese Person herum weiß, wie dieser Mensch drauf ist. Nur dieser Mensch weigert sich, es zu sehen. Und er arbeitet die ganze Zeit gegen sich selbst und ist sein eigener größter Feind.

Das ist kein Spaß für diese Person oder irgend jemanden in seinem Umfeld. An einem bestimmten Punkt muss man einfach sehen: Es gibt Dinge, die man ändern kann und es gibt Sachen, gegen die kann man einfach nichts machen. Man muss einfach das beste daraus machen und sagen: 'Das ist, wer ich bin'. Naja, und als ich geheiratet habe, habe ich gemerkt, dass jeder weiß, dass ich ein Einzelgänger bin. Und ich habe immer versucht das zu bekämpfen, es war mir immer irgendwie peinlich. Da musste ich mir eingestehen, dass das ein großer Teil von mir ist. Jetzt stehe ich dazu. Außerdem bin ich mit einer sehr unabhängigen Frau verheiratet. Sie kann das bei mir auch akzeptieren. Das ist eine komische Ehe.

Stimmt es, dass du sie in Deutschland kennen gelernt hast?

Ja, das stimmt, Deutschland ist schuld! lacht

In meinen Ohren kling "Shootenanny" viel hoffnungsvoller als deine alten Platten. Naja, "Souljacker" hat gerockt.

Für mich sind alle meine Alben hoffnungsvoll, das ist die Idee hinter den Alben. Es kommt natürlich darauf an, wie man die Sache betrachtet. Weiß du, es kann auch tröstlich sein, diese Alben zu hören, wenn du unglücklich bist. Du fühlst, dass du nicht alleine bist. Du bist nicht die einzige, die im Regen nass wird.

Die ersten Takte von "Wrong About Bobby" erinnern mich an Nirvana. Ist das Absicht?

Nein, mir wird oft gesagt, dass meine Songs die Leute an irgendwelche anderen Songs erinnern. Oft sind das Stücke, von denen ich noch nie was gehört habe oder ich habe definitiv nicht an diesen Song gedacht, als ich meinen geschrieben hab.

Du klingst auch ein bisschen nach Beck.

Warum?

Deine Stimme ...

Meine Stimme? Die klingt überhaupt nicht nach ihm. Irgendjemand sagte mir, das würde so ähnlich klingen, weil Beck und ich mit den Dust Brothers zusammen gearbeitet haben und die haben einen sehr eigenwilligen Sound.

Und wo wir schon dabei sind: Deine neue Single ("Saturday Morning") klingt nach den Dandy Warhols.

Aha!

Ich habe gelesen, dass du viel Recherche für deine Songs betreibst. Wie kann man sich das vorstellen?

Manchmal mache ich das, ja. Wie zum Beispiel bei "Saturday Morning". Das basiert auf meinen Erinnerungen. Als Achtjähriger bin ich immer viel zu früh aufgewacht. Es handelt davon, wie lang dir dein Tag vorkommt, wenn du acht Jahre alt bist. Ich habe mir nun ein Videotape von der TV-Show besorgt, das ich in diesen Morgenstunden immer geschaut habe ... um irgendwie wieder in diese Gemütsverfassung zu kommen. Und dann hört sich das an wie die Dandy Warhols, well ... lacht Die ganze Arbeit umsonst. Hm, eigentlich kenne ich die Dandy Warhols nicht mal.

In einer Review über dein neues Album stand, dass du 'intelligente Rockmusik' machst. Wie siehst du das?

Das klingt ziemlich schlecht, finde ich. Hört sich an, als ob es so was nicht geben sollte. Ich weiß nicht, wie ich meine Musik nennen würde.

Warum sollte es so was wie intelligente Rockmusik nicht geben?

Rockmusik sollte mehr von den Geschlechtsorganen als von deinen denkenden Organen kommen.

Nochmal zurück zu "Souljacker". Ich denke, das ist ein ziemlich untypisches Eels-Album. Es war lauter, ging mehr vorwärts als sie anderen. Denkst du, es gibt ein typisches Eels-Album oder -Song?

Nein, nicht wirklich. Das ist immer ein Problem, ich weiß nicht, wie ich meinen Sound nennen soll. Als ich zum ersten Mal zu meinem Zahnarzt ging, musste ich einen Zettel ausfüllen, in dem ich eintragen sollte, als was ich arbeite. Ich schrieb Musiker oder Songwriter rein und sie fragten mich, was für Musik ich mache. Ich weiß einfach nicht, wie ich das genau nennen soll. Kommt auch immer drauf an, aus welchem Jahr man Sachen von mir betrachtet.

Ich finde die Idee toll, dass du mal mit einem Orchester auf Tour warst. Möchtest du das noch mal machen?

Ja, ich würde gerne eine Eels-Orchestra-Reunion machen. Oder so was ähnliches. Vielleicht das nächste Mal, wer weiß?

Was war das beste daran?

Jedes Jahr machen wir etwas, das wir so vorher noch nicht gemacht haben. Und jedes Mal ist es wieder aufregend für mich. Aber das war wirklich ein großer Spaß. Schon die Overtüre, die wir am Anfang gespielt haben, ein instrumentelles Potpourri verschiedener Eels-Songs. Allein das hat schon sehr viel Spaß gemacht.

Was ist dieses Mal das Besondere an der Tour?

Es rockt, irgendwie anders als sonst. Das ist schwer zu beschreiben. Kommst du heute zur Show?

Ja.

Dann wirst du mir diese Frage ja beantworten können.

Coverst du wieder Songs live? Ich habe auf deiner Homepage eine Eels-Coverversion von Missy Elliots "Get Ur Freak On" gehört und fand sie klasse!

Das hat Spaß gemacht. Ist aber schon ein paar Jahre her. Wir machen die Nummer nicht mehr. Wir werden heute ein paar Coverversionen spielen, aber nicht Missy Elliot.

Das ist schade!

Du hättest halt das letzte Mal kommen sollen. Da bist du jetzt selber schuld. Ich kann nicht für alles verantwortlich sein.

Du hast oft erwähnt, dass du dich nicht gerne bei deiner Musik beeinflussen lässt. Gab es nicht doch irgendwelche Einflüsse, nach denen du klingen wolltest?

Ich habe mir einfach alles angehört, ich hatte da keine Berührungsängste. Mich hat es nicht interessiert, welche Art Musik das jetzt war, solange es mich berührt hat. Ich war noch nie von irgendwas so besessen, dass ich genau so klingen wollte. Als ich ungefähr 18 war, las ich die Autobiografie "Brother Ray" von Ray Charles. Die hält sehr gute Ratschläge bereit. Er sagt darin, dass es das wichtigste ist, herauszufinden, was an dir so besonders ist. Und dass man das füttern und in die Welt setzen sollte. Aber heute ist es für viele Leute hart, sich selbst zu finden. Jeder ist von so vielem beeinflusst. Es ist schwierig all diese Einflüsse kreativ zu nutzen.

Du hast gesagt, dass das einzige, was dich glücklich macht, das Aufnehmen von Platten ist. Und schon bevor das Album rauskommt bist du nicht mehr wirklich daran interessiert. Wie überlebst du dann diese ganze Promo - Interviews, das Touren, ...

Es ist hart, es ist komisch. Es ist der schwerste Teil. Ich versuche dabei so viel Spaß wie möglich zu haben, aber manchmal wird man einfach verrückt. Das was mich am laufen hält, ist mich aufs neue Album zu freuen.

Warum macht es dich verrückt?

Weißt du, ich bin hungrig. Jetzt gerade will ich einfach nur was zu essen.

Ok, sind auch nicht mehr viele Fragen. Du hast mal behauptet, dass es gut ist, dass Depressionen und Selbstmord auch eine romantische Seite haben. Warum? Oder: wie hilft es dir?

Naja, das ist vielleicht ein eher kontroverses Statement. Aber ich habe damit gemeint: Für jemand, der wirklich depressiv ist - weißt du, ich hatte eine Menge tragische Situationen in meinem Leben - und Er spricht nun langsam und noch überlegter als ohnehin. ich war wirklich dankbar dafür, dass es diese romantische Seite dieser Tragik gibt. Etwas, das hilft.

Naja, das gilt vielleicht für die Leute drum rum, aber wenn man wirklich eine Depression hat, kann man die romantische Seite gar nicht mehr sehen?

Man versucht sich halt an allem festzuhalten.

"Humor macht das Traurige bedeutungsvoller" hast du in einem Interview behauptet. Wie soll das funktionieren?

Weißt du, wenn du keinen Sinn für Humor hast, auch wenn es um Tragödien geht, dann wird es zu viel. Es zieht dich runter. Aber wenn man einen ausbalancierten Blick auf das alles behält, dann kann man es auf eine ironische Weise ernster nehmen.

Noch zwei Fragen, bis du endlich zum Frühstück darfst! Beantwortest du die Fragen in der "Dear Uncle E"-Section auf deiner Homepage selber?

Klar!

Das ist wirklich witzig zu lesen.

Danke!

Was bedeutet dir das Internet - persönlich und als Künstler

Weißt du, ich versuche einfach meinen Job zu machen, als ein Ratgeber-Kolumnist. Es war immer ein Traum von mir, meine eigene Ratgeber-Kolumne zu haben. Wir müssen beide lachen. Und jetzt ist mein Traum wahr geworden! Das sind alles echte Briefe. Und ich versuche mein bestes zu geben. Es ist einfach an der Zeit, dass ich der Community was zurück gebe. Und was kann ich ihnen besseres geben? Ich bin kein reicher Mann, aber ich bin reich an Erfahrungen. Und ich muss diese Erfahrungen jetzt weitergeben.

Okay, letzte Frage, wahrscheinlich die typische Deutschland-Frage. Wie hast du Wim Wenders getroffen - wie kam es zu der Zusammenarbeit? (Wenders hat das Video zu "Souljacker Pt. 1" gedreht und in seinen Filmen kommen Eels-Songs vor)

Er hat die Eels auf dem ersten Album entdeckt, weil er das Cover so mochte. Er war in nem Plattenladen, fand das Cover schön und hat's einfach gekauft. Das zeigt, wie ungewöhnlich er ist! Es wurde eins seiner Lieblingsalben. 1996 oder so ging er auf ein Eels-Konzert und weil er nun mal Wim Wenders ist, durfte er backstage kommen. Er gestand mir seine Liebe und fragte mich, ob ich einen Song für seinen Film "The End Of Violence" schreiben könnte. Und so sind wir Freunde geworden.

Möchtest du auch mal in einem seiner Filme mitspielen?

Wir haben da schon öfter drüber geredet, aber ich glaube nicht, dass ich das mache.

Warum?

Neee, ich weiß nicht. Die Chance ist größer, dass so was nicht klappt. Wir machen ja jetzt einen Film über unser echtes Leben.

Über diese Tour?

Ja, wahrscheinlich.

Ok, dann werden wir dich jetzt mal zum Essen entlassen!

Das war kein schlechtes Interview! Danke!

Das Interview führte Vicky Butscher.

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