16. Februar 2024

"Björk hat mir die Augen geöffnet"

Interview geführt von

Normalerweise drückt sich der Handpan-Spieler ohne Worte aus. Doch für sein Album "Snow From Yesterday", das in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Trio Mad About Lemon entstand, wagte sich Manu Delago dieses Mal an eigene Songtexte. Trotz ernster Themen wie Erderwärmung, schmelzende Eisberge und der steigende Meeresspiegel findet sich darin ein hoffnungsvoller Silberstreif.

Als Manu Delago gerade einmal zwei Jahre alt war, saß er schon am Schlagzeug und trommelte. Seitdem gibt Delago gerne den Takt an, sei es in der Zusammenarbeit mit Björk, Shpongle, Ellie Goulding oder Anoushka Shankar. Dennoch ist er kein Alleinbestimmer, im Gegenteil: Das gegenseitige Zuhören und kreative Wertschätzen ist ihm wichtig. Nach einem klassischen Schlagwerkstudium an der Universität Mozarteum und einem Jazz-Schlagzeug Studium an der Londoner Guildhall School of Music & Drama legte er sich auf sein Hauptinstrument, das Hang fest. Es handelt sich dabei um eine Art der Handpan, ein Instrument, das klanglich an die Steelpan erinnert, optisch jedoch nach außen gewölbt ist.

Die Themen Nachhaltigkeit und Umwelt liegen Manu schon länger auf dem Herzen. In seinem letzten Album "Environ Me" zeichnete sich die Liebe zur Natur deutlich ab. Doch manchmal reichen Melodien nicht aus, um dem Planeten eine Stimme zu geben. Für "Snow From Yesterday" tat sich Delago daher mit dem Tiroler Jazz-Trio "Mad About Lemon" zusammen, bestehend aus den Sängerinnen Heidi Erler, Miriam Schmid und Anna Widauer - und reicherte seine Rhythmen, Blechbläser- und elektroversetzten Handpan-Klänge mit bedeutungsschwerem Gesang an. In einem Zoom-Call erzählt er uns von der Vision hinter seinem Album.

Hi Manu. In einem Instagram-Post hast du geschrieben, dass der Titel deines neuen Albums "Snow From Yesterday" von deiner Kindheit inspiriert wurde. Was steckt dahinter?

Einerseits diese Kindheitserinnerung, dass wir früher viel mehr Schnee im Winter hatten als jetzt. Das ist zwar ein subjektives Empfinden der Klimaerwärmung, aber es bestätigt das, was die Wissenschaft sagt. Es ist etwas anderes, wenn man diese Entwicklung mit eigenen Augen sieht. Es gibt auch ein Foto, das ich 1995 aufgenommen habe von einem Gletscher. 2018 habe ich ein Foto von derselben Stelle gemacht. Innerhalb von gut zwanzig Jahren hat man das Schmelzen der Gletscher gesehen. Aber der Titel ist auch ein Wortspiel: "Snow from yesterday" wäre die direkte Übersetzung von dem deutschen Sprichwort "Schnee von gestern". Im Englischen heißt das Sprichwort eigentlich "water under the bridge". Beide Sprüche meinen das gleiche und sind gleichzeitig ein Sinnbild für das Schmelzen des Eises und der Erderwärmung. Auf dem Album haben viele Stücke etwas mit Wasser, Eis und Schnee zu tun. Daher fand ich den Titel sehr passend.

Wie bist du auf die Themen "Wasser" und "Vergänglichkeit" gekommen? Haben diese Motive für dich schon länger eine Bedeutung?

In der Vergangenheit habe ich nicht so viele Songtexte geschrieben, weil ich größtenteils Instrumentalstücke in meinem Repertoire hatte. Als ich mich entschieden habe, mit Mad About Lemon zusammenzuarbeiten, wusste ich, dass wir Texte brauchen. Da es mein Album ist, wollte ich gerne für den Inhalt der Texte verantwortlich sein. Da habe ich erstmal ganz viele Ideen gesammelt und da waren auch viele Ideen dabei, die nichts mit Wasser oder Vergänglichkeit zu tun hatten. Es ist anfangs in ganz verschiedene Richtungen gegangen und ich hab mir Notizen gemacht zu den Dingen, die mich umgeben, beschäftigen und inspirieren. Irgendwann habe ich gesehen: Da gibt es 6-7 Songs, die ein gemeinsames Überthema haben und ich wollte, dass die Songs doch ein bisschen zusammenpassen. Das Thema hat sich so ergeben. Auch die Melodien sind eigenständig gewachsen. Irgendwann haben wir dann alle Ideen zusammengebracht.

Die Themen Nachhaltigkeit und Umwelt ziehen sich ja schon länger wie ein roter Faden durch deine Musik. Warum liegt dir das Bewusstsein für diese Themen besonders auf dem Herzen?

Ich bin in den Alpen aufgewachsen und hab das damals gar nicht als besonders empfunden. Das war für mich der ganz normale Alltag. 2007 bin ich nach London übergesiedelt, war viel mehr in der Großstadt und bin als Musiker sehr viel gereist. Dabei habe ich immer mehr schätzen gelernt, wie schön die Natur - in meinem Fall sind es besonders die Berge- eigentlich ist. Seit fünf, sechs Jahren habe ich erkannt, dass ich als öffentliche Figur eine Verantwortung habe, diese Werte zu teilen. Ich hoffe, dass ich damit andere dazu inspirieren kann, zum Beispiel mehr Fahrrad zu fahren oder vegetarisch zu leben. Ich will niemanden beschimpfen oder sagen, was sie nicht tun dürfen, sondern will einfach positive Beispiele setzen.

Wie ein Botschafter der Umwelt, in der du aufgewachsen bist?

Ja, wahrscheinlich. Ich finde es wichtig, dass so viel wie möglich naturbelassen bleibt. Ich bin kein Fan von großen Eingriffen in die Natur. Da passiert leider auf der ganzen Welt sehr viel, egal ob es sich dabei um Kanäle, Bergsprengungen oder Ski-Lifte handelt. Der Mensch hat sich ja schon viel einfallen lassen, wie er den Planeten zerstören kann.

In deinem Song "Modern People" gelingt es der Menschheit aber nicht, sich selbst zu zerstören. Irgendwie überleben wir trotzdem. Wie haben wir das geschafft?

Ja, das hast du schön interpretiert, denn das ist genau die Message hinter dem Song. Zwar kommen darin viele Negativbeispiele vor, aber eigentlich ist es ein hoffnungsvoller Song, denn er impliziert, dass wir als Menschheit in 100 Jahren noch existieren und, wie du schon sagst, viele Probleme gelöst haben. Wie wir das genau geschafft haben, ist eine schwierige Frage. Ich glaube, dass es Teamwork braucht. Das Team ist in diesem Fall sehr groß: Es umfasst die gesamte Menschheit. Und ich glaube, dass wenn wir alle zusammen arbeiten, können wir das schaffen. Natürlich haben manche Personen mehr Entscheidungsgewalt als andere. Wenn einzelne Personen einen Krieg anzetteln, hat das mehr Auswirkungen, als wenn sich eine Privatperson dazu entscheidet, auf vegetarische Ernährung umzusteigen. Das ist unterschiedlich gewichtet. Trotzdem glaube ich, dass jede Bemühung zählt und dass alle einen Beitrag leisten müssen.

Deinem Optimismus liegt ja schon ein optimistisches Menschenbild zugrunde. Es gibt ja auch Menschen, die sagen, dass der Mensch nie dazu lernt und immer wieder die gleichen Fehler macht.

Für die eigene mentale Gesundheit will ich positiv bleiben und mache mir gar nicht so viele destruktive Gedanken, sondern versuche mir aus der Zeit, die ich auf diesem Planeten habe, eine schöne Zeit zu machen. Daneben bemühe ich mich darum, meinen Beitrag zu leisten und andere zu inspirieren. Was daraus wird, werden wir sehen.

Siehst du in deinem eigenen Umfeld Beispiele, die dir Hoffnung geben?

Ja, ich finde schon, dass sich einige Dinge zum Positiven verändern, zum Beispiel in der Technik gibt es wichtige Fortschritte. Ich bin nicht der Mensch, der die Meinung vertritt, dass wir zurück in die Steinzeit müssen. Ich vertraue auch auf technische Lösungen. Ich sehe, dass viel mehr Leute ihren CO2-Fußabdruck verringern, indem sie auf erneuerbare Energien umsteigen. Aber natürlich bin ich auch sehr in meiner eigenen Bubble. Da gibt es viele coole vegetarische Restaurants und Märkte. Wenn ich auf Reisen bin, zum Beispiel letztes Jahr in Australien auf Tour mit Björk, war der Lifestyle ganz anders. Ich persönlich achte darauf, so selten wie möglich in den Flieger zu steigen, aber dort fliegen die Leute innerhalb des Landes sehr viel. Das war wie ein "slap in the face", denn wir in Europa bemühen uns sehr darum, eher mit dem Bus oder Zug zu fahren. Und dann gibt es Länder, wo geflogen wird ohne Ende. Um ehrlich zu sein, geht das mit meinem Optimismus immer hin- und her. Manchmal habe ich das Gefühl, der Fortschritt ist da. Beim Reisen bekomme ich dann manchmal einen anderen Blickwinkel.

Da du gerade Björk erwähnst: Mittlerweile arbeitest du seit 13 Jahren mit ihr zusammen. Wie hat diese Kooperation deinen Blickwinkel auf deine eigene Musik verändert?

Ich bin auf jeden Fall von ihr inspiriert worden. Zum einen war ich schon ein Fan von ihr, bevor ich sie kennen lernte. Zum anderen wird man von jeder Person beeinflusst, mit der man viel Zeit verbringt. Die größte Inspiration, die Björk auf meine Musik hatte, war, dass ich versucht habe, mehr über das große Ganze nachzudenken. Bei ihr ist es sehr auffällig, wie sehr sie sich alle paar Jahre neu erfindet, ein neues Design und einen neuen Look hat. Außerdem denkt sie sehr viel an Videokunst, Sound- und Lichtdesign. Das hat mir die Augen geöffnet. Damals ging es mir nur um die Musik und ich hatte mir vorher nie darüber Gedanken über diese Elemente gemacht. Mittlerweile lasse ich viel mehr Kreativität und Energie in die Videos, Lichteffekte und Live-Shows fließen.

In deinem neuen Album hast du dich ja auch gewissermaßen neu erfunden, denn es ist das erste Text- und Gesang-basierte Album.

Ja, ich hatte zwar vorher schon vereinzelte Songs mit Sänger*innen geschrieben, aber es waren immer Gastauftritte und kein ganzes Album. Die Zusammenarbeit mit Mad About Lemon war intensiver. Wir haben uns zwei Jahre lang getroffen und zusammen geschrieben. Sieben von elf Songs des Albums haben einen Text. Das lyrische Element war dieses Mal auf jeden Fall wichtiger. Ich habe die Songideen in den Raum geworfen, aber wir haben gemeinsam am Feinschliff und an der Singbarkeit gearbeitet. Es ist da auch cool, zusammenzuarbeiten und nicht alles alleine zu entscheiden.

Könntest du dir vorstellen, in Zukunft mehr Stücke mit Texten zu schreiben?

Es ist nicht ausgeschlossen. Aber ich versuche prinzipiell, mich nicht zu wiederholen. Es freut mich aber immer extrem, wenn ich positives Feedback zu meinen Songtexten bekomme, denn ich habe es nie als meine Stärke gesehen. Das passiert zum Beispiel öfter bei "Modern People". Aber jedes Album ist etwas Neues und ich mache immer etwas anderes. Ich bin generell ein bisschen mehr auf die Musik fixiert. Auch wenn ich selbst Musik höre, achte ich mehr auf die Melodien als auf den Text. Außer wenn's deutscher Hip Hop ist, dann achte ich mehr darauf.

Welche deutschen Hip Hop Künstler hörst du denn gerne?

Früher als Teenager habe ich viel Fanta Vier gehört, besonders die MTV Unplugged-Reihe habe ich voll gefeiert. Jetzt ist das aber nicht mehr so meins. Danach hatte ich eine kurze Phase mit Samy Deluxe und Jan Delay und vor zehn Jahren bin ich dann so auf den Blumentopf-Zweig gekommen. Ich fand die Texte sehr kreativ. Aber heute habe ich bei einigen Hip Hop Texten ein schlechtes Gefühl. In den letzten zwanzig Jahren ist viel mehr Bewusstsein für Gender-Equality geschaffen worden und viele Texte von früher könnte man heute gar nicht mehr schreiben. Deswegen kann ich bei einigen Songs heute nicht mehr voll abgehen. Das Bild der Frauen im männerdominierten Hip Hop ist teilweise nicht ganz cool. In letzter Zeit höre ich nicht mehr so viel Hip Hop.

"Indien fließt in mein musikalisches Schaffen ein"

Was hörst du im Moment gerne? Hast du in der letzten Zeit eine musikalische Neuentdeckung gemacht?

Ja, das passiert immer wieder. Letztes Jahr habe ich zum Beispiel gerne Daniel Herskedal gehört. Das ist ein norwegischer Jazz-Tubaspieler. Dann habe ich das Berliner Moses Yoofee Trio für mich entdeckt. Da war ich bei einem Konzert. Ein paar Acts höre ich erst seit Kurzem, aber die gibt es schon länger - zum Beispiel James Blake, Daughter oder Sufjan Stevens.

Klingt nach einem ziemlich breiten Spektrum an musikalischen Einflüssen. Du selbst bist ja auch in den unterschiedlichsten Genres unterwegs. Zum Beispiel hast du während deiner Zusammenarbeit mit Anoushka Shankar Erfahrungen mit der indischen klassischen Musik gesammelt. Du hast das Hang einmal mit einer Tabla verglichen. Könntest du dir vorstellen, dich mehr in diesen Bereich zu bewegen oder bleibt es bei der Handpan?

Als 17-Jähriger habe ich Tabla-Unterricht genommen. Das war noch bevor ich von der Handpan wusste. Das war sehr interessant, aber ich habe schnell gemerkt, dass das eine Welt ist, auf die man sich zu hundert Prozent einlassen muss. Da gibt es große Meister und Gurus, die das Instrument unglaublich gut beherrschen. Damals habe ich entschieden, dass ich nicht so tief eintauchen will. Aber Indien fließt in mein anderes musikalisches Schaffen ein, zum Beispiel in das Handpan-Spiel. Da konnte ich mein Wissen von anderen Percussion-Instrumenten anwenden und meine ganz eigene Sprache finden.

Ich spiele immer wieder mit indischen Musiker*innen, habe aber nicht das Bedürfnis, indische klassiche Musik zu machen. Ich habe eher Interesse am Cross-Over. Das war auch bei Anoushka Shankar der Fall. Wir haben sehr viel zusammen komponiert. Dabei entstand das Album "Land Of Gold". Ich war dabei für die westlichen Klang-Elemente zuständig. Anoushka hat dann die klassichen Sitar-Lines beigesteuert.

Lass uns zum Schluss noch einmal auf den Titel deines Albums zurückkommen. Der Spruch "Snow from yesterday" beziehungsweise "Schnee von gestern" klingt irgendwie versöhnlich. "It's all water under the bridge" bedeutet ja auch so etwas wie "Schwamm drüber". Meinst du, dass wir diese Einstellung im Leben mehr zulassen müssen?

Ja, vielleicht. Ich bin prinzipiell ein "Nie bereuen"-Typ. Man kann Geschehenes ohnehin nicht ändern. Wenn ich auf die Vergangenheit blicke, denke ich eigentlich ganz wenig über "Was wäre wenn" nach. Ich finde, das ist Zeitverschwendung. Ich weiß nicht, ob die Menschen in 100 Jahren die Technik haben, um die Zeit nochmal zurück zu drehen. Aber ich halte das nicht für sehr realistisch.

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