laut.de-Kritik

Tägtgren spielt den bösen Partyonkel.

Review von

Wenn man gerade die neue Townsend-Platte besprochen hat, sollte man eigentlich denken: "Okay, in Sachen Bombast war's das diese Saison." Und dann kommt Peter Tägtgren und meldet sich mit "Coming Home" zum Schwanzvergleich. Der Unterschied: Während Townsend zwischendurch gerne mal den netten Musical-Opa gibt, spielt Tägtgren lieber den bösen Partyonkel. Insofern hätten wir hier also das Ying und Yang des Soundwand-Overkills.

Schon mit dem ersten Song "Designed To Piss You Off" gelingt Pain eine Instant-Hymne. Blues-Country-Schweinerock im Industrial-Gewand? Oh ja, so muss das klingen. Zwar ist auf dem ganzen Album unüberhörbar, dass der Mann das Business inzwischen so verinnerlicht hat, dass es ein Stück weit Routine für ihn darstellt, solche Songs zu schreiben. Er bedient sich der ganzen Palette einfacher, aber effektiver Tricks, dreht hier eine Strophe runter, baut dort ein Interlude ein, weil es halt zum Standardrepertoire gehört, und so weiter. Nur: man hört eben auch, dass Tägtgren dabei einfach weiß, was er tut, dass er alles perfekt machen will und noch immer höllischen Spaß an der Sache hat.

Das zahlt sich aus. Denn er lässt ein Brett nach dem anderen los, haut Hook um Hook aus den Boxen und schwankt beständig zwischen Größenwahn und alkoholisiertem Underdog-Assi – während er dabei noch irgendwie stilvoll rüberkommt. "A Wannabe" startet mit relaxter Akustikgitarre – wenig später rollt eine massive Symphonic-Walze drüber. Im Zwischenspiel gibt's Morricone-Vibe und Bläser. "Absinthe Phoenix Rising" klingt als hätten sich The Boss Hoss mit Robert Rodriguez' Sex Machine in eine futuristische Cyber-Welt verirrt. Jap: "Life is so wonderful."

Weil das "Engel"-Pfeifen in "Pain In The Ass" den Vergleich anbietet: Erinnert ihr euch an Tägtgrens Lindemann-Ausflug? "Coming Home" lässt "Skills In Pills" selbst nach dem eher schwachen Schlussdoppel "Natural Born Idiot"/"Starseed" dastehen wie den kleinen, schmächtigen Unfall, aufgrund dessen ein angepisster Rabendad im Suff auf die Idee kommt, "Praise Abort" zu grölen.

Selbst die Ballade nimmt man inmitten dieses Abrisses noch gerne mit: Im Titeltrack setzt Peter auf Seufzer-Sehnsucht und trällert eine verbitterte Ode ans Älterwerden. Aufsmaul-Lyrik bleibt hier mal daheim. Aber statt sich durchgehend in mellow Akustik-plus-Streicher-Stimmung zu suhlen, bläht sich "Welcome Home" im Refrain schon wieder auf wie Till Lindemann in "Keine Lust".

Ach ja, einen Track sollte man nicht unerwähnt lassen: "Call Me". Ab geht's mit Thrash-Staccato, Symphonic-Backing on top, im Verse Synthie-Spielereien. Der Refrain bleibt schon beim ersten Mal hängen. Als wäre tatsächlich noch Nachdruck nötig, spaziert in Strophe zwei Sabatons Joakim Brodén herein. Das düstere Interlude – vielleicht sogar der beste Teil des Songs – ist dann irgendwie auch nur noch Sahnehäubchen.

Mag sein, dass "Coming Home" dem ein oder anderen zu viel Baukasten und schiere Überladenheit ist. So wie Pain das hier allerdings präsentieren bleibt zumindest mir abschließend bloß eins zu sagen: "What the fuck?" Lobhudel-Heini Ende.

Trackliste

  1. 1. Designed To Piss You Off
  2. 2. Call Me
  3. 3. A Wannabe
  4. 4. Pain In The Ass
  5. 5. Black Knight Satellite
  6. 6. Coming Home
  7. 7. Absinthe Phoenix Rising
  8. 8. Final Crusade
  9. 9. Natural Born Idiot
  10. 10. Starseed

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