laut.de-Kritik

Die Einstiegsdroge einer ganzen Kopfnickergeneration.

Review von

"Should I die on the train tracks like Ramo in 'Beat Street' / People at my funeral frontin' like they miss me." Beileibe nicht als einziger Rap-Track nimmt "Suicidal Thoughts" auf das traurige Ende Bezug, das Sprüher Ramon auf den Gleisen der New Yorker U-Bahn erwartet. Kein Zweifel: Biggie hat den Film auch gesehen. Wie eine ganze Generation von Hip Hop-Heads, kam auch er nicht um den Streifen herum, der so vieles lostrat, dass er - der Film, nicht etwa sein Soundtrack! - seinen Platz in einer musikalischen Meilenstein-Rubrik mehr als verdient hat.

Zum 30-jährigen Jubiläum erschien "Beat Street" Ende Januar 2014 frisch aufgelegt, im DVD- und BluRay-Format. Auf Zugabe von Bonusmaterial, Making-Ofs, Einblicke hinter die Kulissen, Interviews, Rückblenden und ähnliche Extra-Bonbons hofft vergebens, wer hier zugreift. Im leicht aufgefrischten Cover steckt nichts als "Beat Street", nackt und unverändert. Der Film soll offensichtlich für sich selbst sprechen.

Fragt sich nur, ob diejenigen, die nicht mit ihm aufgewachsen sind, seine Sprache noch verstehen. Es lässt sich schwer leugnen: Die drei Jahrzehnte, die seit seiner Entstehung ins Land gingen, haben "Beat Street" nicht gut getan. Wie manche Platten altern auch manche Filme besser, andere schlechter. "Beat Street" fällt definitiv in die zweite Kategorie.

Kaum vorstellbar, dass sich mit einer doch recht übersichtlichen Story heute noch ein Schnitzel vom Teller ziehen ließe. Jungen Menschen dürften die gebündelten Gruseligkeiten der 80er, die "Beat Street" wieder ans Tageslicht schwemmt, eher einen Kulturschock und zudem den einen oder anderen Lachflash bescheren, als sie zu Andacht und Ehrfurcht zu treiben. Die Klamotten! Die Tanzbewegungen! Die Typen! Die Dialoge! Alter!!

Kinners, ihr habt ja Recht. Im Jahr 2014 muss einem vieles an "Beat Street" wie hanebüchenste Comedy vorkommen. Doch wahrlich, ich sage euch: Ohne diesen Film sähe unsere schöne Kopfnickerwelt möglicherweise ganz anders aus. Gut möglich, dass ohne "Beat Street" die Hip Hop-Welle nicht - oder zumindest lange nicht so tsunamimäßig - über den großen Teich geschwappt wäre. Die Bravo hätte keine Anleitung zum Breakdancen (in Bilderserien!) veröffentlicht. Das ZDF hätte Eisi Gulp nicht als Vortänzer engagiert. Mehr als einen hiesigen Rapper, DJ, Produzenten, Writer oder B-Boy der ersten Stunde hätte der Hip Hop-Virus vermutlich gar nicht erst erwischt. Rapdeutschland wäre am Ende eine Einöde. Nicht auszudenken.

Doch es kam alles ganz anders. "Beat Street" lief 1984 im deutschen Fernsehen und schlug in den Köpfen der damaligen Jugend ein wie ein Meteorit. Ach was: wie ein ganzer Meteoritenschauer! Jeder, der das gesehen hatte, wollte danach sprühen, wollte den Zug malen oder (in Ermangelung von U- oder sonstigen Bahnhöfen in erreichbarer Nähe) eben breaken. Oder DJ sein. Oder wenigstens ein Rapper. (In dieser Reihenfolge. Wir schreiben schließlich ein Jahr, in dem "man noch Zeit zum Feiern fand und der DJ vor dem MC auf dem Flyer stand". Danke, Dendemann.)

Jeder, wirklich jeder, trug Trainingsanzüge (in Anbetracht der diversen Style-Vorlagen im Film noch die erträglichste Alternative), Turnschuhe mit dicken Schnürsenkeln und alberne Mützen und versuchte (mehr oder minder erfolgreich), sich auf dem Kopf oder dem Rücken zu drehen, eine Windmill oder zumindest einen halbwegs passablen Robot-Move hinzubekommen. Besorgte Lehrer ließen die Turnhallen ihrer Grundschulen fürsorglich mit Matten auslegen, damit beim Hinfallen keiner weinen musste. Jeder malträtierte - einen eigenen Plattenspieler hatten wir natürlich auch noch nicht - die elterliche Telefunken-Funzel bis an den Rand ihrer Widerstandsfähigkeit und darüber hinaus. Oh ja, wir waren peinlich. Aber, verdammt, wir waren am Haken, und mancher fühlt sich dort bis heute ganz wohl.

Interessanter Aspekt am Rande: Das Phänomen "Beat Street" ließ sich vom eisernen Vorhang nicht aufhalten. Hüben wie drüben pflanzte der Film die Hip Hop-Saat in die Herzen der Kids. Auf beiden Seiten des Todesstreifens erwuchs daraus eine blühende, vielfältige, lebendige Kultur. Ich habe ehrlich keinen Schimmer, was sich die Programmverantwortlichen im Arbeiter- und Bauernstaat dabei gedacht haben, "Beat Street" immer und immer wieder auf den Sendeplan zu setzen. Gefühlt lief der Streifen dort jedenfalls im Zwei-Monats-Rhythmus. Für mich als Zonenrandgebiets-Kind neben dem einzig realen Sandmännchen einer der wenigen Gründe, regelmäßig das DDR-Fernsehen einzuschalten, nachdem mich die allzeit im Einklang mit dem Puls der Zeit bouncende ältere Schwester in erschütternd zartem Alter angefixt hatte - eine Schuld, so groß, dass ich sie niemals werde abtragen können.

Sollte "Beat Street" den Jungpionieren in steten Wiederholungen die verderbten Zustände im kapitalistischen Westen vor Augen führen? Ich weiß es nicht. Ich weiß dagegen noch sehr genau, wie wahnsinnig faszinierend es sich angefühlt hat, an der Hand genommen und eine ganze Kultur gezeigt zu bekommen, mit all ihren verschiedenen Spielarten und schillernden Facetten, mit ihren Protagonisten, deren Hoffnungen und Träumen, aber auch mit ihrer schmutzigen, unerfreulichen Realität. Kein Wunder eigentlich, dass "Beat Street" gerade im Osten des geteilten Deutschlands in den Köpfen der Jugend offene Scheunentore einrannte.

Dabei handelte es sich noch nicht einmal um den ersten Hip Hop-Film. Schon ein Jahr vor "Beat Street" porträtierte "Wild Style" anhand der Geschichte des Graffiti-Writers Zoro die in den weniger wohlhabenden Vierteln New Yorks aufkeimende Hip Hop-Szene, ebenso die Dokumentation "Style Wars" aus dem gleichen Jahr, die den Fokus ebenfalls auf die Disziplin des Sprühens legt. Der erste Kinofilm, der einem Mainstream-Publikum Breakdance zumutete, stammt auch schon aus dem Jahr 1983. In (Obacht!) "Flashdance" zeigte die Rock Steady Crew, was sich mit wahrhaft verrückten Beinen anstellen lässt. "It's Just Begun".

Regisseur Stan Lathan kannte diese Vorreiter natürlich und ließ sich inspirieren, ebenso Steven Hager, auf dessen Script mit dem schönen Titel "Looking For The Perfect Beat" die Handlung basiert. Co-Produziert und vor allem finanziert hat das Unterfangen "Beat Street" der König des Calypso, Mr. Harry Belafonte.

Zum Plot: Kenny 'Double K' Kirkland träumt von einer Karriere als gefeierter DJ im angesagtesten Club New Yorks, dem Roxy. Sein kleiner Bruder Lee, der Star in den Reihen der Beat Street Breakers, sieht seinen Ausweg aus dem tristen Alltag im Tanz. Mama Cora macht sich Sorgen - wie jede Mutter halbstarker Söhne, überall auf der Welt. Kennys Kumpel Chollie setzt eher aufs Geschäftliche und erklärt sich zum Manager des Brüderpaars. Graffiti-Maler Ramon samt Freundin, Baby und seinem ewig schimpfendem Vater, die College-Studentin, Komponistin und Choreografin Tracy und Hausbesetzer Henri komplettieren den inneren Figurenkreis.

"Beat Street" begleitet seine Figuren durch ihre Hood, zeigt verpasste, verpatzte und genutzte Chancen, Tag- und Alpträume, Leben, Party, Tod und den Umgang damit. "Beat Streat" hält die verschiedenen Gesichter einer jungen Kultur fest, die sich die Ideale peace, love, unity und vor allem having fun auf die Fahnen geschrieben hat, und stellt die vier Elemente vor, deren Abfeierei später geborene Hip Hop-Jünger nostalgisch, antiquiert und gerne auch ein bisschen lächerlich finden dürfen.

Graffiti, Breakdance und DJing stehen im Vordergrund. Zudem wird aber auch gerappt, gebeatboxt - und ausgiebig gesungen und getanzt. Womit dieser Film vermutlich auch die Blaupause liefert für alle Straßenjunge-trifft-Kunsthochschul-Mädchen-Formate der Sorte "Step Up" oder Musical-mäßige Bühnenprogramme, wie sie heute die Flying Steps auf Theaterbühnen bringen,

In der Tat handelt es sich bei "Beat Street" im Grunde um ein Musical - allerdings eins, das die Crème des neuen Hip Hop-Movements vor der Kamera versammelt. In den Rollen der beiden rivalisierenden B-Boy Crews, den Beat Street Breakers und den Bronx Rockers, tanzen, breaken, poppen, locken, up- und downrocken die New York City Breakers auf der einen, die Rock Steady Crew auf der anderen Seite. Im Roxy rocken Zulu-Master Afrika Bambaataa und die Soul Sonic Force die Bühne - in abenteuerlichsten Gewändern, versteht sich. An den Decks: Jazzy Jay. Richtig gesehen, das sind Fuchsschwänze an seiner Brille.

Das Burning Spear, den Schuppen, der Kenny als Sprungbrett zum Ruhm diesen soll, betreibt Kool Herc, gespielt von Kool Herc in Cowboyhütchen und Fransenanzug. Bei der Weihnachtsparty dort treten unter anderem die Treacherous Three (Kool Moe Dee inklusive) und Doug E. Fresh auf. Die finale Abschluss-Gedenk-Party für den mittlerweile ums Leben gekommenen Ramon bestreiten neben Hauptfigur Kenny (verkörpert von Guy Davis, der hernach Karriere als Blues-Gitarrist und Sänger machte) Grandmaster Melle Mel und die Furious Five, ein Gospelchor, erneut die Rock Steady Crew und eine Armada von Tänzern.

Die Prominenz reicht bis in die Besetzung der Nebenrollen hinein. Bei der Blockparty, bei der "Beat Street" Kenny erstmals in Aktion zeigt, treten die Ladys Debbie D, Sha-Rock und Lisa Lee auf und zugleich den Beweis an: "Us Girls can boogie, too." Als habe man noch nicht genügend bekannte Gesichter untergebracht, absolvieren im Rahmen eines Vorsingens für die heiß begehrten Auftritte im Roxy diverse Musiker der 80er Gastauftritte, darunter Brenda K. Starr, Tina B. - und Andy B. Badd, der auch gleichzeitig überdeutlich klar macht, warum er derart in Vergessenheit geriet. Egal. Wer Rang, Namen oder wenigstens ein schräg genuges Outfit besaß, war dabei.

Mit der Writerszene scheint die Filmcrew dagegen weniger gut vernetzt gewesen zu sein: Ein Großteil der gezeigten Graffiti-Pieces stammt nicht etwa von Künstlern aus diesem Bereich, sondern weniger begnadete Bühnenbildner airbrushten die Bilder und Schriftzüge zusammen. Man sieht es. Trotzdem möchte man den garstigen Sprayer Spit, der nur darauf aus scheint, die Arbeit anderer zu zerstören, am liebsten eigenhändig erwürgen, wenn er Ramons eben fertig gestelltes End-to-end-Gemälde überschmiert.

Wer an dieser Stelle interessehalber die deutschen Untertitel aktiviert, bekommt jedwedes Verständnisproblem, das eventuell aufgekommen sein könnte, ausgemerzt: "Hip Hop Don't Stop" steht auf dem Waggon. Die Übertragung ins Teutonische verkündet eine ewige Wahrheit, die vielleicht den einen oder anderen überraschen, verärgern, erschrecken oder verstören wird, jedoch seit mehr als drei Jahrzehnten Gültigkeit beweist: "Hip Hop hört nicht auf". Die Moral von der Geschicht' liegt auf den Schienen derselben: Was immer du tust - watch out for the third rail.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Beat Street

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