laut.de-Kritik

Ohrwürmer, Langeweile und einer der besten Metalsongs des Jahres.

Review von

Architects habens offenbar eilig. Gerade mal anderthalb Jahre vergingen seit dem vorherigen Studioalbum "For Those That Wish To Exist". Erst vor wenigen Monaten erschienen zudem gleich zwei Lockdown-Livealbum – "Live At The Royal Albert Hall" und "For Those That Wish To Exist At Abbey Road". Überhastet klingt auf "The Classic Symptoms Of A Broken Spirit" trotzdem nichts. Im Gegenteil: Das zehnte Album ist wahrscheinlich das am ausgereiftesten produzierte der Bandgeschichte. Trotzdem stellt sich eine gewisse Übersättigung ein.

Die Devise auf "The Classic Symptoms Of A Broken Spirit" lautet: Hymnen, Hymnen, Hymnen. Im Januar 2023 werden Architects die größten Hallen ihrer Karriere headlinen. Einen entsprechend großformatigen Ansatz wählten sie für die neuen Songs. Den Pfad dafür bereiteten sie schon mit "For Those That Wish To Exist" und führen die Tendenz zu im Kern simpleren Songs weiter. Meist steht Sänger Sam Carter im Zentrum, dessen Vocallines als Fokuspunkt die Band alle anderen Elemente unterordnet. Teils wirken die Songs gezielt um eine Hook herumgeschrieben. Durch Kniffe im Arrangement, wie kontinuierliches An- und Abschwellen der Instrumentalparts, setzen Architects diese effektiv in Szene.

Bestes Beispiel ist "Doomscrolling". Zwar dauert die Hook über 30 Sekunden lang, ist aber so gebaut, dass sowohl Text als auch Melodie sofort im Ohr bleiben. Die einprägsame Keyline: „Delete another day“. Ende und Beginn des Parts gehen ineinander über, sodass er im Grunde endlos weiterlaufen könnte – der perfekte Ohrwurm einerseits, andererseits die musikalische Verkörperung des besungenen Phänomens, sich in den Tiefen sozialer Medien zu verlieren. Immer noch ein Stückchen weiterscrollen…

In anderen Songs geht diese Kompositionsweise (eine griffige Zeile, die im Ohr bleibt, soll genügen, um das ganze Stück zu tragen – Steven Wilson taufte das mal "Playground Chant") weniger gut auf. Dann bleibt zwar die Hook hängen, belässt vom Rest des Songs aber nur wenig in Erinnerung. "Born Again Pessimist", "Spit The Bone" und "Burn My House Down" rauschen undefiniert vorbei. Dass Architects zudem mehrmals versuchen, sich mit stampfenden Riffs Rammstein und deren Arenadominanz anzunähern ("Tear Gas", "Spit The Bone") geht ebenfalls gehörig schief. Gerade diese Nummern entbehren jeglicher Identität und werden austauschbar.

Anders als beim Vorgänger fehlt auf Albumlänge zudem die Abwechslung. So geschickt Architects innerhalb eines Songs manchmal mit Arrangement und Struktur umgehen, so sehr vertrauen sie insgesamt diesmal doch sehr auf ein gleichbleibendes Grundschema. Ausnahmslos alle Songs münden irgendwann in einen von Carter in verlässlich gleicher Stimmlage plakativ posaunten Arenashow-Chorus – und das in der Regel im bekömmlichen Midtempo. Selbst der zunächst amtlich losprügelnde Rausschmeißer "Be Very Afraid" wird zum Ende hin noch gezähmt.

Zum Schema gehört außerdem die Fusion von elektronischen Elementen mit klassischer Metal-Instrumentierung. Synthesizer nehmen auf "The Classic Symptoms Of A Broken Spirit" eine wesentlich wichtigere Rolle ein als bisher im Architects-Kontext, stehen teils gleichberechtigt neben den Gitarren. Wer Bring Me The Horizons "amo" mochte, sollte hier definitiv reinhören. Das Soundbild steht in der Diskographie der Band für sich allein, erfährt im Verlauf der elf Songs aber nur wenig Variation, vielleicht zu wenig. Ob man das als angenehm homogen empfindet oder langweilig bleibt wohl Geschmacksache.

So oder so: die Kombination der gewählten Elemente haben Architects hier nahezu perfektioniert und das macht sich in der Produktion bemerkbar. Die "Langeweile" klingt fantastisch. Gerade für die Verbindung synthetischer und organischer Elemente hat die Band das perfekte Mischverhältnis gefunden. In keinem Song kommt das besser zur Geltung als "Deep Fake", zweifellos das Meisterstück der Platte. Sägende Synthleads doppeln die Gitarrenriffs, programmierte Drums ergänzen das Schlagzeug, Carter reitet das Soundmassiv mit kraftvollen Vocallines und im Breakdown explodiert das zum Bersten gespannte Klangkonstrukt schließlich. Vielleicht hinterlässt der Rest des Albums auch nur deshalb einen schwächeren Eindruck, weil einer der besten Metalsongs des Jahres gleich zu Beginn alles andere überschattet.

Trackliste

  1. 1. Deep Fake
  2. 2. Tear Gas
  3. 3. Spit The Bone
  4. 4. Burn Down My House
  5. 5. Living Is Killing Me
  6. 6. When We Were Young
  7. 7. Doomscrolling
  8. 8. Born Again Pessimist
  9. 9. A New Moral Low Ground
  10. 10. All The Love In The World
  11. 11. Be Very Afraid

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7 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 2 Monaten

    Muss dem ersten Absatz widersprechen: Das Album wirkt komplett überhastet: alle Songs sind gleich aufgebaut, die Gesangsmelodien werden permanent recyclet - das ist gelebte Lustlosigkeit und kreativer Bankrott. Das Drumming ist langweilig, die Produktion ein ziemlicher Matsch und der Gesang komplett totproduziert. Für mich ist die Platte eine der größten Enttäuschungen des Jahres.

  • Vor 2 Monaten

    Die nächste Band, die ihren originären Sound und ihre Trademarks opfert, um "massentauglicher" zu werden und Sing-Along-Hymnen für die Bühnen der Sommerfestivals zu konstruieren versucht. Ich nenne das jetzt mal das Parkway-Drive-Syndrom. Zum Glück gibt es ein paar Vertreter der Szene, die wieder zurück zu ihren Wurzeln gefunden haben (Bullet for my Valentine, In Flames). Die Coronapause hat einigen Bands nicht gut getan, vielleicht hat der Input gefehlt. Dann aber lieber kein neues Album rausgebracht, als irgendwas was halbgares (Grüße an Slipknot). Schade, die Jungs sind echt nett und lost forever//lost together wird immer eines meiner All-time-Lieblingsalben bleiben.

    • Vor 2 Monaten

      Schon mit dem Nachfolger von lost forever// lost together hatten architects alles aus erzählt und mussten was neu machen auch wenn das neue Zeug auch nicht meins ist.
      Bei parkway Drive hört man zu jeder Sekunde das es parkway Drive ist.
      Und die Wurzeln von bullet for my valentine waren schon immer im Kommerz.
      Bei slipknot hast du absolut Recht.

  • Vor 2 Monaten

    Ich muss Sharean zustimmen: Das Album klingt komplett überhastet. Erschreckend wie sich Band seit Holy Hell entwickelt hat! Zumal sie anscheinend das Songwriting verlernt hat und zu sehr andere Bands kopiert! Beim allem Respekt - aber Deep Fake ist nicht ansatzweise einer der besten Metalsongs des Jahres. Komplett im Fahrwasser von Bands wie While She Sleeps oder We cames as Romans - nur um Klassen schlechter!

  • Vor 2 Monaten

    Grosse Bühnen sind des innovativen Metals Tod.

  • Vor 2 Monaten

    Joa, wieder recht langweilig geworden, leider. Das Beste an neuen Alben von Architects, Parkway Drive, etc. sind immer noch die immergleichen sog. "Fanreaktionen" von irgendwelchen beleidigten Leberwürsten, die von Stadions, großen Bühnen und Festivals sprechen wie der Teufel vom Weihwasser, so als müsse eine Band 40 Jahre lang alle zwei Jahre dasselbe Album veröffentlichen, um bloß nicht in Verruf zu geraten. Glücklicherweise scheißen diese Künstler auf euch und machen einfach ihr Ding, wie sie es für richtig halten.

  • Vor 2 Monaten

    Ich bin seit Hollow Crown ein Fan und mit Architects aufgewachsen. Ich denke, um den Wandel nachzuvollziehen hilft es, sich vor Augen zu führen, dass Architects seit 2 Alben gezwungenermaßen einen anderen Songwriter haben. Natürlich klingen sie anders. Dan Searle als Drummer schreibt anders als ein Gitarrist - und das hört man auch. Die Songs sind sehr auf Drums aufgebaut. Ich arbeite als Studio-Drummer und die Drums sind weiterhin erste Sahne sowohl vom Spiel als auch von der Komplexität her. Architects sind meiner Meinung nach bis Holy Hell immer besser geworden, auch FTTWTE war richtig stark. Dieses Album wirkt aber ein wenig wie ein Schnellschuss - viel klingt ähnlich. An der Review merkt man aber auch die Subjektivität des Ganzen. Denn während der Autor Spit The Bone als sehr langweilig abtut, ist es für mich einer der stärksten Songs auf der Platte. Die Band ist halt keinem Rechenschaft schuldig. Ich finde es schade, dass sie so gar keinen Metalcore mehr haben, aber es ist okay für mich. Sie haben sich weiterentwickelt und es werden anderen Bands kommen. 2/5 Sterne für mich.