laut.de-Kritik

Die Wut ist noch da, sie kanalisiert sich nur anders.

Review von

In ár gCroíthe go deo! Klare Worte von Fontaines D.C. zum Einstieg in ihr drittes Album, die man leicht nachvollziehen kann, so man nicht ausgerechnet zu den geschätzten 98 Prozent ihrer Fans gehört, die nicht über irisch-gälische Sprachkenntnisse verfügen. Kritiker-Lobeshymnen, Brit Awards- sowie Grammy-Nominierungen für das Vorgängeralbum "A Hero's Death" haben offenbar nicht dazu geführt, dass das Quintett sich seinem internationalen Publikum anbiedert.

Ehrlich gesagt wünsche ich mir nach zwei herausragenden Alben einfach nur more of the same: Mehr präzise trockene Basslines nach Art von Joy Division, mehr minimalistische Gitarrenspuren, die sich hin und wieder zu einem Sturm zusammenbrauen und über alles hinwegfegen. Nicht zu vergessen das fast einschläfernd monotone Nölen von Grian Chatten, der den melancholischen Sound mit derbem Dublin-Akzent so besonders macht.

Fontaines D.C. wollen, so viel mal vorweg, das meiste davon nicht. "In ár gCroíthe go deo" beginnt zwar mit Conor Deegans identitätsstiftendem Bass, führt mit choralen Kirchenchants aber schnell ein neues Sound-Kapitel ein. In dem gewöhnungsbedürftigen Track verarbeitet Chatten seinen Schock über einen Vorfall im englischen Coventry. Die Familie einer dort verstorbenen Irin wählte den Satz "In ár gCroíthe go deo" ("Für immer in unseren Herzen") als Grabsteinspruch, doch die englische Kirche lehnte dies aus Angst vor politischen Missverständnissen ab. Ungläubig registrierte der Sänger, dass dies nicht vor 50 Jahren, sondern im Jahr 2020 geschah.

Die Geschichte passt zum Zustand der Gruppe, die nach dem Debütalbum 2019 sehr schnell berühmt wurde. Entstand "Dogrel" noch im Proberaum der gewohnten Umgebung in Dublin, schrieb die Band "A Hero's Death" ausnahmslos auf Tournee. "Skinty Fia" entstand nun in der selbstgewählten Diaspora - alle außer Deegan leben mittlerweile in London - und reflektiert somit zwangsläufig das Irischsein unter Briten.

Die Erfahrungen der irischen Familie in Coventry kennt Chatten auf ähnliche Weise: "Iren sind in England immer noch nicht wirklich Willkommen. Wir werden als Gruppe betrachtet, der man nicht vertrauen kann und die gefährlich ist", erzählte er dem Rolling Stone. Der sechsminütige Opener belegt mit einem furiosen Noise-Finale gleich die ganze stilistische Bandbreite, die die Gruppe mittlerweile zu spielen bereit ist.

"Big Shot" begibt sich dann wieder auf vertrautes Terrain: Carlos O'Connell liefert ein dunkles Riff, das sich immer dann songdienlich zurücknimmt, wenn Chef-Mourner Chatten seine Stimme ein paar Etagen unter die Erde verfrachtet: "Everybody gets a big shot baby." Zu gerne würde man diesen Song in einer Interpretation von Johnny Cash hören.

Das bereits veröffentlichte "Jackie Down The Line" ist die Vorzeige-Single der Platte, begnügt sich erneut mit sehr wenigen Moll-Akkorden, die Chatten in seinem repetitiven Style wieder so lange auspresst, bis sie uns noch ewig im Hirn herum schwirren. Die eingestreuten vokalen Spirenzchen "Do do do" und "La la la" erinnern entfernt an The Police, doch der wahre Star des Songs ist Drummer Tom Coll, der den Track unnachgiebig nach vorne pusht.

Das Selbstbewusstsein der Band, das sich kürzlich in Coverversionen der größten Hits von U2 und The Cure manifestierte, zeigt "I Love You". Ein How-to-write-a-Postpunk-Hit-Manual, angefangen von den Johnny Marr-Gedächtnis-Akkorden über die ruhigen Breaks hin zu Chattens atemlos-aufstachelndem Endlos-Monolog, in dem er nicht anders kann, als mit seiner großen Liebe Irland abzurechnen. Zugleich spürt er die Schuld und das schlechte Gewissen darüber, selbst nicht besser zu sein als all die anderen irischen Emigranten vor ihm, die die Heimat verlassen haben und in der Fremde über Dublin dozieren.

Aber niemand weiß bekanntlich wirklich, wie das eigene Land ist, bis er es verlassen hat. Fragt mal bei James Joyce oder Oscar Wilde nach. Den irischen Ausdruck "Skinty Fia" kannte übrigens nicht einmal Chatten selbst, die Großtante des Drummers benutzte ihn als Ersatz für ein Schimpfwort, er lässt sich mit "die Verdammnis des Hirsches" übersetzen. Ähnlich ratlos dürften Fontaines-Fans vor dem Titeltrack stehen, der in eine ungeahnt elektronische Richtung drängt. Ihre Primal Scream-Platten haben die Jungs genau studiert, so richtig will der Funke aber nicht überspringen.

Zuvor empfing uns Chatten bereits mit seinen neu erlernten Akkordeonkünsten auf "The Couple Across The Way", das einmal mehr den irischen Fokus stützt, den Drive der Platte allerdings ausbremst. Zumal zuvor mit "Bloomsday" ein weiterer Düster-Monolith die Kraft des Fontaines'schen Songwritings in den Mittelpunkt rückte.

In "Roman Holiday" versucht Chatten fast schon gut gelaunt zu sehnsüchtigen Gitarren die positiven Seiten an seiner Londoner Existenz herauszuarbeiten, ohne die eigene Identität zu verleugnen ("When they knock for ya don't forget who you are / Skinty Fia"). Demgegenüber steht das bittere "How Cold Love Is", das auch auf "A Hero's Death" zu den Highlights gehört hätte. Das laute "Nabokov" beendet die Platte ähnlich ambitioniert wie der Opener, gemeinsam mit Produzent Dan Carey (Squid) holt die Band hier auch klangtechnisch alles aus dem neuen Studio in Oxfordshire heraus und verabschiedet sich mit einer plättenden Wall of Sound.

Fontaines D.C. bleiben neben den Idles und Sleaford Mods die talentiertesten Querulanten in einem Zeitalter, das von Rap und TikTok dominiert wird. Trotz des erreichten Erfolgs bleiben sie nicht stehen und suchen stattdessen nach immer neuen Ausformungen ihres Trademark-Sounds. Ein Weg, der vielen vielleicht nicht gefällt, künstlerisch aber unabdingbar ist. Sonst wären auch U2 niemals bei "The Joshua Tree" angekommen, sondern hätten einfach weiter ihr "War"-Album kopiert.

Trackliste

  1. 1. In ár gCroíthe go deo
  2. 2. Big Shot
  3. 3. How Cold Love Is
  4. 4. Jackie Down The Line
  5. 5. Bloomsday
  6. 6. Roman Holiday
  7. 7. The Couple Across The Way
  8. 8. Skinty Fia
  9. 9. I Love You
  10. 10. Nabokov

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7 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor einem Monat

    Ich bin positiv überrascht. Hatte die irgendwie als Teil dieses Post-Punk Sumpfs abgestempelt, den ich immer mögen will und der dann doch nie zündet. Aber die Scheibe hat genau das richtige Maß an Poppigkeit und vor allem eine Dringlichkeit, die vielen Kollegen abgeht.
    Bisher eine der Entdeckungen des Jahres.

  • Vor einem Monat

    Ich liebe es! Sie werden immer besser.

  • Vor einem Monat

    War als großer Fan der zweiten Platte erst mal nicht ganz überzeugt, schien mit gerade bei den ersten paar Liedern etwas der Zug zu fehlen (auch wenn ich absolut unterstützenswert finde, dass eine Band versucht, sich nicht zu wiederholen und die allgemeinen Erwartungshaltungen zu erfüllen).
    Aber: Ich kann auch nicht so richtig sagen weshalb, Skinty Fia lässt mich irgendwie nicht los.
    Wie hieß es früher bei uns gerne: Alter, die wächst mit dem Hören! Dass ich das auf meine alten, saturierten Tage doch noch mal von Stapel lassen kann, alleine dafür muss ich die Band schon lieben!