laut.de-Kritik

Durch Nichtverstehen verstehen lernen.

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Warum könnte man mir wirklich jeden Schmu verkaufen, wenn man ein paar asiatische Schriftzeichen darauf malt? Geht ja nicht nur mir so. Asiatische Musik aller Genres lockt Musiknerds mit einer Illusion von Fremdheit und Exotik, die eigentlich so nicht ganz fair ist. Ja, andere Länder, andere Sounds, aber nicht, weil die im Kern ihrer Herzen andere Menschen sind, sondern weil ihr Pop eben von anderen historischen und wirtschaftlichen Wirrungen geschliffen wurde. Das macht Spaß beim Entdecken, ist aber auch nur Musik wie du und ich. Mit ein bisschen Kontext ist auch City Pop, Shibuya-K, K-House oder Thai-Metal eingeordnet und verstanden. Aber was, wenn doch nicht? Was wenn dieses radikale Andere da draußen doch existiert?

"0" von Ichiko Aoba ist ein seltsamer Vorschlag für einen Meilenstein. Das 2013 veröffentliche Folk-Album hat zwar besonders in Online-Musik-Kreisen wie RateYourMusic.com einen gewissen Kult-Status akkumuliert, aber es lässt sich fast mit Sicherheit sagen, dass es in westlichen Rezeptionskreisen eine sehr andere Rolle spielt als in seinem Heimatland. Diese Stunde Musik, in der die Sängerin mit der lichtdurchlässigen Stimme zu ihrer Akustik-Gitarre singt, kommt vielleicht nur dann ganz zum Glänzen, wenn man ihre Worte nicht versteht. Für die wohl altbekannteste Kombination an Instrumenten der modernen Pop-Geschichte fühlt "0" sich völlig unverbraucht an. Es schafft mit minimalen Mitteln das radikale Andere.

Musik im Informationszeitalter krankt an einer fundamentalen Mythoslosigkeit. Social Media hat die Künstlerinnen und Künstler als echte Menschen in ihre Kunst gezerrt, selbst MusikerInnen, die sich rar machen, müssen mit der Annahme leben, dass das Mysteriöse auch nur zu ihrer Marketing-Kampagne gehört. Dass eine japanische Folk-Sängerin zum Hype-Objekt von Musiknerds wird, könnte als Sehnsucht nach einem Gegenentwurf dazu verstanden werden. Was wissen wir denn über Ichiko Aoba? Klar, man könnte mit ein bisschen Google Translate dies oder das herausfinden. Aber will man das? Sie könnte der letzte Schrei sein oder hochnotpeinlich in ihrem Heimatland auftreten, könnte soziale Aktivistin oder Verschwörungstheoretikerin sein, rechts, links, groß, klein. Wir werden es heute nicht erfahren. Ist das nicht schön?

Spielt man "0" ab, ist man mit nichts konfrontiert als mit Gitarre und Stimme. Genau wie das sanft-pinke Cover ist auch das Album homogen und minimal. Es gibt Stellen, in denen sie ein bisschen mehr in die Klampfe drückt und die Energie ankurbelt, zum Beispiel im euphorischen Sci-Fi-Pastiche "Mars 2027", außerdem haben die beiden zehnminütigen Stücke Passagen von Field Recordings und Drone zu bieten. Aber selbst die kommen so subtil und understated daher, dass das atmosphärische Rauschen, das ein paar Momente die Musik vertritt, sich gar nicht bemerkbar macht. Man könnte meinen, man höre die Straße von draußen, Gewusel auf dem Flur, das Rauschen der Natur oder den Kosmos atmen. Klammheimlich schleicht sich die Soundkulisse an die Wirklichkeit an.

"0" zu hören ist aktive Arbeit gegen das Verstehen und Interpretieren. Wir hören sie Wörter sagen, verstehen sie aber nicht. Dabei klingt es so nah am Mikrophon, so intim und zerbrechlich, aber gleichzeitig doch irgendwie wie unter Kontrolle und humorvoll. Die Stimmung schwingt manchmal, dann kehrt sie zurück, welche Geschichte die Aufs und Abs der Songs erzählen, bleibt der eigenen Fantasie überlassen.

Der beste Vergleich, der mir zu dieser Art des Hörerlebnisses einfällt, ist "Kind Of Blue" von Miles Davis, dieser klischeehafteste aller Jazz-Klassiker, der so regelmäßig Genre-Bestenlisten anführt, wie er Jazz-Neulinge damit verwirrt, ob das jetzt schon alles sei, was der Jazz zu bieten habe. Ein Rezensent schrieb dazu einst, das Album sei wie ein lauschiges Sofa, auf dem das Handwerkszeug für alle Irrpfade des Genres vorgestellt wird. Und auch dort ist man auf nichts zurückgeworfen als den Instrumenten zuzuhören, die diese eigenwillige Sprache sprechen, die wir im Prozess des Nichtverstehens verstehen lernen.

Natürlich bringt Ichiko Aoba uns kein Japanisch bei. Aber sie könnte uns das Zuhören beibringen. Ihr Gitarrenspiel ist vielseitig und evokativ, ohne besonders komplex zu sein. Ihre wichtigste Eigenschaft als Gitarristin ist es, wie nah sie das Instrument an ihre Stimme bewegen kann. Die beiden Instrumente klingen wie eine Einheit, zwei Facetten eines atmenden Organismus. Und es gibt nicht genug gute Dinge, die man über die Schönheit der Stimme dieser Frau sagen könnten. Sie ist endlos farbenfroh, ausdrucksstark und voller Nuancen, sie trägt beiläufig die Schwere der Welt auf ihren Schultern. Und immer wieder atmet sie aus. Und ein. Pause. Weiter. Worte wie 'ätherisch' und 'hypnotisch' finden in ihrer Stimmfarbe ihre Definition, man denkt an Sirenengesang, unterkühlt und ohne Anstrengung.

Ein letztes Element, das dieses Album so bemerkenswert macht, ist die Rolle, die Stille spielt. Wenige Alben haben den Mut, so viel Platz auf ihrem Album mit negativen Raum zu füllen. Hört man das Album nebenher, gibt es mehrere Stellen, bei denen eine längere Schweigepause an ein vorzeitiges Ende glauben lässt. Manchmal liegt man aber auch falsch und Aoba ist gerade einfach nur sehr leise. Und erst, wenn man bemerkt, dass da etwas im Lärm unserer Unaufmerksamkeit verloren geht, lauschen wir genauer. Die Dynamik in Aobas unbeirrbarem Mut zur Stille bringt uns zur Synthese mit dem Anderen. "0" schmiegt sich unverstanden und eindeutig an die Tagträume an, die es mit Verlässlichkeit produzieren wird.

Manche Leute sagen, dass im Alter die Momente seltener werden, in denen Musik sich noch einmal wie die unglaublichste Sache der Welt anfühlt. Dass die Zahl der Momente, in denen man wirklich zum ersten Mal hört, so abgezählt sind, dass sie selten über die Pubertät und unmöglich über die Zwanziger hinausreichen. Aber es sind Alben wie dieses, die beweisen, wie albern dieser Gedanke ist. Ichiko Aoba nimmt akustische Gitarre und Gesang und zeigt uns musikalische Parallelwelten, ganz anders, als wir sie uns hätten vorstellen können. Wir leben im Internetzeitalter – und unserer musikalischen Wanderlust sind keine Grenzen mehr gesetzt.

Vielleicht ist das, was mich seit vielen Jahren in die ostasiatische Musik zieht. Es war der Beweis für mich, dass die Welt woanders ganz anders sein kann und ich auf digitalen Reisen durch die Abwege völlig neue Dinge finden kann. Aber auch das ist gewissermaßen ein Trugschluss. Japan hat seine Musikgeschichte, die insulär wie bei den Briten funktioniert. Zu entdecken gilt es beide. Die Franzosen und Französinnen rappen anders als wir. In Berlin klang Electro in den Siebzigern ganz anders und der Rock im Ruhrgebiet auch. Vielleicht spielt jetzt gerade eine Person in deiner Nachbarschaft Musik, wie du sie noch nie gehört hast? "0" von Ichiko Aoba ist eine solche musikalische Ausnahme-Erfahrung, ein Erinnerungszettel, dass musikalische Fantasie grenzenlos ist. Und dieser Meilenstein gilt der Neugier, uns immer wieder auf die Suche nach ihr zu machen.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. いきのこり●ぼくら
  2. 2. i am POD (0%)
  3. 3. Mars 2027
  4. 4. いりぐちでぐち
  5. 5. うたのけはい
  6. 6. 機械仕掛乃宇宙
  7. 7. 四月の支度
  8. 8. はるなつあきふゆ

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1 Kommentar

  • Vor 3 Monaten

    Unglaublich schöner und elaborierter Tipp. Außerdem eine wunderbar gelungene Betrachtung hinsichtlich Mythos in neuer (Pop-)Musik nur noch als Verkaufsmasche wahrnehmen oder gar nur noch das vollständige Fehlen aller echten Mythen in Pop-Musik konstatieren können, da einem die Gesangssprache geläufig ist und/oder die Musik dazu eh schon wie der drölftausendste Wiederaufguss einer allzu bekannten Pop-Erfolgsformel vorkommt.
    Auch wenn Aoba hier immer wieder mit an und für sich bereits bekannten Harmonien und Versatzstücken von Folk- und Weltmusik aus anderen Ecken derselben jongliert ist es nicht bloß die mir völlig unbekannte Gesangssprache, die ihren Stücken diesen völlig eigenen Twist verleiht, sondern die in der Rezi äußerst treffend dargelegte Integration ihres Gitarrenspiels in den Gesang, so als werde sie selbst ein einziger, kosmisch einheitlicher und gewaltig nuancenreicher Klangkörper während sie singt und spielt.
    Was Du über die Faszination an Gesang in Sprachen, die einem selbst unbekannt sind, geschrieben hast, erinnerte mich zudem häufiger an den Ansatz der isländischen Band Sigur Ros - Texte in einer Phatasiesprache, obwohl deine Muttersprache bereits eine von denen ist, die vielleicht 1-2 Mio. Menschen auf der Welt fließend beherrschen, nur um durch den Einsatz der Phantasiesprache die Identifikationsfläche sowie Mythos um und gleichzeitig die Universalität der eigenen Musik zu erhöhen...

    Klingt ohne einen stringenten Vorbau und die niedrigschwellige Herleitung deines Textes jetzt äußerst plump, aber eine ähnliche Erfahrung hatte ich mit lateinamerikanischem Folk und Jazz beim Spielen von GTA Vice City und dem Hören des dort integrierten fiktiven Radiosender Espantoso. Hat mich weit und tief in eine damals mir völlig unbekannte, faszinierend neue und an so vielen Stellen mythisch besetzte Musikwelt katapultiert, gerade auch da ich damals außer Bahnhof noch keine drei Brocken Spanisch verstand. Heutzutage fühle ich mich in den süd- und mittelamerikanischen Genres von Salsa bis Rumba genauso wohl und heimisch wie ich es mit 14 beim Hören irgendwelcher Speed- und Thrashmeddl-Kapellen tat. Wenn ich darüber im erweiterten Bekanntenkreis spreche werde ich sicher nicht so schief beäugt wie wenn Yannik seine Büchse des K-Pop auf ner Hausparty öffnet, das ist wohl gleichzeitig Fluch und Segen der kulturellen Entwicklungen in Mitteleuropa zwischen den Veröffentlichungen von "Buena Vista Social Club" und "Despacito" geschuldet.

    Das ist dann auch das Einzige, was mir nach Lesen dieser Meilenstein-Rezi und dem Hören des darin vorgestellten Albungs noch nicht so ganz aufgeht: Der Text hat es initiativ geschafft, dass ich sofort mit Yanniks Erfahrungen beim Entdecken völlig neuer Musik relatieren konnte und ich beim Hören von Aobas Ichikos "Zero" auch direkt die Dinge wiederfand, die ihn an dieser Musik fesselten und die auch mich sofort an ihre Musik gebunden hätten wenn ich sie ohne Yanniks Text vorab irgendwie selber entdeckt hätte. Aber trotzdem und trotz meiner eigenen analogen Entwicklung neuer Latinfolk-Hörgewohnheiten hab ich bis heute unermessliches Verlangen, allen Menschen wortlos eine zu schmieren, wenn sie mir beim Vorstellen dieser musikkulturellen Vorliebe mit "Ah ja, Despacito und so hör ich im Sommer auch immer gerne!" kommen und sie ggf. anschließend zu 72 Stunden nonstop 100.9 FM Latina Stereo gelegentlich bissl waterzuboarden falls sie sich immer noch uneinsichtig zeigen, dass zwischen Luis Fonsi und Ibrahim Ferrer oder zwischen dem "mediterran angehauchten" Helene Fischer-Kollabo-Somerhit und Marc Ribot & Los Cubanos Postizos mindestens drei völlig unabhängige und offenbar einseitig unerschlossene Paralleluniversen liegen.

    Ebenso viele, wie mMn nach unten hin auch zwischen der Musik von Aoba Ichiko und der von bspw. BTS liegen.