laut.de-Kritik

Die heile, traurige Welt der Alleinunterhalter-Keyboards.

Review von

"Ich möchte jedes Publikum ansprechen - von 1 bis 99." Besonders exotisch fallen Vanessa Neigerts Ansprüche nicht aus. Bescheiden aber auch nicht: "Ich möchte das Lachen von Kindern genauso hervorzaubern wie das Lächeln von Oma und Opa." Hinter einem solchen Ansinnen lauert fast zwangsläufig das Gespenst der Beliebigkeit. Man kann es einfach nicht jedem recht machen – schon gar nicht, wenn die Bereitschaft, Risiken einzugehen, völlig fehlt.

Wer die aufstrebende Sängerin vor vier Jahren bei "Deutschland sucht den Superstar" erlebt hat, dürfte keinerlei Zweifel hegen: Ihre Begeisterung für den Schlager kommt von Herzen, wirkt kein bisschen kalkuliert oder aufgesetzt. Warum auch nicht? Das viel zu oft vorschnell als belanglos gebranntmarkte Genre hält schließlich – das gilt gleichermaßen für Kompositionen wie Inhalte – Grandioses bereit.

Um so bedauerlicher, dass Vanessas inzwischen bereits drittes Album den weit verbreiteten falschen Eindruck nicht im Geringsten korrigiert. Statt wenigstens einen Versuch zu unternehmen, die Tief- und Abgründe des Schlagers auszuloten, beschränkt sich die Songauswahl auf allseits bekannte und entsprechend ausgelutschte Gassenhauer, Heile-Welt- und Liebesliedchen des Kalibers "Lollipop", "Marina" oder "Ciao, Ciao Bambina".

So tolle, vielgestaltige Geschichten mit durchaus unerwarteten Wendungen hätte der Schlager zu bieten. "Volare" erzählt keine einzige davon, wagt gerade so den winzigen Schritt von "La La La" zum "La La Love Song". Ivo Mohring, der Vanessa mit "Ich Backe Mir Nen Mann" diesmal sogar eine "eigene" Nummer schrieb, traut sich auch keine großen Sprünge, bleibt mit seichtem Inhalt und bewährter Rock'n'Roll-Boogie-Woogie-Basslinie ebenfalls auf breit ausgetretenen Pfaden. An deren Rändern blühen munter wahlweise der weiße Flieder oder aber die roten Rosen der Liebe.

Noch ärgerlicher als die mutlose Songauswahl gestaltet sich jedoch die musikalische Ausgestaltung. Von Opulenz oder gar Glamour keine Spur: Jede einzelne Nummer wirkt, als habe man sie auf einem Alleinunterhalter-Keyboard eingeklimpert und allerhöchstens für eine Aufführung im Fernsehgarten vorgesehen. Man betrachte nur die völlig ohne Nachdruck operierenden Streicher in "Was Kann Ich Denn Dafür", einer deutschsprachigen Fassung von "Something Stupid"! Erbärmlich.

Vielleicht steckt aber auch eine perfide Absicht hinter der schwachbrüstigen Instrumentierung. Immerhin kommt einem Vanessa Neigerts Stimme in diesem Umfeld als das Kraftvollste, das mit Abstand Saftigste vor. Obwohl in ihr keineswegs die größte lebende Sängerin steckt, geht jedes Fünkchen Schmackes, das sich auf dieser Platte verbirgt, ganz allein auf ihr Konto.

Fehlende Stimmgewalt stört im Schlagerkontext seit jeher so wenig wie alberne Akzente oder kleine Sprachfehler. Da es deutlich stärker auf Herzblut ankommt, irritiert auch Vanessa Neigerts gelegentlich aufblitzendes leises Lispeln kaum, lässt sie viel mehr noch menschlicher, ungekünstelter, echter erscheinen. Nein, an ihr liegt es nicht, dass "Volare" einen schalen Nachgeschmack hinterlässt.

Vanessa Neigert macht ihre Sache, so gut sie kann – und das ist weit mehr, als mancher abgewichste Routinier-Kollege (wie zuletzt Dieter Thomas Kuhn) zu bieten hat. Suchte ihr beim nächsten Mal endlich jemand die richtigen Titel aus und setzte diese dann auch nur halbwegs würdevoll in Szene, die Aufforderung "Tanze Samba Mit Mir" gestattete nur eine Entgegnung: "Olé, olé, ich bin dabei!"

Trackliste

  1. 1. Guten Morgen Schöne Welt
  2. 2. Nel Blu Dipinto Di Blu (Volare)
  3. 3. Ich Backe Mir Nen Mann
  4. 4. La La Love Song
  5. 5. I Love You (Vergiss Nicht Ich Liebe Dich)
  6. 6. Diana
  7. 7. La La La
  8. 8. Was Kann Ich Denn Dafür
  9. 9. Marina
  10. 10. Ciao, Ciao Bambina
  11. 11. Am Sonntag Will Mein Süßer Mit Mir Segeln Gehen
  12. 12. Lollipop
  13. 13. Tanze Samba Mit Mir

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