laut.de-Kritik

Hell Bent For Leather: Suzi Quatro krönt sich zur 'Queen of Noise'.

Review von

Die Geschichtsschreibung meint es zuweilen nicht gut mit Susan Kay Quatro, wie Suzi bürgerlich heißt. Vielleicht liegt es an einigen Karriereentscheidungen gegen Ende der 70er Jahre, als sie sich neben Smokie-Sänger Chris Norman ins weichgezeichnete Kameralicht schmiegte und mit "Stumblin' In" das Publikum in Ilja Richters "Disco 79" zum Seufzen brachte, kaum dass "If You Can't Give Me Love", der Vorgänger-Schmachtfetzen, verklungen war. Dreht man das Zeitrad von dort jedoch einige Winter zurück, dann stehen wir mitten im Jahr 1973 und wünschen uns nichts sehnlicher, als einmal neben oder meinetwegen auch ein Stück hinter Suzi Quatro zu stehen, und genüßlich eine Halbe zu exen, so wie es ihr Gitarrist und zwischenzeitlicher Lebensgefährte, Len Tuckey, auf dem Cover des Albumdebüts tut.

"Suzi Quatro" heißt die Platte schlicht, ebenso reduziert ist der Look des Coverfotos, grobkörniges Schwarz-Weiß, am linken Bildrand gibt Drummer Dave Neal etwas bemüht den Bad Boy, Suzi selbst hat keine Faxen oder Grimassen nötig, sie schaut dir direkt in die Augen und weiß, dass sie dich längst am Haken hat. Ihr Weg zum Ruhm ist bis dahin einigermaßen steinig. In Detroit geboren, sind die urbanen Umstände in der Motorcity eigentlich wie gemacht für die Musikerin, aber zunächst musiziert sie eine Zeitlang brav an der Seite ihrer Schwestern Arlene, Nancy und Patti bei den Pleasure Seekers, ehe Mickie Most sie 1971 für das RAK-Label unter Vertrag nimmt.

Zwei Jahre später erscheint das Debüt und hebt im Handstreich einiges an Genres aus der Taufe, koppelt Garage- und Hardrock mit Biker- und Punk-Attitüde, unterfüttert vom glam-getunten Songwriter-Händchen der Chinn/Chapman-Achse. Deren Geniestreiche "Can The Can" und "48 Crash" leuchten natürlich grell, räudiger Boogie im Geiste von Status Quo, aber mit einer Extraportion Swagger gespielt, zudem von Suzis Stimme gekrönt, ein multiples Organ, in dem sich bluesiges Röhren, katzengleiches Fauchen und Proto-Screamo wiederfinden, und von dem sich in the years to come Größen von Joan Jett und Debbie Harry über Girlschool und Chrissie Hynde bis zu Brody Dalle und Courtney Love etliche Verehrinnen mehr ihre Scheibchen abschneiden.

Aber auch der Rest der Setlist kann sich mehr als sehen lassen. "I Wanna Be Your Man", im Original von den Beatles, belässt Quatro nicht nur im Erzählerduktus aus männlicher Sicht, sie erhitzt den Song auch dermaßen über den Schmelzpunkt, wie es sich die Fab Four niemals getraut hätten. Eine direkte Linie führt von hier in die Punk-Ära, als auch Bands wie Generation X ("Gimme Some Truth") oder The Damned ("Help") bewiesen, wieviel Anarcho-Schmiss aus einer Vorlage von Lennon oder McCartney – oder beiden zusammen – herauszuholen ist.

"All Shook Up" zeigt Elvis, was eine Harke ist, "Glycerine Queen" klingt wie ein Bastard aus Ramones und The Sweet, "Shine My Machine" neigt sich mit Honkytonk-Piano Richtung Blues, während "Official Suburban Superman", mit Flanger-Panorama im Intro-Stomp und feistem Fender Rhodes, den Bogen von Janis Joplin zu frühen Heart schlägt. In "Primitive Love", wiederum von Nicky Chinn und Mike Chapman, schlummert ein weiterer potentieller Singlehit, "Get Back Mamma" ist fast ein zweites "Can The Can" und via "Sticks & Stones" verdichtet Königin Suzi die universelle Botschaft: Du kannst mir die Knochen brechen, aber den Rock'n'Roll wirst du mir niemals nehmen.

Da mag Kritikerpapst Robert Christgau ("Village Voice") noch so sehr möppern, dass nichts auf dieser Platte an die Chinn/Chapman-Songs heranreicht - Fakt ist, dass Suzi Quatros Debüt auch knapp 50 Jahre später nichts an Schärfe, Zeitgeist und weiblicher Ermächtigungspower eingebüßt hat – tough, glammy, selbstbewusst. Dass Quatro noch heute so pointiert und charismatisch ist wie eh und je, davon konnte man sich in jüngster Vergangenheit unter anderem bei der Kinopremiere der Doku "Suzi Q" in den Hamburger Zeise-Kinos überzeugen, als die Sängerin und Bassistin sich im Anschluss an den Film den Fragen von Programmchef Matthias Elwardt stellte. Schlagfertig, witzig, emotional, kein Zufall, dass im Publikum auch Zeitgenossen wie Bela B. anwesend waren, galt es doch einer der ganz Großen die Aufwartung zu machen – Suzi Quatro, der 'Queen of Noise'.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. 48 Crash
  2. 2. Glycerine Queen
  3. 3. Shine My Machine
  4. 4. Official Suburbian Superman
  5. 5. I Wanna Be Your Man
  6. 6. Primitive Love
  7. 7. All Shook Up
  8. 8. Sticks & Stones
  9. 9. Skin Tight Skin
  10. 10. Get Back Mamma
  11. 11. Rockin' Moonbeam
  12. 12. Shakin' All Over
  13. 13. Can The Can

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