laut.de-Kritik

Lyrische Kreativität in der Sackgasse.

Review von

Hätte Haftbefehl doch nur gründlicher hinter eine der Wohnungstüren des Offenbacher Mainparks geblickt. Sicher hätte er dann die krisengebeutelte Tristesse, die besonders aufgrund weltpolitischer Ereignisse in den letzten zwei, drei Jahren in vielen Familien und Haushalten herrschen dürfte, so detailgetreu beschreiben können wie die Kokainrouten innerhalb Europas auf seinen letzten Alben.

Stattdessen hagelt es Zeilen à la: "Ich bin im Studio und rauch' mich high" ("Zu Viel Gesehen"), "Ich schreib' den Text auf 600-Euro-Weißwein mit Sprite" ("Die Braune Tasche") oder auch "Pro Show mache ich 25.000" ("Haft Betritt Den Raum"). Aha. Schön und gut für einen Rapper, der sich für sein künstlerisches Talent bisher jeden einzelnen Euro zweifelsohne verdient hat. Diesmal steckt Haftbefehls lyrische Kreativität jedoch überwiegend in einer Sackgasse.

Rund 570 Wohnungen, aufgeteilt auf fünf Hochhäuser, Mathildenviertel, Offenbach am Main. Mainpark nennt sich die Siedlung, in die Haftbefehl hineingeboren wird. "Mainpark Baby" heißt nun sein siebtes Soloalbum. Natürlich bedient er mit dem Titel und teilweise mit einzelnen Songs das von ihm gewohnte und vom Feuilleton hochgelobte Narrativ des Straßenpoeten. "Mainpark Baby" will dabei nicht nur seinen eigenen Weg beleuchten, sondern auch den der Kindergeneration und deren Kindeskinder, verlautbart der Pressetext.

Die musikalische Bühne betritt Haftbefehl sodann nicht allein. An seiner Seite im Opener "Geruch Von Koks" steht Paula Hartmann. Überraschend, denken sicher viele. Doch die Schnittmenge von ihrem verträumten Gesang und Haftbefehls vertrauter Rap-Arithmetik ist groß. Die 21-jährige Schauspielerin und Sängerin hat mit ihrem Debütalbum "Nie Verliebt" in diesem Jahr ein beachtliches Werk vorgelegt, auf dem sowohl Sound für durchzechte Nächte als auch melancholische Momente zu finden sind. Vergleichbar mit Haftbefehls Alben.

Wenn Paula Hartmann singt "Ich nehme keine Drogen, ich mag nur den Geruch von Koks", und Haftbefehl wenig später "Schon als Kinder haben wir die Sünden bereut" einstreut, harmoniert das zusammen wie Whiskey und Cola: ein bittersüßes Gemisch. Dazu serviert Hartmanns Haus- und Hofproduzent Biztram einen Beat, der zunächst im Gehörgang weiter entfernt klingt als jede Galaxie, mit Haftbefehls Einstieg aber bedrohlich im Hier und Jetzt einschlägt.

Überhaupt, die Beats! Lohnt es sich noch zu erwähnen, dass Mastermind Bazzazian einmal mehr ein unverschämt, kongenial klangvolles Werk aus einem Guss konzipiert hat? Ob tollwütige Trap-Instrumentals mit tiefen Bassdrums, die einem die Ohren wackeln lassen ("Dann Mit Der Pumgun 2.0") oder unerwartet dudelnde Jahrmarkt-Orgel-Sounds ("Dünner Kanack"): Der Mann klimpert immer noch hörbar mit derselben Inbrunst wie vor einer Dekade auf seinen Maschinen herum. Bazzazian schlüpft diesmal in die Hauptrolle, man wird besonders seinetwegen künftig zuweilen zu diesem Album greifen.

Wo Haftbefehl auf "Das Weisse Album" und "Das Schwarze Album" noch menschliche Abgründe wortgewaltig zeichnete und markante Bilder im Kopf entstehen ließ, gelingt es ihm gegenwärtig nicht, seinen Lyrics den ureigenen Offenbacher-Straßenslang-Feinschliff zu verpassen. Mal verschleppt er unnötig das Tempo ("Haft Betritt Den Raum"), wirkt mit Lines wie "Ich trinke wie ein Prinz und speise wie ein König / Ja, ich bin der King, und ihr hängt an meinen Klöten" ("Chevignon & Classics") unmotiviert oder droppt Zeilen, die nicht zünden wollen und misslingen: "Ich sag', ich find' Russinnen geil / Sie sagt, sie kommt aus Ukraine" ("PIMP"). Billige und sexistische Lines ohne jegliche erkennbare doppelte Ebene über die Damen der Schöpfung ("Fick Ich Drück Ich Sniff Ich", "PIMP") runden den schmalspurigen Vortrag ab.

Neben erwartbaren Features wie Soufian, Kalim, Nimo oder Ufo361 hat Haftbefehl mit OG Keemo einen Rapper im Gepäck, der mit "Mann Beisst Hund" mindestens das beste deutschsprachige Rap-Album 2022 abgeliefert hat. "Kein Respekt" ist ein passabler Track, Keemo Sabe und Baba Haft bleiben aber gemeinsam hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Schlussendlich dürfen sich auf "Dann Mit Der Pumpgun 2.0" noch zwei Rap-Veteranen das Mic mit Haftbefehl teilen: Azad und Kool Savas. Der Song gehört zu den Highlights der Platte. "Ich lad' die Pumpgun nach / Baba H bringt den Drive-by-Sound für alle Frankfurter." Haftbefehl brüllt böse und hungrig über den arabisch angehauchten Beat. "Endlich!", möchte man ihm entgegenbrüllen.

Nach lyrisch durchwachsenen, aber melodisch hochwertigen 35 Minuten holt Haftbefehl doch noch zu einem letzten Wirkungstreffer aus. Nachdem er seinen steilen Aufstieg vom Gastarbeiter-Sohn bis zum nationalen Rap-Star reflektiert und noch "'ne letzte Ehrenrunde als Rap-Poet" dreht, scheint für ihn fortan nur ein Mic Drop infrage zu kommen: "Ich komme aus der Gosse, heute bin ich reich / Mein Talent kommt von Gott, setz' die Stimme ein / Zu lange habe ich getanzt mit Dschinn und Geistern / Ich schmeiß' das Mic hin und nimm für meine Kinder Zeit", rappt er in "Letzter Track".

Dass Haftbefehl tatsächlich als Rap-Rentner in seinem Maybach durch den Mainpark kurvt und nur noch mit Eistee, Tiefkühlpizza und E-Zigaretten anstatt mit kompromissloser Musik dealt, erscheint relativ unrealistisch. Mit seinen Produktschöpfungen gewinnt er keinen Blumentopf bei Feuilleton-Redakteur:innen. Es sei denn, er kocht im Blumentopf Crack. Aber das ist eine andere Geschichte. Für Haftbefehls nächstes Album.

Trackliste

  1. 1. Geruch Von Koks
  2. 2. Die Braune Tasche
  3. 3. Zu Viel Gesehen
  4. 4. Dann Mit Der Pumpgun 2.0 (feat. Azad & Kool Savas)
  5. 5. Haft Betritt Den Raum
  6. 6. Chevignon & Classics (feat. Soufian)
  7. 7. Kein Respekt (feat. OG Keemo)
  8. 8. Dünner Kanack (feat. Ufo361)
  9. 9. PIMP (feat. Kalim & Nimo)
  10. 10. Fick Ich Drück Ich Sniff Ich
  11. 11. Kalt & Dreckig
  12. 12. Immer Noch
  13. 13. Letzter Track

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15 Kommentare mit 22 Antworten

  • Vor einem Monat

    Als Jahrelanger Haftbefehl Fan, mit der stetigen Sorge seine Genialität könnte nur ein Versehen sein, bin ich das erste mal enttäuscht worden.

    Für mich ist der Sexismus auf der Platte kaum auszuhalten und generell hat Hafti lyrisch nichts mehr zu sagen. Das laut Pressetext angeblich sozialkritische Potential der Platte ist diesmal wirklich eine Lachnummer.

    Abstoßend hingegen finde ich das Cover. Wie es sein Sohn wohl später finden wird, dass er das Cover seines Vaters ziert, auf dessen Album er hauptsächlich davon berichtet von anderen Frauen als des Sohnes Mutter seinen Schwanz geblasen zu bekommen?

    Schade ist es um Bazzazians großartige Arbeit, der wahrscheinlich exklusiv dafür verantwortlich ist, dass Haftis belangenlose Wortfetzen noch entfernt nach „Kunst“ klingen.

    Hafti muss endlich von den Sexismus weg kommen. Er steht ihm einfach nicht. Ich vermisse die kalte Atmosphäre von Unzensiert.

  • Vor einem Monat

    Nach den Singles dachte ich ja, es geht wieder richtig los. Keemo kitzelt aus Hafti wieder sowas wie Feuer.

    Nach einmal anhören wusste ich...das wird wie alle Hafti-Alben seit RR. Ich werde es schrecklich schnell vergessen und maximal 2-3 Songs noch hören. Der Rest ist Skip-Material.
    (Früher hatten Haft Realeses 2-3 Skip Kandidaten.)

    Woran liegt das? Mir fallen zwei entscheidende Momente ein:
    1. Features: Alle guten Haft Releases kamen mit wenig Features aus und die waren weise gewählt und meistens "nach oben gefeatured". Also jemand gewählt, der in irgendeiner Weise mehr zu bieten hat, als Haft selbst. Beispielsweise Karis. Jedes Release danach war bevölkert von unspannenderen Musikern, die viel zu viel Platz bekamen. Da hat Hafti bei "wieder am Block" eigentlich ein Rezept gefunden, wie er seine Atzen und andere Rapper unterbringen kann, ohne dass sie zu viel Raum einnehmen. Und dann packt er auf das Album wieder mit Luciano, Nimo, Ufo314 und meiner Tante Renate jeden Idioten drauf, der will. Keiner dieser Künstler (ausgenommen Azad und Keemo) gibt den Tracks irgendwas. Sie reißen eher wie hier Ufo und auf dem letzten Album Shindy ganze Songs an sich und damit in den Boden.

    Dieses Problem hängt mit 2. zusammen, Hafti ignoriert seine Stärken:
    Am Ende will man Haftbefehl als einen Hood-Reporter mit Swag. Der erzählt, was so auf den Straßen abgeht und das sehr eindringlich und plastisch macht. Damit ist er berühmt geworden, die Songs bleiben im Ohr. Was man von ihm nicht will ist Sex-Talk, Swag-Rap über irgendwelche scheiß Marken oder anderen belangloses Nonsense. Mit diesem Quark haben zwar derzeit viele Rapper Erfolg (Samra, Ufo, Capital, hastenichtgesehen), aber 1. können das andere besser als Haft und 2. kann Haft dazu nichts beitragen. Es macht immer wieder belanglose Ausschussware, die man bei jedem anderen B-Rapper genauso bekommen kann. Also wieso hören? Song skippen.

    Schade. Das Album wird wie das weise, das schwarze und unzensiert bei mir quasi nicht mehr in Gänze laufen. Und schnell vergessen werden.

  • Vor einem Monat

    Sehe das nicht ganz so kritisch wie die meisten hier bzw. habe deutlich weniger auszusetzen als an den letzten beiden Platten, die ich durchgehend unterirdisch fand. Klar, „PIMP“ und „Dünner Kanack“ würde ich am liebsten sofort aus meinem Gedächtnis verbannen und diese Paula Hartmann klingt wie Adel Tawil in weiblich, aber „Haft betritt den Raum“, das Ding mit Soufian und die letzten 4 Tracks gehen mehr als klar. Überhaupt sagt mir der Kilopakete schiebende, ohne Pass über die Grenze kommende, mit Dum-Dums bewaffnete Haftbefehl immer noch viel mehr zu als der zwanghaft Bilder kreierende vom Feuilleton abgefeierte der letzten paar Jahre.

    Insgesamt sehe ich das aber auch so, dass die „Figur“ Haft nun langsam auserzählt ist. Trotz Besserung gerade so 3/5.