laut.de-Kritik

Und ewig plätschert der Wasserfall.

Review von

Jim James und seine Mitstreiter von My Morning Jacket sind nicht leicht zu fassen. Die den Band-Output und James' Solowerk prägenden Ideen von Musik hinterlassen oft den Eindruck, dass mehr drin gewesen wäre, obwohl Handwerk und Idee stimmig waren. Damit sind die Kentuckianer allerdings auch nicht alleine und kämpften mit dem 2015 erschienenen Album "The Waterfall" als in sich ruhende Psych-Alt-Country-Folk-Rock-Band durchaus erfolgreich für ein schärferes Profil. Das nun vorliegende "The Waterfall II" setzt sich schlicht aus den Songs zusammen, die bei den damaligen Aufnahmen in Stinson Beach die erste Auswahl nicht überlebt hatten. Eine denkbar schlechte Ausgangslage, wer will schon fünf Jahre alte Ausschussware hören?

Recht schnell wird klar, dass der Charakter der Platte durchaus eigenständig und kohärent ist. Ruhige, tragende Soundflächen dominieren, Harry Nilsson und Jonathan Wilson schlagen als Einflüsse stärker durch als Allman Brothers oder Kings Of Leon, Soul sticht Rock. Statt einer inkonsistenten Resterampe präsentiert sich "The Waterfall II" in seiner Uniformität gar zu kohärent und damit zu harmlos.

Die auf dem Vorgänger durchaus nachvollziehbare Beschäftigung mit der kalifornischen Naturumgebung fällt zugunsten von Trennungsschmerz flach. Zwar erreicht James keine emotionalen Täler von der Tiefe der "Wee Small Hours", sondern lässt immer ein paar Strahlen Sonnenschein zu. Trotzdem bleibt die Atmosphäre gedrückt und kontemplativ, die Aufmunterungen an sich selbst von Verzweiflung geprägt. James bestätigt seine zuletzt starken Solo-Leistungen als Texter; er bleibt direkt und stilsicher.

Musikalisch bieten die Morgenjacken aber schlicht zu wenig Neues, ihre dank ihrer handwerklichen Fähigkeiten leicht unter Kontrolle zu haltende
Komfortzone verlassen sie nicht. Die Songs plätschern in ihrer Souligkeit eher vor sich hin, beginnend mit dem repräsentativen Opener "Spinning My Wheels". Wie alle anderen Lieder hier, außer dem stinkfaden "Welcome Home", erahnt der Hörer gelungene Ansätze und gute Passagen. Diese leiern aber zu lange vor sich, im Vergleich zum digital deutlicher nachbearbeiteten Vorgängerwerk trumpft die stärkere Kohärenz keineswegs positiv auf.

Session-Feeling findet sich nur an wenigen Stellen, so dass mangelnde Komplexität und Spannungsbögen nicht durch Dynamik ersetzt werden. Es fehlt der Drive, den auch dieses Amalgam aus Psych, Country und Soul ganz klar braucht. Denn das Songmaterial an sich reicht nicht, da "Still Thinkin" zu verzagt und zum Schluss nicht konsequent luzid genug ist, "Run It" zu uninspiriert und "Wasted" trotz guter Ansätze nicht exzentrisch genug ausfällt, um bei der Stange zu halten.

Das Stückchen um sich selbst kreisende Manie von "Feel You" hätte dem zu ruhigen "The First Time" auch gut getan. Schlimm wird es beim Country-Stampfer "Climbing The Ladder", in dem die Band in einen Schunkelrhythmus verfällt, der an die älteren EoC erinnert. Das wirkt auch nicht authentisch, anders als das starke und in seinem Pianogekloppe durchaus ähnlich angelegte "Beatiful Love (Wasn't Enough)", das der Band aber die Freiheit für Verästelungen lässt und gleich ganz anders wirkt.

Den Songs hier fehlt meist nicht viel, aber fast immer etwas Entscheidendes. James als Sänger verzichtet auf die lieb gewordenen Eskapaden und die solo gefundene Stimmspannweite, die Rhythmussektion hat zu wenig Pfiff, die Gitarren beschränken sich zu oft auf verzagte Ausflüge statt raumgreifender Solo-Touren. So bleiben die Songs etwas unterernährt zurück, obgleich man der Band den Spaß am Spielen anhört. Wenn man die eigene Musik gerne hört und sie zum Leben reicht, ist das ja auch schon ein (subjektiver) Erfolg.

Trackliste

  1. 1. Spinning My Wheels
  2. 2. Still Thinkin
  3. 3. Climbing The Ladder
  4. 4. Feel You
  5. 5. Beautiful Love (Wasn't Enough)
  6. 6. Magic Bullet
  7. 7. Run It
  8. 8. Wasted
  9. 9. Welcome Home
  10. 10. The First Time

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