laut.de-Kritik

Wie ein Komet, nicht von dieser Welt.

Review von

Amy Winehouse gehört zu den tragischen Figuren der Musikgeschichte. Ein Ausnahmetalent, dessen irdisches Dasein durch Drogen, Alkohol und der Gier geldgeiler Männer brutal verkürzt wurde. Ihre Geschichte ist bestens dokumentiert, dank unzähliger Paparazzi, einem ehrwürdigen Dokumentarfilm - und ihrem eigenen monumentalen musikalischen Opus Magnum.

"Back To Black" schlug 2006 ein wie ein Komet. In einer Zeit, in der Britney Spears, Gigi D'Agostino, Las Ketchup, Missy Elliott und Co. die Charts beherrschten und die populäre Musik vor lauter Plastik-Pomp förmlich quietschte, war der Aufprall dieser rohen, ehrlichen und fühlbar organischen britischen Naturgewalt um so deutlicher zu spüren. Die Welt wusste es damals nicht, aber sie sehnte sich nach der warmen Umarmung von Soul und Jazz wie ein ausgetrocknetes Flussbett nach dem Regen. Amy Winehouse war der Monsun, mit dem niemand wirklich rechnete.

Zwar hatte sie mit "Frank" ein paar Jahre zuvor bereits ihr Debüt hingelegt und war in Großbritannien damit auch einigen Menschen aufgefallen, doch für die internationalen Massen war dieses jazzige Stück englischer und allen voran weiblicher Authentik noch zu sperrig. Es brauchte erst ein entzwei gebrochenes Herz und geschliffene Motown-Melodien, damit die ganze Welt ihr zuhörte.

Als "Rehab" die Radiostationen flutete, konnte sie ja auch gar nicht mehr anders. Jedes Kind sang damals mit der etwas schmuddeligen, verruchten und rebellischen aber höllisch talentierten Britin über Entzugskliniken und Ausreden für die Sucht. "They tried to make me go to rehab but I said no no no" tönte es damals aus jedem Auto, jedem Fernseher, jeder Umkleidekabine, jeder Bar. Die herzzerreißende Schwere von "It's not just my pride / it's just til these tears have dried" umrissen wohl nur die wenigsten vollumfänglich. Doch die Magie, die diese dürre, Bienenkorbfrisur-tragende junge Frau umwob, die konnten sie alle spüren.

Mit "Back To Black" machte Amy Winehouse sich unsterblich - und schlug sich zugleich einen weiteren Nagel in ihren Sarg. Ohne es zu wissen zwar, doch auch dank der bereits erwähnten Doku "Amy" (2015) ist glasklar, dass der Erfolg dieses Albums und dessen Folgen zu ihrem unglücklichen Untergang beitrug. Vor der Talfahrt muss es - logischerweise - allerdings ersteinmal bergauf gehen.

Amy liegt bereits in den ersten Trümmern ihres Lebens, als sie 2005 nach Miami zu ihrem Producer Salaam Remi fliegt. Ihre große Liebe Blake Fielder-Civil hatte sie für seine eigentliche Freundin sitzen gelassen, und sie stürzt in ein Loch aus Alkohol, Essstörung und Eskapaden. Das Label droht mit Rausschmiss, wenn sie nicht schleunigst einen Nachfolger für "Frank" liefert, und der einzige, der wirklich mit ihr zusammenarbeiten will, ist Remi. Mit dem Hip Hop-Produzenten, der bereits mit den Fugees, Nas und Ms Dynamite kollaborierte, hatte sie bereits ihr Debüt konzipiert. Bei ihm fühlt sie sich sowohl menschlich als auch musikalisch geborgen und bekommt endlich ein wenig Abstand zu dem wilden Chaos und dem Schmerz in ihrem Leben. Sie beginnt zu schreiben.

Und wie sie schreibt! Diese gerade mal Anfang 20-Jährige bringt Worte zu Papier, deren erdrückende Klarheit normaltalentierte Writer auch nicht mit einem Jahrhundert Erfahrung auszudrücken vermögen. "As far as my heart, I'd rather be restless / Second I stop, the sleep catches up and I'm breathless / 'cause this ache in my chest / 'cause my day is done now / the dark covers me and I can't run now."

Hinzu kommt ihr musikalisches Verständnis. Sie schreibt und hat gleichzeitig Arrangements im Ohr. Als Remi Mark Ronson mit ins Boot holt, sagt sie ihm sofort, was sie von ihm will. 5 Royals, Doo-woop, diese Akkorde. Ihr Wissen um Jazz, Soul und Blues-Musik ist bodenlos. Selbst Questlove, der von sich selbst behauptet, einen Doktor in Jazz zu haben, muss sich in Anbetracht dieser jungen Weißen eingestehen, dass er bei ihr wohl besser Nachhilfe-Unterricht nimmt.

Seit sie hören kann saugt sie Sinatra, Ella Fitzgerald, Billie Holiday & Co. förmlich auf und verinnerlicht alles, was sie wahrnimmt. Sie lebt Jazz mit jeder Pore ihres Daseins. Wo andere weiße und rote Blutkörperchen haben, finden sich bei Amy Arrangements und Rhythmen. Sie braucht keine Band-Begleitung, sie hat ihren eigenen Takt. Man höre "Me And Mr. Jones", ein Song, in dem ihr Ex sie zuerst ein Slick Rick-Konzert verpassen lässt und dann beinahe ihre Freundschaft zu Mr. Nasir Jones aka. Nas zerstört. Das Lied braucht die klassisch drumerhum-komponierte Ballade eigentlich nicht, denn Amy ist Takt, Melodie und Orchester zugleich.

"Me And Mr. Jones" dient hier nur als anschauliches Exempel aus einer Reihe von elf grandiosen Songs, auf die diese Feststellung ein ums andere Mal zutrifft. Genau deswegen wählen Ronson und Remi die Motownesken Begleitungen, die übrigens von Sharon Jones' Dap Kings eingespielt werden. Dieser kommerzielle Soul ist leicht, mit so ziemlich allem kompatibel und gibt einem ein wohliges Gefühl im Bauch. Der perfekte Wein, der der mächtigen Hauptspeise schmeichelt, ohne davon abzulenken.

Aber Text und Rhythmik reichen noch nicht. Denn dann ist da diese brachiale Stimme. Eine Jahrhundert-Stimme. Kraftvoll und so unendlich fragil zugleich, warm und kehlig, aufreibend, beruhigend, leidend. Es scheint, als würde sich der gesamte Schmerz der Menschheitsgeschichte in ihren Stimmbändern kanalisieren. Sanfte Melancholie in "Love Is A Losing Game", deren Tiefgang gänzlich ohne Theatralik auskommt, Todesmutige Ride-or-Die Mentalität mit endloser Kraft, wie in "Some Unholy War". Mühelos, ehrlich, virtuos.

Ihre Sprache, ihre Emotion, alles wirkt zu hundert Prozent echt, denn alles ist zu hundert Prozent Amy. Und das muss man hier wörtlich nehmen. Miss Winehouse reißt sich ihr Herz aus der Brust und gibt allen, die zuhören, ein Stückchen davon ab. Deswegen ist "Back to Black" so zeitlos - ihr Schmerz ist so direkt, so unverpackt, dass er unseren Schmerz ein Stück weit erträglicher macht. Dabei verspricht sie keine Besserung, nimmt keine aufmunternden Worte in den Mund. Diese unsterbliche Stimme aus dem Äther gibt uns das Gefühl, nicht allein zu sein. Verstanden zu werden. Sie ist die schützende Decke, die Trost spendet und uns hilft zu heilen.

Das Schicksal zeigt sich hier von seiner sarkastischsten Seite. Amy Winehouse heilt die Welt, doch nicht sich selbst. Hierüber müssen wir uns als Hörende im Klaren sein: Diese Kristallisation und Konzentration des reinen Schmerzes kann nur zustande kommen, weil die Musik für die Sängerin der einzige Weg war, tatsächlich zu fühlen. "Back To Black" ist das Ergebnis eines dysfunktionalen Umgangs mit Schmerz, Verlust und Trauer. Eine Bewältigungsstrategie, die Verletzungen nicht heilt, sondern nur sichtbar macht. Im richtigen Kontext, mit den richtigen Menschen um sie herum, hätte dieses Album vielleicht zu ihrer Heilung beitragen können - in den Zwängen des komerziellen Erfolges und der Maschinerie der Pop-Industrie hat sie die Offenlegung ihres Herzens allerdings nur noch angreifbarer gemacht.

Was bleibt, sind elf Songs, die die Zeit überdauern werden. Egal wo "Back To Black", "Rehab", "Tears Dry On Their Own", "You Know That I'm No Good" oder einer der anderen sieben Tracks wieder erklingen, werden die Menschen kurz innehalten, gefesselt von dieser faszinierenden Künstlerin. Denn Amy Winehouse war tatsächlich - ganz wie ein Komet - nicht von dieser Welt. Ihre Landung hat sie buchstäblich zerstört - und dabei der Welt ihren Stempel aufgedrückt.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Rehab
  2. 2. You Know I'm No Good
  3. 3. Me & Mr Jones
  4. 4. Just Friends
  5. 5. Back To Black
  6. 6. Love Is A Losing Game
  7. 7. Tears Dry On Their Own
  8. 8. Wake Up Alone
  9. 9. Some Unholy War
  10. 10. He Can Only Hold Her
  11. 11. Addicted

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Sie sieht nicht unbedingt aus wie das typische Soul-, R'n'B- oder Jazz-Püppchen. Ihre Ausstrahlung hat eher etwas Sprödes und Laszives an sich. Prangt …

90 Kommentare

  • Vor 10 Jahren

    @stummerzeuge (« tja.. wurde ja nix draus. Bin mal gespannt was alles noch an unreleased Material zusammengeklaupt wird. Kaufen werd´s nicht mehr, es sei denn es stellt sich raus, dass Album Nr 3 fast fertig war. »):

    Es gibt keine neuen feritgen Songs von ihr sagen Ihre Produzenten, die Arbeiten daran hatten noch nicht einmal wirklich begonnen.
    Allerdings soll es ein paar Songs von Ihr geben die sie für den nächsten Bond Film eingesungen hat. Mal schaun ob sie Post-mortem den Soundtrack liefern darf. :)

  • Vor 10 Jahren

    Es gibt keine neuen feritgen Songs von ihr sagen Ihre Produzenten, die Arbeiten daran hatten noch nicht einmal wirklich begonnen.
    Allerdings soll es ein paar Songs von Ihr geben die sie für den nächsten Bond Film eingesungen hat. Mal schaun ob sie Post-mortem den Soundtrack liefern darf. :)

  • Vor 10 Jahren

    @stummerzeuge (« tja.. wurde ja nix draus. Bin mal gespannt was alles noch an unreleased Material zusammengeklaupt wird. Kaufen werd´s nicht mehr, es sei denn es stellt sich raus, dass Album Nr 3 fast fertig war. »):

    Es gibt keine neuen feritgen Songs von ihr sagen Ihre Produzenten, die Arbeiten daran hatten noch nicht einmal wirklich begonnen.
    Allerdings soll es ein paar Songs von Ihr geben die sie für den nächsten Bond Film eingesungen hat. Mal schaun ob sie Post-mortem den Soundtrack liefern darf. :)