laut.de-Kritik

Im Gruselkabinett der Realität.

Review von

"Kommen Sie näher, Herrschaften, nur keine falsche Scheu. Für ein paar läppische Euro gehen Sie auf eine Reise durch den Schrecken der Wirklichkeit. Springen Sie in den Knochenwaggon, und auf geht es ins Spiegellabyrinth des alltäglichen Grauens." Damon Albarn besitzt keinerlei Marktschreierqualität. Sonst stünde der Blur-Kopf nämlich auf dem Jahrmarkt, um der Menschenmenge inbrünstig seine ganz persönliche Horrorshow schmackhaft zu machen, anstatt die Idee von "Demon Days" in mühseligen Interviews zu verklickern. So aber gibt es die Geisterbahnfahrt des Damon A. vorerst nur aus der Konserve.

Schon beim Losrollen schlagen sägendes Frankenstein-Cello und Sirenen Alarm. Kopf einziehen und ab nach unten. In die Schattenwelt der Zombies, die sich Tag für Tag durch die Gassen deiner Stadt schleppen. "Are we the last living souls?", ruft Comicfigur Albarn ironisch gebrochen über den Friedhof, während im Hintergrund verfluchte Seelen auf Katzenfellen zum dubbigen Beat tanzen. Der Britpopper hat zuletzt wohl vornehmlich den New Yorker Noise-Xanthippen Liars gelauscht und Nachrichten geschaut. Des Hexenmeisters Gebräu schmeckt nach dunkler Moll-Rezeptur, gebraut im von Jamie Hewlett wieder grandios gezeichneten Tank Girl-Endzeituniversum. Streicherarrangements statt Buena Vista Social Club. Auch entspannt-verkiffte Kopfnickerei gehört über weite Strecken zum Gestern.

Beim Umgraben der Gorillaz-Tollwiese stößt er auf Neneh Cherry und legt den Blick auf eine verfallene Gesellschaft frei: Bewaffnete Highschoolkids ("mesmerised skeletons") ticken als lautlose Zeitbomben vor sich hin. Industrielle Noise-Collagen thronen über früher grünen Landschaften. Die sind in Vergessenheit geraten unter Schichten von Feinstaub: "You can't even trust the air you breathe", heißt es treffend im Titeltrack. Doch die Natur rächt sich. Im vom Hollywood-Bösewicht Dennis Hopper vorgelesenen "Fire Coming Out Of The Monkey's Head" pustet ein Berg namens Affenkopf ungebetene Gäste einfach weg.

Die "Clint Eastwood"-Fortsetzung "Dirty Harry" wirft eine freakige Lichtshow an die Geisterbahndecke. Zwischen Les Rythmes Digitales-Stampferei sind Kinderchöre, allerhand Orchesterzubehör (Viola, Violine, Kontrabass) und Handclaps auszumachen, bevor der Song um die nächste Ecke biegt und mit einem Mal eine bitterböse Rapabrechnung mit George W. serviert. "The war is over / so said the speaker / with a flight suit on", flüstert der traumatisierte Irakkriegsveteran aka Gaststimme Bootie Brown im Fieberwahn.

Das anschließende "Feel Good Inc." pustet Trockennebel in die Dunkelheit der Geisterbahn. Die Gravitation aufgehoben, schwebt Albarns Stimme in den Wolken. Er rappt und singt zu schiefen Electro-Versatzstücken und bittet zwischendurch auch noch die Hip Hop-Alleskönner De La Soul ans Mikro. Schon nach einem Hördurchgang bekommt man den Übersong des Albums garantiert nicht mehr aus den Ohren. Die hier gesetzte Marke erreicht die Platte im weiteren Verlauf nicht mehr.

Als weiterer Höhepunkt kommt "El Manana". Die hier zelebrierte Introvertiertheit hätte auch gut auf die letzte Blur gepasst. Die Weltraumreise "Every Planet We Reach" wartet mit einsamem Piano, kurzem Pink Floyd-Intermezzo und sakralem Chor auf - fast schon ein Schlussstück. Doch vorher steht ja noch "DARE", das zentnerschwere Beats fallen lässt wie abgespacte Deichkinder am Limit.

Neben den Gaststars lebt das Album von der fetten Produktion des Bastardpoppers Danger Mouse. Dank ihm fiebt, dröhnt und rockt das Zweitwerk der körperlosen Truppe lässigst. Den hakenschlagenden Pfaden zu folgen, fällt dank schlüssigem Gesamtkonzept nicht schwer - mehr als eine handvoll Probefahrten durch die Dämonenherberge vorausgesetzt.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Last Living Souls
  3. 3. Kids With Guns
  4. 4. O Green World
  5. 5. Dirty Harry
  6. 6. Feel Good Inc.
  7. 7. El Manana
  8. 8. Every Planet We Reach Is Dead
  9. 9. November Has Come
  10. 10. All Alone
  11. 11. White Light
  12. 12. DARE
  13. 13. Fire Coming Out Of The Monkey's Head
  14. 14. Don't Get Lost In Heaven
  15. 15. Demon Days

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58 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 12 Jahren

    Demon Days ist eins der besten alben die ich jemals gehört hab, es ist um welten besser als das erste gorillaz album welches auch schon sehr gut war

  • Vor 11 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 5 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 10 Jahren

    Das Album das allgemein meinen Musikkosmos massgeblich beeinflusst hat, weg vom reinen Metalhörer hin zu einem Weltoffenen alleshörer

    • Vor einem Jahr

      ein glück hat deinen kommi damals wohl keiner mitbekommen ^^

    • Vor einem Jahr

      Haha, nice! Fundstück! :)

    • Vor einem Jahr

      Reden wir doch nicht um den heißen Brei, Dulchi, hm? Es gibt ein Wort für das, was du jetzt bist, und ich halte es für angemessen, dass du es für dich nutzt, weil es deinen Zustand nun einmal treffend und griffig beschreibt.

      Du bist zu dem geworden, vor dem dich eine Hand voll geekiger Spargen und unterfickter soon to be Incels in den Kommentarspalten bei laut.de vermutlich mal beiläufig während eines privaten beefs gewarnt haben, um leichter unter sich bleiben zu können...

      ...du bist jetzt ein Wahlloshöri, Dulchi. Deal with it. :smokool:

    • Vor einem Jahr

      hab gerade mal in sein profil geschaut, er scheint seit seinem bekenntnis damals auf laut.de überover zu sein. :P

    • Vor einem Jahr

      Das finde ich das GENIALE an lauti, seiner Religion und seinem Grand Kahn-Gurutum:

      Anders als in anderen Sekten geht es lauti nämlich um WAHRE™ Befreiung seiner Anhänger*innen. Einmal zum Wahlloshöri konvertiert - wer braucht danach noch ernsthaft ein Online-Musikspartenmagazin? Selbst das GRÖßTE im Land doch nicht mehr, wenn dir dein open-minded Weltbürgertum (als Gratis-Gimmick für fresh Konvertierende!) für immer all die beste Musik deines aktuellen Heimatplaneten quasi-telepathisch auf die Hirnrinde projiziert (Partnerschaft mit Musk's Mikrochip Ver. 0.9 nicht vollständig ausgeschlossen)!

      Und jetzt denk mal scharf nach, warum lauti und seine ärgsten Fürsprecher*innen zu den einzigen regelmäßig postenden muppets gehören, die sich gleichzeitig auch (zumindest die meiste Zeit über) eindeutig als Wahlloshöris zu erkennen geben?