11. Oktober 2011

"Mit dem Hype kam jede Menge Stress"

Interview geführt von

Das Leben als Pop-Star hat so seine Tücken. Geblendet vom gleißenden Rampenlicht verliert sich mancher Pop-Emporkömmling schnell im süffigen Sumpf aus Sex, Drugs & Rock'N'Roll.Kooks-Frontmann Luke Pritchard kann davon mittlerweile ein Lied singen, und so verwundert es kaum, dass sich die lyrischen Ergüsse auf ihrem neuesten Werk "Junk Of The Heart" primär um die Schattenseiten des Lebens drehen. Der beschwingt-fröhliche Grundtenor ihrer Musik bleibt aber dennoch erhalten, und so präsentiert sich letztlich ein interessantes Kontrast-Programm.

Vor allem die Festival-Verantwortlichen erfreuen sich seit Jahren am positiven Vibe der vier Briten. Ob Regen oder Sonne: Wenn The Kooks die Open-Air-Bühnen betreten, hat Petrus jeglichen Stimmungs-Einfluss verloren. Um so ärgerlicher dürfte es für die Chefs des diesjährigen Area4-Festivals gewesen sein, als sich der Apostel mit dem Beginn der Kooks-Show seiner Autorität untergraben fühlte und seine letzten Reserven mobilisierte. Blitz, Donner, Regen und Wind führten zwangsläufig zum Abbruch der Show. Petrus grinste und Lüdenhausen weinte.

Zwei Stunden vor dem Kooks-Gig, als noch alles nach einem spaßigen Abend aussah, sprachen wir mit Sänger Luke über das neue Album und die vermeintlichen Vorteile davon, Dinge etwas langsamer angehen zu lassen.

Hallo Luke, noch knapp zwei Stunden bis zum Auftritt heute beim Area4-Festival. Wie ist die Stimmung?

Luke: Bestens. Wir können es kaum noch erwarten.

Ist das jetzt gerade für die Band die beste Zeit des Jahres?

Luke: Wir lieben es, auf Festivals zu spielen. Insofern ist da schon was dran. Wenn abends die Sonne untergeht und du auf die Bühne kommst, vor der Tausende Leute auf dich warten und einfach nur feiern wollen, dann ist das schon ein erhabenes Gefühl.

Ihr wart gestern auf dem FM4-Frequency-Festival in Österreich zu Gange. Wie liefs?

Luke: Es war großartig. Wir haben zwar erst ziemlich spät angefangen, aber die Leute waren alle noch gut drauf.

Mitte September erscheint "Junk Of The Heart". Wie viel emotionaler "Müll" hat sich denn seit eurem letzten Album "Konk" angesammelt?

Luke: Oh, da kam schon einiges zusammen (lacht). Den Titel des Albums haben wir meiner Freundin zu verdanken. Wenn wir bei uns das Haus verlassen, hinterlassen wir für den anderen meistens noch einen Zettel mit einem lieben, oder manchmal auch einen nicht so lieben Spruch. Irgendwann schrieb sie "Junk of the heart is junk of the mind" auf's Papier. Ich fand den Spruch passend für meinen damaligen Gemütszustand.

Was steckt denn genau dahinter?

Luke: Ich habe in den letzten Jahren abseits der Band nicht immer eine schöne Zeit gehabt. Vor allem beziehungstechnisch gab es viele emotionale Höhen und Tiefen. Liebe und Schmerz hängen oft so nahe beieinander. Außerdem habe ich mir viele Gedanken über das Leben an sich gemacht. Die Tatsache, dass es nicht immer um Resultate gehen muss, sondern die Reise im Vordergrund steht. Das war mir nicht immer bewusst, aber nur so kannst du das Leben richtig genießen.

Das klingt sehr tiefsinnig.

Luke: Oberflächlich betrachtet schon, aber letztlich ist es ganz einfach. Wenn der Schalter erst einmal umgelegt ist, dann ergibt sich der Rest von selbst. Das ist natürlich ein Lernprozess.

Den du jetzt abgeschlossen hast?

Luke: Das kann ich schwer beurteilen. Eigentlich fühle ich mich noch mittendrin, aber es hat sich schon viel verändert. Ich denke, das hört man dem neuen Album auch an, obwohl es eine schwere Geburt war.

Welcher Musiker hat nicht den Wunsch, irgendwann einmal vor 50.000 Leuten zu spielen?


Wie schwer genau?

Luke: Nun, wir waren nach dem "Konk"-Release ziemlich lange auf Tour. Danach brauchten wir erst einmal etwas Abstand von der Maschinerie. Als wir uns dann wieder an neue Songs machten, merkten wir schnell, dass wir uns in eine falsche Richtung bewegten. Die Rohfassungen klangen irgendwie wie eine Kopie dessen, was wir hinter uns hatten. Das war schon ziemlich ernüchternd. Also überlegten wir uns, wie wir es besser machen könnten. Wir haben dann versucht, aus unserem Kosmos auszubrechen, um unseren Sound zu erweitern. So etwas klappt immer am besten, wenn du dein Umfeld veränderst, also haben wir uns auf eine kleine Farm verkrochen und haben angefangen mit verschiedenen musikalischen Elementen zu experimentieren, ohne aber an der grundlegenden Basis etwas zu verändern. Das hat, denke ich, sehr gut funktioniert.

Da stimme ich dir zu. Die eingestreuten Dub –und Elektro-Wagnisse bringen durchaus frischen Wind rein, auch wenn sich euer Grund-Sound nur unwesentlich verändert hat. Hast du einen persönlichen Song-Favoriten?

Luke: Ich würde sagen, "Runaway" ist für mich der wichtigste Song auf der neuen Platte.

Das überrascht mich etwas. Ich hätte eher gedacht, du nennst jetzt "Mr. Nice Guy", oder "Is It Me". Beide Songs behandeln sehr persönliche und intensive Phasen in deinem Leben.

Luke: Ja, das stimmt natürlich. In dem Song "Mr. Nice Guy" geht es um eine Zeit in meinem Leben, in der ich mich zu oft habe verleiten lassen. Das ganze Pop-Business hat neben der Musik ziemlich viele vermeintlich verführerische Seitengassen, in die man sich nur allzu schnell verirren kann, wenn du verstehst was ich meine? Bei "Is It Me" geht es darum, wie es sich für mich persönlich anfühlte, ohne Vater aufzuwachsen. Das sind natürlich zwei schwere Brocken, ohne Frage. Aber dennoch ist "Runaway" der für mich wichtigste Song, weil er am ehesten unsere musikalische Entwicklung repräsentiert.

Ihr seid eine der wenigen Bands aus England, die auch relativ schnell in Amerika Fuß gefasst hat. Wie wichtig ist euch die Anerkennung aus Übersee?

Luke: Das freut uns natürlich. Es ist schade, dass so wenige Bands aus unserer Heimat den Sprung schaffen. Viele richtig gute Bands hier, die große Hallen füllen, machen sich aber auch nicht die Mühe, in den Staaten wieder bei null anzufangen. Du kannst nicht erwarten, nur weil du auf der Insel gerade angesagt bist, dass du in Texas genauso viele Leute zu deinen Konzerten lockst. Ich persönlich finde diesen Kontrast allerdings sehr inspirierend, wenn du die Möglichkeit hast die Zeit noch mal zurück zu drehen und praktisch an die Anfänge erinnert wirst, während du als erfolgreicher Act in der Heimat plötzlich vor zweihundert Leuten in der Fremde Gas geben musst. Aber es gibt auch viele, die es geschafft haben. Schau dir Coldplay, Muse oder die Stones an.

Da du gerade die Rolling Stones erwähnst: Ihr hattet vor einigen Jahren die Ehre, für die Mannen um Mick Jaggerauf deren "Bigger Bang"-Tour zu eröffnen. War das eine Art "Ritterschlag" für euch?

Luke: In erster Linie war es für uns eine beeindruckende Erfahrung. Es war schon ziemlich verrückt. Welcher Musiker hat nicht den Wunsch irgendwann einmal vor 50.000 Leuten zu spielen? Das Erlebnis auf der Bühne war schon unvergleichlich, aber der ganze Zirkus drum herum war eher ernüchternd. Ich meine, wir sind da auch ziemlich naiv rangegangen und dachten, es würden tausend spannende Dinge passieren. Letztlich war es aber ziemlich langweilig. Alles war abgeschottet und hunderte Leute waren backstage involviert. Diese Maschinerie hat mit Rock'N'Roll-Lifestyle nicht mehr viel zu tun.

Neben all den Privilegien mussten wir auch viele Opfer bringen


Habt ihr euch die Stones nach euren Auftritten angeschaut?

Luke: Ja, und das war wiederum ziemlich beeindruckend. Die sind ja schließlich keine zwanzig mehr.

Ein teurer Spaß?

Luke: Teuer? Was meinst du?

Die Jungs von Kasabian mussten während ihrer Live-Kooperation mit den Stones im Anschluss reguläre Tickets zahlen, um Keith Richards und Co. auf der Bühne bewundern zu dürfen.

Luke: Echt? Das blieb uns zum Glück erspart (lacht).

Was euch in den letzten Jahren leider nicht erspart blieb, waren Besetzungswechsel innerhalb der Band. Wie schwer fiel es insbesondere dir, von Max Rafferty (Ex-Bassist) Abschied nehmen zu müssen? Ihr wart ziemlich eng befreundet, richtig?

Luke: Ja, das war die vielleicht schwerste Band-Phase bisher. Max hatte seinerzeit mit vielen Dämonen zu kämpfen und es ging einfach nicht mehr. Es war irgendwann offensichtlich, dass er sich selbst und die Disziplin, die es benötigt, um professionell zu arbeiten, nicht mehr in Einklang bringt, und so hatten wir gar keine andere Wahl. Das hat mich damals wirklich sehr mitgenommen, da er zu meinen besten Freunden zählte und auch heute noch zählt.

Ihr wart von Beginn an darauf aus, dass sich das gesamte Band-Gefüge so langsam und bedacht wie nur irgend möglich entwickelt. Letztlich kam alles anders und der Erfolg hat euch quasi innerhalb kürzester Zeit überrollt. Würdest du, im Nachhinein, dem Business eine Mitschuld am Ausstieg von Max geben?

Luke: Einerseits schon, denn dieser entstandene Hype und Erfolg zog auch unheimlich viel Stress nach sich. Neben all den Privilegien mussten wir auch viele Opfer bringen, und nicht jeder kam damit klar. Ich weiß nicht, aber wenn sich alles etwas langsamer entwickelt hätte, wäre Max vielleicht heute noch in der Band, wer weiß?

Das klingt ein bisschen wehmütig.

Luke: Ich will mich nicht beklagen. Es gibt so viele großartige Bands, die es trotz aller Bemühungen nie ins Rampenlicht schaffen und für all ihre Mühen und Entbehrungen belohnt werden. Wir haben auch viel Glück gehabt und ich fühle mich geehrt ein Teil des Ganzen zu sein. Dennoch ist es manchmal auch hart und du musst Entscheidungen treffen, mit denen du nie gerechnet hättest. Das ist dann die Kehrseite des Erfolges.

Danke, dass du dir die Zeit genommen hast und viel Spaß nachher.

Luke: Danke und gern geschehen.

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