laut.de-Kritik

Schwerkraft. Hysterie. Kapitalismus. Heiterkeit. Systemanalyse.

Review von

Peter Licht hat ein Livealbum gemacht. Das ist im Falle des Kölners zugleich die naheliegendste wie auch unwahrscheinlichste Kunstäußerung. Zum einen drängt sich der Gedanke "Livealbum" nach 14 Jahren CD-Musik und acht auf der Bühne natürlich auf. Und hey, fünf Platten im Rücken, da "darf" man sich selbst anhand einer solchen Veröffentlichung durchaus ein wenig selbsthistorisieren.

Zum anderen ticken die Uhren im Hause PeterLicht einfach anders. Der äußerst medienscheue Indiepop-Songwriter - man dürfte auch "Liedermacher" sagen, wäre der Begriff hierzulande nicht eher despektierlich konnotiert - wehrt sich seit jeher gegen die Zurschaustellung seiner Künstlerpersona. So zeigt PeterLicht sein Gesicht auf Promofotos oder in Musikvideos generell nicht, sondern versteckt es auf kreative Weise hinter Gebrauchsgegenständen des Alltags. Zudem sind biografische Details bis heute Mangelware.

Der Scheinwerferscheu zum Trotz erscheint jetzt also ein Crowd-gefundetes Livealbum - keine Live-DVD, wohlgemerkt. Diese Konzeptveröffentlichung, die in vielen Diskografien einen eher nachgeordneten Stellenwert einnimmt. Auch PeterLicht muss sich mit der Liveplatte am eigenen Œuvre messen lassen. So kreisen die knapp zwei Stunden Collage um die Fixpunkte im Werk des Kölners: "Sonnendeck", "Lied Vom Ende Des Kapitalismus", "Die Transsylvanische Verwandte Ist Da", "Zonen" - der Lichtsche Kosmos zwischen Sinn- und Systemkrise, Melancholie und Gesellschaft wird gekonnt abverhandelt.

Interessanter als die Liedauswahl selbst gestalten sich allerdings deren Zwischenräume. In ihnen demonstriert PeterLicht sein erzählerisches Improvisationstalent: Bevor er etwa in "Benimmunterricht (Der Arbeitgeberpräsident)" das Publikum zum Call and Response animiert, dekonstruiert er in "Der Arbeitgeberpräsident Kommt Auf Eine Idee" über elf Minuten hinweg die dazugehörige, vollkommen absurde Geschichte. Darin tauchen neben Verbandschef Dieter Hundts Äußerungen von 2003 u.a. ein Miniatureisenbahnmotor, ein Drehstuhl, mehrere Presseabteilungen sowie pausbäckige, hoffnungsvolle Arbeitnehmer auf dem Weg in die Fabrik auf, die dank schulischem Unterricht in Betragen "in der Arbeit aufgehen".

Darin liegt PeterLichts besonderes Talent: Er beobachtet aufmerksam die Welt um ihn herum, setzt sie in Bezug zum Individuum, das in und mit diesen gesellschaftlichen Verhältnissen auf-, unter- und umgeht und erstellt grotesk zugespitzte Fotografien des Alltags. In Interviews distanziert er sich zwar immer wieder von der Rolle des dezidiert zeitkritischen Kommentators; doch wohnt seinen prononcierten Bildern durch ihre bloßstellende Wirkung das Politische der Persiflage inne. Der Songschreiber betreibt eine Inventur des Zeitgeists, die so komisch ausfällt, dass das Publikum befreit auflacht. Oder es singt aus vollem Lungenvolumen mit wie bei der ewigen Systemutopie "Lied Vom Ende Des Kapitalismus".

Zwischen menschelnder Feuerzeugromantik ("Wir Sollten Uns Halten") und der Skizzierung des Lebens im Schatten des Terrorismus ("Es Bleibt Uns Der Wind") nutzt PeterLicht immer wieder die Schablone des Warenkreislaufs als Leitmotiv. Zum Beispiel in der Erzählung "Der Hosengott", die aus dem Theatertext seiner Interpretation von Molières "Der Geizige" stammt: Der Autor und Regisseur beschreibt darin den Kauf einer Hose, die beim Waschen ausfärben soll, weshalb er sie getreu des Verkäuferhinweises niemals wäscht, außer im getragenen Zustand unter der Dusche. Das Absurde, nämlich skurrile Handlungsanweisungen wie "Niemals waschen!" schafgleich zu befolgen, entblößt den irrational gewordenen Konsumismus. Ähnliches gilt für das Szenario "Vorschläge Für Eine Neue Sportart", das ursprünglich in der taz erschien und selbst aus der Pause einen olympischen Wettbewerb macht.

Ebenfalls dem Theater entliehen ist der Monolog "Das Sausen Der Welt". Nach der Aufführung des gleichnamigen Stücks am Schauspielhaus Wien Anfang 2014 verlässt Licht hier am nachdrücklichsten den sicheren Boden des Pop, wenn er sich auf beängstigende Weise zum Demagogen der fortwährenden Krise hochschwingt. Die von Applaus begleitete Rede erinnert stilistisch an Trans Ams "Uninvited Guest" von 2004. So nah an das zynisch-agitatorische Moment eines Schorsch Kamerun kam er wohl noch nie.

Parallel zum Album erscheint PeterLichts drittes Buch. Die ebenfalls "Lob Der Realität" betitelte Gegenwartsliteratur enthält Gedichte, Kurzgeschichten, Zeichnungen sowie Mono-und Dialoge und wird bei Blumenbar veröffentlicht.

Trackliste

  1. 1. Alles Was Du Siehst Gehört Dir
  2. 2. Gerader Weg
  3. 3. Wir Sollten Uns Unterhalten
  4. 4. Sonnendeck
  5. 5. Mehrgeschossige Österreichische Keller
  6. 6. Die Transsylvanische Verwandte Ist Da
  7. 7. Wettentspannen
  8. 8. Lied Vom Ende Des Kapitalismus
  9. 9. Der Arbeitgeberpräsident Kommt Auf Eine Idee
  10. 10. Benimmunterricht (Der Arbeitgeberpräsident)
  11. 11. Trennungslied
  12. 12. Das Ende Der Beschwerde/Du Musst Dein Leben Ändern
  13. 13. Shiva
  14. 14. Es Bleibt Uns Der Wind (Du Bist Richtig Hier)
  15. 15. Der Hosengott
  16. 16. Fuzzipelz
  17. 17. Vorschläge Für Eine Neue Sportart
  18. 18. Befreiungsgeräusche
  19. 19. Wir Sind Jung Und Machen Uns Sorgen
  20. 20. Wir Werden Siegen
  21. 21. Zonen
  22. 22. Das Sausen Der Welt
  23. 23. Offenes Ende

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