laut.de-Kritik

Auto-Tune stützt die Stimme des alternden Beach Boys.

Review von

"Summer's gone – I'm gonna sit and watch the waves / We laugh, we cry / We live and die / And dream about our yesterday." Die letzten Zeilen von "Summer's Gone" auf "That's Why God Made The Radio" klangen nach Abschied. Wie es mit den Beach Boys weitergeht, steht dank Mike Loves Ego ein weiteres Mal in den Sternen, aber für Brian Wilson ist der Sommer noch nicht zu Ende. Nach wie vor stecken seine geschundene Seele und kränkelnder Körper voller Tatendrang. Die Suche nach dem letzten Song geht in eine weitere Runde.

Leider hat sich die Zeit seit dem herrlichen "That Lucky Old Sun" massiv in Wilsons Stimme gemeißelt. Um diesen Mangel geschickt in Szene zu setzen, bleibt in seiner von Schöngeist, Sonnenschein und Melancholie durchfluteten Welt kein Platz. Meist überlässt er den Gesangs-Part einer Schar von Gästen. Greift er doch einmal selbst zum Mikro, muss ausgerechnet Auto-Tune, das Werkzeug des Teufels, als Krücke für den in die Jahre gekommenen Beach Boy herhalten.

Während der Aufnahmen zu "No Pier Pressure", das seinen Titel den Tiefen der Wortspielhölle entrissen hat, standen noch Frank Ocean und Lana Del Rey auf der Gästeliste. Mit Jeff Beck war sogar eine über drei Alben andauernde Zusammenarbeit angedacht. Aus diversen Gründen blieb von den großen Namen jedoch nichts übrig. Ihren Platz nehmen nun die um einiges weniger beeindruckenden Nate Ruess (Fun.), She & Him, Sebu Simonian (Capital Cities), Kacey Musgraves, Mark Isham und YouTube-Star Peter Hollens sowie die alten Wegbegleiter Al Jardine, David Marks und Blondie Chaplin ein.

"Life goes on an on, like your favourite song", singt Wilson zur Eröffnung in der schwärmerischen Ballade "This Beautiful Day". Gerade einmal 1:25 Minuten braucht es, um mit nostalgischen Klavierakkorden, üppigen Harmonien und einem zarten Arrangement die altbekannte Magie herauf zu beschwören. Ein Auftakt nach Maß, der für den weiteren Verlauf Großes verspricht.

Ein klarer Fall von denkste! Im Takt seines käsigen Disco-Bumms-Beats stampft "Runaway Dancer" die Hoffnung auf ein gelungenes Spätwerk vorerst einmal in Grund und Boden. Sebu Simonian zeigt dem bereits 1998 geschriebenen Stück mit Reißbrett-Keyboards im gestelzten Discofox-Schritt den Weg zum nächsten misslungenen Ibiza-Cluburlaub inklusive saxueller Belästigung. Nicht zum letzten Mal verdreht "Runaway Dancer" die Vorzeichen, lässt Wilson auf seinem eigenen Album wie einen Fremden dastehen.

Im schnuffigen Bossa Nova "On The Island", in dem Zooey Deschanel von She & Him die Leadvocals übernimmt, kommt Wilson die Rolle des munter im Hintergrund pfeifenden Alleinunterhalters beim Teestammtisch von Oma Lisbeth zu. "Our Special Love" war bereits auf Peter Hollends im letzten Jahr erschienenen Debüt-Album zu hören. Der Song versprüht mit seiner braven Barbershop-Beatbox nun den ranzigen Charme einer frühen Prinzen-Nummer. Nate Ruess' weiche Stimme scheint hingegen wie geschaffen für den eindringlichen 70er Soft-Rock in "Saturday Night".

Am besten funktioniert "No Pier Pressure", sobald Wilson Hand in Hand mit seinen Beach Boys-Kollegen, allen voran Al Jardine, schreitet. In den voll Wehmut erfüllten "Whatever Happened" und "Tell Me Why" sowie dem verschmitzten "The Right Time" klingt "No Pier Pressure" wie das graziös nostalgische Beach Boys-Album, das "That's Why God Made The Radio" nie war. Einzig "Sail Away", ein Halbblut aus "Sloop John B" und "Sail On Sailor", mag nicht richtig zünden.

Am Ende schreibt sich Wilson doch noch sein eigenes kleines Finale. Seinen eigenen "The Last Song". Ursprünglich mit Lana Del Rey geplant, macht dieser Song in den alleinigen Händen seines Schöpfers so viel mehr Sinn. Aus der Trauer über die Beach Boys-Trennung heraus entstanden, wirkt der ebenso schwermütige wie versöhnliche Track mit seinen Paukenschlägen, den elysischen Streichern und seinem anmutigen Chorgesang wie ein Adieu an das eigene Publikum. "Don't be sad / There was a time and place for what we had." Wollen wir doch hoffen, dass trotz manch einem üblen Ausrutscher auf "No Pier Pressure" noch einige letzte Lieder folgen.

Trackliste

  1. 1. This Beautiful Day
  2. 2. Runaway Dancer
  3. 3. Whatever Happened
  4. 4. On The Island
  5. 5. Half Moon Bay
  6. 6. Our Special Love
  7. 7. The Right Time
  8. 8. Guess You Had To Be There
  9. 9. Tell Me Why
  10. 10. Sail Away
  11. 11. One Kind Of Love
  12. 12. Saturday Night
  13. 13. The Last Song

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2 Kommentare mit 8 Antworten

  • Vor 7 Jahren

    Wow, irgendwie eine deprimierende Review. Ich finde es zwar beachtlich, dass Wilson und sein Schaffensdrang immer noch lebendig sind, aber vielleicht ist langsam auch einfach mal gut. Die alten Werke der Beach Boys - etwa "Today!", "Surf's Up", "Sunflower", die "Pet Sounds" und die "Smile"-Reste ja sowieso - sind aber nach wie vor über jeden Zweifel erhaben und zu jeder Zeit für eine Neuentdeckung gut.

    • Vor 7 Jahren

      Wenn du etwas deprimierendes sehen willst, klick auf das "Runaway Dancer"-Video.

    • Vor 7 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 7 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 7 Jahren

      Da hast du nicht zu viel versprochen... :/ Das bestätigt leider auch den etwas wirren Eindruck, den Brian Wilson zuletzt bei einem reddit-AMA hinterlassen hat, als er sich nicht daran erinnern konnte, jemals John Lennon begegnet zu sein, obwohl es wohl mehr als nur einmal dazu kam.

      Siehe auch: https://groovyrick.wordpress.com/2010/10/1…

      Andererseits ist es wie gesagt ein kleines Wunder, dass er sich überhaupt wieder mehr oder weniger gefangen hat und weiterhin komponiert und performt...

      Und zuletzt ein Kompliment für die - wieder einmal - gelungene und wohl faire Kritik. Lag natürlich nicht direkt an dir, dass ich dadurch ein wenig bedrückt wurde. ;)

    • Vor 7 Jahren

      Danke. :) Die Entstehunggsgeschichte des Albums ist aber auch mal wieder seltsam. Wenn man sich alleine mal das Durcheinander mit Jeff Beck anschaut, kann man sich schon fragen, was da mal wieder los war. Inmerhin gefällt es mir dann aber doch etwas besser als das letzte Beach Boys-Album. Aber der Anblick von Wilson macht schon traurig. Auf der anderen Seite hat er wirklich so viele großartige Songs geschrieben. Da sei ihm nun auch ein "Runaway Dancer" verziehen. Und "The Last Song" ist wirklich noch mal ein kleines Leckerli.

    • Vor 7 Jahren

      Das letzte Album der Boys ist komplett an mir vorbeigegangen. Ich habe jetzt auch nicht unbedingt sehnsüchtig auf eine Reunion gewartet... Da bin ich den Klassikern eigentlich gut bedient. Es ist aber ja doch immer schön, wenn die alten Helden auch weiterhin aktiv bleiben und dann gelegentlich mal die alte Größe aufschimmert. Die Aussetzer - ein paar misslungene Experimente hier, hilflose Auftritte wie der von Sir Paul bei den Grammys dort - schmälern ja das Lebenswerk nicht. Bei Gelegenheit werde ich dann wohl mal in "The Last Song" reinhören. :)

    • Vor 7 Jahren

      Aber schau dafür bitte bloß nicht den Auftritt bei Jimmy Kimmel. Den wollte ich dir hier schon zeigen, fand ihn aber fürchterlich.

    • Vor 7 Jahren

      Danke für die Warnung! Hatte in Sachen Brian Wilson auch genug Katastrophentourismus für heute... :D

  • Vor 7 Jahren

    Ähm, zum letzten Absatz: Abgesehen vom "dass"-Rechtschreibfehler sind die Beach Boys nicht getrennt!

    • Vor 7 Jahren

      Brian Wilson, Al Jardine und David Marks sind bei den Beach Boys nach der letzten Tour raus. Das Ganze ist jetzt wieder Mike Loves One Man Show mit wechselnden Statisten und ganz viel "Kokomo". Mit dem "dass" hast du natürlich recht. Danke, Luchsauge. :)