laut.de-Kritik

Softrock und Liebe statt Sex - Bilderbuch sind ganz bei sich.

Review von

Bei Bilderbuch ging es mal um Sex. Jetzt beginnen sie ein Album mit Akustikgitarre und bedingungsloser Hingabe. Es geht jetzt um Liebe. Nicht Liebe machen, sondern Liebe. Liebe als metaphysische Kraft, Liebe als Sinn der Existenz, Liebe als Anfang und Ende. Das ist sehr weit weg von "Ich lese Proust, Camus und Derrida / Mein Schwanz so lang wie ein Aal" ("Feinste Seide") und "Mein Herz bricht auf der Suche nach Liebe" ("Mein Herz Bricht"). Stattdessen singt Maurice Ernst jetzt: "Sterne über uns / machen uns so happy / nur du und ich und der / Rest der Welt." Das Ergebnis ist ein Album, auf dem Bilderbuch so zufrieden wirken wie niemals zuvor.

Prinzipiell wird ja die Karriere der Österreicher immer in zwei Phasen aufgeteilt: Anfangs waren sie die Arctic Monkeys von der Klosterschule (2009 - 2013) und dann "Innovativste Band im deutschsprachigen Raum" (2013 - heute). Die ersten zwei Bilderbuch-Alben "Nelken & Schillinge" sowie "Die Pest im Piemont" klangen wirklich noch etwas zu bemüht nach British Invasion, auch wenn "Tennisverein" oder "Bitte, Herr Märtyrer" tatsächlich sehr gute Songs waren. Aber dann kam die "Feinste Seide EP". Auf einmal war Maurice kein Alex Turner-Klon mehr, sondern ein aufreißend lässiger Dude in Platinblond. In ihren Musikvideos sind sie nicht mehr im Wald rumgerannt, sondern saßen im Vintage Lamborghini. Bilderbuch, das war jetzt Kunst und Gegenwartsanalyse und das Aufregendste, das die DACH-Musiklandschaft zu bieten hat.

Gleichzeitig entstand eine Spannung zwischen Bilderbuch, der Band, und Bilderbuch, dem Produkt. Irgendetwas hat da nicht zusammengepasst. Die Musik der Band klang anders als die Band, besser kann ich es nicht beschreiben. Die Band wirkte immer ein bisschen besser als ihre eigene Musik. Sie schien andauernd nach einer Form von Musik zu suchen, in der sie sich ausdrücken kann. Das war weder die Ye-Verneigung, noch Checker-Coolness oder First-World-Sadness. Irgendwie schimmerte immer eine Leere durch die Songs, so gut sie auch waren. Niemand nahm Bilderbuch ernsthaft ab, dass sie "Eine Nacht In Manila" verbringen. Die "Superfunkypartytime" war eine Lüge, die "Frinks" waren so hirnverballert, das konnte nur Blödsinn sein.

Das alles ist vorbei. Die Neoromantik auf "Gelb Ist Das Feld" füllt diese Leere endlich aus. Überraschend ist das nicht. Der wahrscheinlich beste Bilderbuch-Song bisher war "Baba", zutiefst romantisch, verspielt, schwelgerisch. So klingt jetzt das gesamte Album. Es hatte sich angekündigt. Schon 2021 kamen die ersten beiden Vorabsingles. "Nahuel Huapi" und "Daydrinking". Entstanden auf einem Roadtrip durch die argentinische Pampa zeigen Bilderbuch hier schon alles, was "Gelb Ist Das Feld" stellenweise so umwerfend macht. Akustik-Gitarren. Softrock. "Kein rush / keine hurry / nur intimacy." Die Welt scheint stillzustehen während dieser beiden Songs.

Die Rolle der Welt auf "Gelb Ist Das Feld" ist kurios, vor allem im Vergleich zu "Vernissage My Heart". 2019 hieß der große Song "Europa 22", eine ausufernde, dekadente Psychedelica-Hymne auf die EU. Das war sehr zeitgemäß, klang wie die Vertonung der EU-Hoodies und ist genau deswegen auch seltsam miefig geworden. So gut der Song auch klang, er war seltsam hüftsteif und prätentiös, Bilderbuch als Politband der liberalen Demokratie? Jetzt heißt ein Song "Klima" und handelt von einer "lady und ihrem boy".

Alles außerhalb dieser kleinstmöglichen Einheit kommt nur als bloße Erinnerung vor. Flugshaming weicht der Erkenntnis, dass "küssen wie fliegen ist." Die Welt am "Nahuel Huapi"? Geht vollkommen unter bei Gesprächen über "Hybrid-Cars und Mexican Wrestlers." Dazu spielt sich insbesondere Michael Krammer in einen absoluten Rausch. Seine Gitarre(n) tragen den Song, setzen die Atmosphäre. So auch auf dem The Smiths-inspirierten "For Rent". Für dessen Synthies würde Drangsal wahrscheinlich eine Niere verkaufen, für Bilderbuch sind sie nur schmuckes Beiwerk.

Immer wieder übernimmt Krammer den Lead im Song. Seine Gitarrenarbeit ist die wahre Manifestation der Liebe auf "Gelb Ist Das Feld". In "Schwarzes Karma" spielt er sich einen Wolf, wechselt von Begleitung zu Hauptstimme, konkurriert spielerisch mit den Vocals um die Führung. Das klingt dann, als hätten Bilderbuch eine Softrock-Kuschel-CD neu gemastert, ihr Midi-Keyboard und Billo-Drumcomputer entrissen und stattdessen einfach eine außergewöhnliche High Tempo Post Punk-Nummer draus gemacht. Es ist zum Niederknien.

Dazu zeigen Bilderbuch, dass sie die höchste Kunst des Liebeslieds beherrschen: Der romantische Trennungssong. So wie "Marriage Story" ein Liebesfilm durch die Linse der Scheidung war, zeugt der romantische Trennungssong von der Liebe in Rückschau. "Heute bin ich nicht aufgewacht / skippe dinner, ich skippe lunch / mein Mobile Phone gibt mir Heart Attacks / warte auf Vibrations die dich zurück zu mir bringen." Das mag nach Liebeskummer klingen, doch der Song ist so von der Idee der Romantik beseelt, dass der Kummer entfällt. Maurice imaginiert sich an den "Dopamin Beach", die Frage "war es Liebe / oder sweet codependency?" ist vollkommen egal.

"La Pampa" ist eine nostalgische Erinnerung an Argentinien, alles klingt nach endloser Weite und grenzenloser Entschleunigung. Die Gitarren nehmen ihre Inspiration aus argentinischer Folkmusik, schunkeln am Ende eines langen Tages. Auch das langsame "Ab Und Auf" schunkelt bedächtig vor sich hin, das verspielte Gitarrensolo ist ganz bei sich. Die Rhythmusgitarre klingt ein bisschen nach dem unterschätzten "Gibraltar", der Gesang verschwindet im Mix mit der Musik.

Natürlich gibt es auch auf "Gelb Ist Das Feld" waschechte Hits. "Zwischen Deiner Und Meiner Welt" ist schnell, ein bisschen verträumt, rockig, eine herausragende Bilderbuch-Single. "Baby, Dass Du Es Weißt" hat Backgroundchöre, Liebserklärungen, 80s-Gitarren. "For Rent" klingt nach Mittelmeer-Urlaub, Roadtrip, Heimatlosigkeit und Liebessuche. "Ich nehm mir Zeit nehm mir Zeit für mein Baby / und mein Baby nimmt sich natürlich Zeit für mich / alles was sie hat / ist Liebe for rent."

Früher hätten Bilderbuch hieraus einen langsamen, traurigen Song über die Einsamkeit des modernen Menschen gemacht. Auf "Gelb Ist Das Feld" bleibt ihnen gar nicht die Muße dafür. Es gibt ja immer noch mehr zu lieben, das Ende einer Liebe ist auch nur der Beginn der nächsten Liebe. Dieses Konzept ist keine Seltenheit auf "Gelb Ist Das Feld". So sehr die Texte auch nach Breakup klingen, die Musik ist zu schwelgerisch, zu romantisch, als dass hier irgendetwas auch nur irgendwie traurig klingen könnte.

"Du gehst deinen Weg / und ich geh heim / maybe baby that's life" klagt "I'm Not Gonna Lie", doch zwischen einem Vintage Hip Hop-Schlagzeug und mehreren Gitarrenriffs wird die Sadness einfach zerrieben. Stattdessen bleibt am Ende nur ein halbgöttliches Gitarrensolo und "Schuscha", das zeitgleich Zustandsbeschreibung wie Lebensführung ist.

Natürlich, "Gelb Ist Das Feld" hat seine Durchhänger. "Blütenstaub" erinnert ein bisschen an die frühen Phoenix, kommt am Ende aber einfach nur ein bisschen saftlos, schlurfig rüber. "Ab Und Auf" mag eine interessante Gitarre haben, die trägt hier aber nicht über die gesamten dreieinhalb Minuten. Dem Album hätte ein kleine Verschlankungskur ganz gut getan, von den 59 Minuten ein bisschen was wegnehmen. Aber "Gelb Ist Das Feld" klingt so verträumt, so weich, dass man ihm diese Überlänge nur allzu gerne verzeiht. Es geht Bilderbuch schließlich um Liebe.

Trackliste

  1. 1. Bergauf
  2. 2. For Rent
  3. 3. Dates
  4. 4. Nahuel Huapi
  5. 5. Daydrinking
  6. 6. Schwarzes Karma
  7. 7. Klima
  8. 8. Baby, Dass Du Es Weißt
  9. 9. Blütenstaub
  10. 10. I'm Not Gonna Lie
  11. 11. La Pampa
  12. 12. Ab Und Auf
  13. 13. Zwischen Deiner Und Meiner Welt
  14. 14. Gelb Ist Das Feld

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13 Kommentare mit 18 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Prinzipiell unfickbare Band. Ungehört 5/5.

  • Vor 2 Monaten

    Trauriger Absturz meiner Lieblingsband in die Belanglosigkeit. Bin am Boden zerstört.

  • Vor 2 Monaten

    Irgendwie gar nicht das, was ich von Bilderbuch hören wollte und eigentlich überhaupt nicht das, was ich hören will. Aber dann doch so perfide gut gemacht, dass ich es trotzdem höre und immer mehr Gefallen finde.

    Auf der Haben-Seite steht für mich, dass auf dem Album mehr Gitarren zu hören sind, als in den kompletten Charts der letzten 20 Jahre. Und zwar richtig gut gemachte.
    Daneben klingt es immer ein bisschen, wie "das kenne ich doch...", aber trotzdem in der Mixtur sehr eigen, anders und nicht abgelutscht oder abgedroschen.
    So bleiben dann auch einige Songs nach nur wenigen Hördurchgängen im Ohr und Gedächtnis. Nicht, weil sie so einfach und eingängig wären, sondern einfach gut gemacht sind. Da steckt nach wie vor eine Menge Bilderbuch-Qualität drin. Nur eben dieses mal irgendwie ganz anders.

    Auf der anderen Seite ist das Album dermaßen homogen und entspannt, dass es entweder den einen oder anderen Ausreißer oder 2-3 Songs weniger vertragen hätte. Als Ganzes ist das Album dann doch sehr viel.
    Hier und da wandeln sie auch arg an der Grenze zum fast schon Münchner-Freiheit-esken Kitsch, und es klingt schon sehr süß und zuckrig, kippen aber nie ganz drüber.

    Bei mir in der Summe irgendwo bei (für mich selbst) erstaunlichen 4 Sternen. Bilderbuch sind für mich nach wie vor eine der interessantesten, innovativsten und spannendsten Bands des deutschsprachigen Musikraums, die ganze Niveau-Welten von den ganzen Glückskeks rezitierenden Konsum-Pop-Bands entfernt sind, die sich da sonst so tummeln.
    Und dazu gehört auch, dass sie es schaffen, immer mal wieder zu überraschen, auch auch auf das Risiko hin, die Erwartungen ihrer Hörer nicht zu erfüllen oder nicht zu gefallen.
    Geht dann beim nächsten mal für mich vielleicht schief und ist dann auch OK, dieses mal nehmen sie mich aber mit. I like.

  • Vor 2 Monaten

    Diese Review ist mal wieder ein Fall von „In der Vergangenheit waren sie ja schon echt gut, aber hört euch diesen neuen heißen Scheiß an!“ Blödsinn. So cool wie auf „Schick Schock“ waren Bilderbuch seitdem nicht mehr. „Irgendetwas hat da nicht zusammengepasst. (…) Irgendwie schimmerte immer eine Leere durch die Songs, so gut sie auch waren.“ What? Auf „Schick Schock“ hat alles gepasst, das Ding hat gegroovt wie Sau.
    Nach ihrer Experimentier-Phase mit „Mea Culpa“ und „Vernissage My Heart“ sieht es so aus, dass es jetzt in eine gefälligere Pop-Rock-Richtung geht. „For Rent“ und „Dates“ klingen ein bisschen wie die letzte War on Drugs, streckenweise fühle ich mich auch an U2 erinnert. Maurice Ernst - der neue Bono?

  • Vor 2 Monaten

    2x gehört und irgendwie an mir vorbeigeschwurbelt 1/5

  • Vor 2 Monaten

    Ich fand „Zwischen deiner und meiner Welt“ echt gut, als es rauskam, aber die restlichen Singles zünden -wie auch das Album insgesamt- nicht so recht bei mir. Musikalisch sind einige starke Momente drauf, vor allem die Gitarrenarbeit macht wirklich Spaß, aber die Lyrics kippen fast ausnahmslos stark Richtung Kitsch. Teilweise ist das -wie das allgegenwärtige Denglisch- sicher augenzwinkernd gemeint, zieht sich aber andererseits auch durch das Album wie ein roter Faden. 3/5.