6. Dezember 2010

"Wir wollten dieses Berlin-Feeling"

Interview geführt von

Bindfadenregen und Verkehrschaos in Hamburg. Ein mit Grippe geschlagener Chemicals-Sänger, eine wegen Stau seit einer Stunde zum Interviewtermin überfällige Band, die in 90 Minuten ganz woanders ein Konzert geben soll und ein neues Album, das vom Label wie ein seltener Diamant unter Verschluss gehalten wird.Mit anderen Worten: Die perfekten Voraussetzungen für ein entspanntes und fundiertes Gespräch. So treffe ich für eine knappe Viertelstunde auf die verständlicherweise ein wenig hektisch wirkenden Mikey und Frank.

Doch die Abwesenheit des teils als egozentrisch verschrienen Bandchefs Gerard tut den beiden sichtlich gut. Befreit leben die beiden im leider zu kurzen Gespräch förmlich auf und geben freudig Auskunft.

Hi Leute, was ist eigentlich mit Gerard los? Warum ist er nicht hier?

Mikey: Der hat sich eine üble Grippe geholt. Er hat Angst, dass das Gequassel bei den Interviews seine Stimme für den Gig vollends ruinieren würde. Da lässt er das natürlich lieber bleiben. Konzert geht vor, weißt du.

Krankheit und Tod entschuldigen ja immer. Von letzterem seid ihr inzwischen - ein paar Jahre nach "Black Parade" anscheinend komplett runter. Das neue Album klingt im Vergleich schon eher nach der großen ersehnten Party.

Frank: Ja, das ist schon was ganz anderes und sollte es auch sein. Wir haben unsere Herzen dem Glamrock geschenkt. Zuerst hatten wir noch viele andere Songs verfasst. Die waren aber eher eine Fortsetzung der alten Richtung. Das sollte es nicht werden. Wir wollen vorwärts schauen und uns nicht wiederholen. Wie gefällt es dir denn?

Ehrlich gesagt kann ich mich dazu abschließend noch gar nicht äußern. Eine Bemusterung zum Einarbeiten gab es vor dem Interview nicht. Ich habe das Album vorhin einmal komplett anhören können und Notizen gemacht. Es kann hier also nur um den ersten Eindruck gehen.

Frank: Das ist natürlich nicht gut aus deiner Sicht. Wir haben da aber wirklich keine Wahl. Unser Publikum ist ja bestens gerüstet und versiert im Netz unterwegs. Wenn es da auch nur ein Leck vorab gibt, ist doch gleich die Arbeit von Monaten oder sogar Jahren dahin. Da haben wir einfach keinen Bock drauf.

Ihr habt euch im Vorfeld ja auch sehr viel Mühe mit einer mehr als aufwändigen Präsentation gegeben. Allein die Endzeit-Trailer und die ganze Storyline - ihr steht schon sehr auf dieses Konzeptalbum-Ding, nicht wahr?

Mikey: Ja und nein. Es gibt hier schon einen roten Faden. Vergiß auch nicht den Radio-DJ zwischen den Tracks. Aber als richtiges Konzeptalbum würde ich es diesmal echt nicht bezeichnen. Jeder Song kann auch ohne einen großen Rahmen total für sich alleine stehen. Aber dieses Mad Max-Ding war schon bewusst. Wir stehen auch auf solche Filme. Das macht einfach total Spaß, so etwas auch mal selbst zu machen.

Dann lass uns doch einfach mal näher auf die Scheibe eingehen. Die Einflüsse und Vorbilder hört man diesmal ja schon deutlich heraus. Vorher habt ihr hingegen immer sehr peinlich genau darauf geachtet, originär nach MCR zu klingen.

Mikey: Wir klingen immer nach MCR, ganz einfach, weil wir MCR sind. Aber was meinst du denn genau?

Nehmen wir z.B. "Bulletproof Heart". Das klingt stilistisch und in der Melodieführung schon sehr nach den frühen Killers. Die "Kids From Yesterday" hingegen hätten sich als Flowers-Song Imitat schon sehr gut auf "Day And Age" gemacht.

Mikey (lässig): Das ist für uns jetzt aber gar nicht negativ oder Kritik, was du da sagst. Die Killers sind eine Superband. Da ist der Vergleich doch ein echtes Kompliment. Wir kennen die Jungs ja ein wenig und mögen einander. Die sind schon sehr sympathisch.

Frank: Außerdem darfst du echt nicht vergessen, wir starteten doch ungefähr zur selben Zeit und haben größtenteils auch dieselben Vorbilder.

Du meinst die Vorliebe für 80er Keyboards und Waverock wie Morrissey oder Psychedelic Furs?

Mikey: Genau! Die Furs sind doch wirklich mal eine geile Band. Und auf die Smiths fahren wir auch ab. Da ist natürlich manchmal eine gewisse Ähnlichkeit in der trotzdem ganz eigenen Umsetzung nicht so unwahrscheinlich.

Was soll die US-Hymne zwischendurch? Gimmick für die Storyline?

Frank: Nö, wir fanden das ästhetisch einfach gut. Das passt schon an der Stelle des Albums dramaturgisch gesehen.

Also kein politisches Statement à la Hendrix seinerzeit?

Mikey: Nee, nicht wirklich. Aber das ist auch schwierig. Hendrix hat das im Rockkontext einmal so unfassbar gut gemacht. Da kann man nur verlieren, wenn man Ähnliches anstimmt. Deshalb haben wir uns für die eher traditionelle Variante entschieden. Obwohl mir persönlich so eine fette Schrammelversion schon gefallen hätte. Sehr sogar.

Also ist das Album weder konzeptionell noch politisch? Was soll denn dann die ganze apokalyptische Nummer? Ist das nur ein Mantel? Mad Max und den Neuromancer gibt es ja auch schon.

Mikey: Naja, Gerard nimmt das schon alles sehr ernst. Für uns ist das insgesamt eher eine künstlerische Sache, eine Frage der Ästhetik.

Frank: Weißt du, da fährt man dann als Hörer einfach drauf ab oder nicht. Das ist doch gechmacklich von Person zu Person verschieden. Wir stehen im Moment total drauf. Da steckt auch viel von der endzeitlichen 'Bowie und Iggy in Berlin'-Phase drin. Glam und fetter Punk in die Fresse. Das transportiert "Danger Days" recht gut, denke ich.

Deshalb auch die japanischen Frauenschreie in "Party Poison"? Geht das als Bowie-Hommage analog seines "It's No Game" von 1980 durch?

Mikey: Kannst du gern so sehen. Ich glaube, das war jetzt weniger bewusst angelegt. Aber ich kenne das Bowie-Lied. Das passt schon gut zusammen. Das war sicherlich eine total abgefahrene Zeit damals mit den beiden in Berlin. So ein Feeling wollten wir auch rüberbringen.

Bowie hat das mal etwas sophisticated als 'so existenzialistisch' beschrieben. Ich hab da mal in der Nähe gewohnt, und wenn man sich das heute ebenso wie damals verdreckte Loch mit dem wohl hässlichsten Hinterhof Deutschlands anschaut, ist klar, was er meint. Einen Real Life Abenteuerspielplatz für verhätschelte Rockstars. Ist es das auch bei euch?

Mikey: Du hast da mal gewohnt? Geil! Das ist ohnehin so toll bei euch Deutschen und in Europa. Bei euch sind sogar Museumsbesuche interessant, weil ihr so eine alte Geschichte habt. Da kann man schon mal neidisch werden aus amerikanischer Sicht. Aber diese verwöhnte Rockstar-Sache ist doch selbst auch so ein Klischee. Hey, wir sind auch einfach ganz normale Typen, die das Glück haben, von der eigenen Musik leben zu können. Wir sind definitiv keine gelangweilten Rock-Schnösel!

Ihr kommt aus New Jersey, nicht wahr?

Frank: Ja

Was ist denn das große Ding aus New Jersey? Bon Jovi, Springsteen oder doch die Sopranos?

Mikey: Bon Jovi ... naja gut. Das ist ja eher was für ältere. Springsteen ist natürlich ein Gott für uns. Aber Alter, die Sopranos, man. Das ist die verdammt beste Serie, die jemals gedreht wurde.

Stimmt denn dieses Jersey-Stereotyp vom etwas tantigen Langweilerstaat?

Frank: Nur verglichen mit New York. Eigentlich ist es dort recht angenehm. Wir mögen die Gegend schon.

Mikey (begeistert): Alter, die Diner Szene zum Schluss. Kennst du die? Das ist keine künstliche Studiokulisse. Das ist genau der Diner, in dem wir als Kids immer rumhingen. Ich habe da alles wieder erkannt. Der Hammer!

"Sing" ist unser Song und keine Kopie


Da wir gerade vom Wiedererkennen sprechen. Ich hatte auch mein ganz persönliches Déjà Vu beim Hören eurer neuen Single "Sing".

Frank: Die ist schon gelungen. Wir mögen das Lied selbst alle sehr. Da freuen wir uns auch jedes Mal über die Live-Performance. Das ist für uns selbst ein echtes Highlight.

Vor allem, wenn man das Original hört. Ich bitte euch: Das ist im Refrain so total der alte Pop-Evergreen "Everlasting Love". Auf euren Chorus kann man sogar den Originaltext mitsingen, ohne sich groß zu verbiegen. Fällt einem so was nicht auf als Songwriter? Spätestens im Studio, sagt da keiner etwas? Erklärt das doch bitte

Mikey (lacht) Scheiße, ich kenne das Lied, von dem er spricht. Aber neee, da haben wir gar nicht hingeschaut. "Sing" ist schon komplett unser Song. Wir gehen ja nicht los und denken: Mal sehen, wo wir heute was abstauben können. Es gibt doch auch immer nur eine begrenzte Anzahl von Noten, Tönen und Kombinationsmöglichkeiten. Da kann so etwas schon mal vorkommen, ohne dass es etwas bedeutet.

Aber ihr könnt schon nachvollziehen, dass man sich als Hörer sofort daran erinnert fühlt? Come on, die Ähnlichkeit ist schließlich keine Einbildung.

Frank: Absolut kann ich das verstehen. Wenn man eine Melodie lange Zeit kennt, reichen schon Kleinigkeiten für so etwas. Gibt es denn auf "Danger Days" gar nichts, was dir richtig gefällt?

Doch, schon. Den "Scarecrowsong" halte ich für total gelungen, typisches MCR-Songwriting. Mein Lieblingstrack ist das schnoddrige "Vampire Money". Das ist so schön creepy. Cramps auf speed quasi.

Mikey: Geiler Vergleich! So was Punk'n'Roll-mäßiges wollte ich immer schon mal machen. Das hat auch extrem Spaß gemacht. Das Lied ist auch so Beispiel für das Erforschen neuer Wege und Grenzen. Das ist ja schon recht untypisch für unsere bisherigen Sachen. Aber wie wir schon sagten. Wir wollen ja nicht stehenbleiben in der Entwicklung.

"Ruhige Songs sind für Pussies wie dich"


Ich finde ohnehin, dass euer Talent vor allem im melodischen Bereich liegt. Oft habe ich schon gedacht: Geiler Song! Aber dieses manchmal etwas gezwungen Punkige, dieser dauernde Bleifuß macht viel von der eigentlich möglichen Atmosphäre kaputt. Dabei könntet ihr viel von dem Zeug auch unplugged bringen.

Mikey: Atmosphäre ist so ein großes Wort. Dabei ist das doch auch eine Geschmacksfrage. Ich gebe dir absolut recht, dass man viele unserer Lieder ebenso gut in die schnelle als auch in die ruhigere Richtig arrangieren kann. Wir stehen im Moment als junge Band total auf die Punkrock-Variante. Das muss abgehen! (Lacht) Und dann gibt es Pussies wie dich, die hätten es eben lieber akustisch.

Schöner Konter! Pussies wie ich fragen sich auch, wie sich denn live der teils eher düstere Charakter älterer Songs mit der neuen Glamrock-Party verträgt? Keine zu starken Stimmungskontraste für Band und Publikum?

Frank: Aus unserer Sicht nicht. Wir lieben unsere Songs alle gleichermaßen. Und die Fans mögen die neuen Sachen hoffentlich auch. Bislang funktioniert das live wunderbar. Aber das wird natürlich noch spannender, wenn sie die Platte nach der Veröffentlichung erst einmal gehört haben und alles richtig gut kennen.

Meine Herren, ich wünsche euch viel Glück für das Konzert gleich und bedanke mich für das trotz Hektik sehr entspannte Gespräch.

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