laut.de-Kritik

Mit Brechstange und Selbstzitaten.

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Der ewige Straßenköter ist grau geworden. Und dass es soweit gekommen ist, dafür kann man ruhig einen Moment dankbar sein. Immerhin gab es Zeiten, in denen Peter Doherty mit ziemlicher Vehemenz daran gearbeitet hat, verfrüht abzutreten. Stattdessen leitet der Sänger nun pünktlich zum Vierzigsten die eigene Werkschau ein. "It's more or less that time, is it? To revisit the how, the why, the what, wheres and when".

In "Who's Been Having You Over" setzt sich der Musiker mit dem eigenen Ruf auseinander, der letzte Rockstar zu sein, in einer Ära, die den Rockstars eigentlich längst abgeschworen hat und in der die lieben Jungs von Nebenan das Geschehen diktieren. Doherty allerdings hat die Rolle des skandalumwitterten Musikers derart gut verkörpert, dass er sie in diesem Leben wohl nicht mehr loswerden wird. Wie jault er selbst so schön: "My, you're so rock'n'roll!".

Dann kann man den Hörern auch gleich die volle Ladung geben, denkt sich Doherty wohl, und lässt mächtige Gitarren hereinkrachen. Der Sänger weiß, was es braucht, um dem eigenen Ruf gerecht zu werden: "You need a miracle, a crow bar and a miracle". Kompromisslos mit der Brechstange vorgehen also und ansonsten die eigene Aura beschwören. Dazu kommt die bestens vertraute Stimme: Doherty singt immer noch drei Töne gleichzeitig und vermeidet dabei tunlichst, einen richtigen zu treffen.

Die Fußstapfen der Libertines und der Babyshambles sind groß, doch bereits auf der Vorabsingle zeigt sich, dass Doherty wieder einmal eine schlagkräftige Truppe um sich versammelt. "The Puta Madres" nennt sich das bunt gemischte Quintett, in dem unter anderem seine Freundin Katia DeVidas an den Tasten steht und der ehemalige Libertines Support-Act Jack Jones den Meister an der Gitarre unterstützt. Nicht nur vom Namen her passt die Band wunderbar zum Sänger. Insbesondere Miki Beavis fügt sich so organisch zu Dohertys Schmuddelrock, dass man sich fragt, warum er vorher nie auf die Idee gekommen ist, eine Geige für seine Songs zu verwenden.

Dass Peter und seine "Puta Madres" auch die leisen Töne beherrschen, beweist die Landstreicher-Ballade "Paradise Is Under Your Nose". Der Sound lässt sich in seiner Ungeschliffenheit bei Tom Waits und in seiner süßen Melancholie beim alten Meisterwerk "Music When The Lights Go Out" verorten.

Denn trotz der neuen Band bleibt für Referenzen an vergangene Großtaten reichlich Raum. An all die schönen dreckigen Songs Anfang der Nullerjahre verweisen etwa "Narcissistic Teen Makes First XI" oder das ursprünglich für die Libertines geschriebene "All At Sea". Um dem Ganzen den gewohnt rauen Sound zu verpassen, wurde das Album live in Nordfrankreich aufgenommen.

Neben Selbstzitaten legt Doherty auch die eigenen Einflüsse offen. "Someone Else To Be" mit dem Dreigestirn Schrammelgitarre, Geige und Glockenspiel nimmt sich für das Grundgerüst ein gänzlich unbekanntes Velvet Underground-Demo heran. Und plötzlich fängt der Sänger um die Vierminutenmarke an "Don't Look Back in Anger" anzustimmen. Das macht er so wunderbar schief, dass er selbst dieser schwer durchgenudelten Lagerfeuerballade noch einmal Leben einhaucht. "Punk Buck Bonafide" wiederum erinnert an den Sprechgesang Bob Dylans auf seinem "Subterranean Homesick Blues". Auch die Mundharmonika auf "Narcisstic Teen Makes First XI" hätte seine Bobness nicht grauenhafter spielen können.

So ganz verheimlichen lässt sich freilich nicht, dass dem Sänger und seinen Puta Madres nach dem sehr starken Beginn doch ein bisschen die Luft ausgeht. Mehrere Songs sind ein gutes Stück länger geraten, als sie die vorhandenen Ideen tragen würden. Auch dank der neuen Band gerät das Album auf die gesamte Spiellänge trotzdem deutlich interessanter als die letzten Soloausflüge.

Peter Doherty ist seit Leonard Cohens Tod nicht nur der einzige Mensch, der Fedora tragen darf, ohne wie ein Volldepp auszusehen. Er zeigt auf seiner Werkschau auch noch einmal die ganze Essenz dessen, was ihn ausmacht. Ruhiger mag er dabei geworden sein, angepasst ist er noch immer nicht. Ein weiteres Mal lässt er die Aura des Verruchten aufleben. Altbekannter schiefer Garagenrock trifft auf eine unverbrauchte Begleitband. Dass dabei trotz mancher Neuerungen über allem in fetten Lettern 'Peter Doherty' steht, sollte klar sein. Und würde man wirklich etwas anderes wollen?

Trackliste

  1. 1. All At Sea
  2. 2. Who’s Been Having You Over
  3. 3. Paradise Is Under Your Nose
  4. 4. Narcissistic Teen Makes First XI
  5. 5. Someone Else To Be
  6. 6. The Steam
  7. 7. Travelling Tinker
  8. 8. Lamentable Ballad of Gascony Avenue
  9. 9. A Fool There Was
  10. 10. Shoreleave
  11. 11. Punk Buck Bonafide

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LAUT.DE-PORTRÄT Peter Doherty

Klein Pete - am 12.3.1979 in Liverpool in eine streng katholische Familie geboren und in den Midlands, Birmingham, Shepherd's Bush/London, in Remscheid/Deutschland …

7 Kommentare mit 15 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Da ist er wieder der Schreck der Banalen, ein Dandy ... ewig auf Süchte degradiert. Doch hört man aufmerksam zu, so wird aus verpeilten Tönen ein musikalischer Geniestreich. Es ist gerade das spitzbübisch ungehobelte was Doherty so unberechenbar immer machte...doch Ohren gespitzt jetzt soll der Mann sogar pünktlich zu Gigs erscheinen SKANDAL. Aber auch sein neues Werk hat viele Schlenker und Fassetten, so das dem Hörer eine gesunde Aufmerksamkeitsspanne zu wünschen ist. Der Künstler dank es mit einer musikalisch untermalten Welt aus seinem Auge...weniger Opium, dafür mehr Umwelt. Peter möchte uns die Städte und die Natur zeigen. Untermalt von einem Ensemble, welches merklich mit viel Herzblut zu Peters Lyrik aufspielt. Alles ergänzt sich zu einem sehr logischen Bild...ein Künstler hat sich gefunden und wir dürfen musikalisch teilhaben. Ein Erlebnis für sich und ein dringender Kandidat für das Album des Jahres 5/5

  • Vor 3 Jahren

    Peter Doherty ist ein schlechtes Vorbild - seine Musik gut zu finden, ist (überspitzt gesagt) wie zu sagen: Hitler ist ein guter Maler. Man würde ihn auf etwas reduzieren, was nicht er ist. Am besten sollte man Peter Doherty Auftrittsverbot geben, bis er den Entzug durchgezogen hat

  • Vor 3 Jahren

    Hab’s letzte Woche live gesehen und höre das Ding seit Release rauf und runter. Das Album ist ein wahnsinniger „Grower“. Es braucht definitiv ein paar Durchgänge, wird dann aber extrem gut. In GB hat das Ding durchweg gute Reviews abbekommen - hier eher weniger, es wurde teilweise ganz schön zerrissen, was mir nicht wirklich einleuchtet. Würde es auf Albumlänge mittlerweile als Dohertys besten Output seit „Shotters Nation“ bezeichnen.

    • Vor 3 Jahren

      Geht mir genauso! Anfangs sicher etwas gewöhnungsbedürftig, aber die Platte hat unglaublich starke Songs und Peter hat sie diesmal wirklich so aufgenommen, wie er sie haben wollte, mit seinem langjährigen Freund und Manager Jay als Produzent. Schönes Album und auch live sind Peter Doherty & the Puta Madres sehr gut und spannend. Hab sie letzte Woche im Bataclan und in Köln gesehen. Es gibt derzeit meiner Meinung nach wenig Künstler, die so kreativ und vielschichtig sind wie Peter.