laut.de-Kritik

Im Nachtflug über dem Schmerz der Erde.

Review von

"Sie hat eine Flasche Pillen geschluckt und ist ins Koma gefallen. Sie ist tot." Diese erschütternde Nachricht erhält Mark Everett von seiner Mutter. Der Selbstmord seiner Schwester Elisabeth ist ein unerträglicher Schmerz für den Eels-Sänger Mark Oliver Everett, der zu ihr ein sehr enges Verhältnis hatte. Sie war eine zerbrechliche Person, die nicht mehr gegen die große Leere in sich ankam. Eine Vertraute, der Mark seine Tapes mit allerhand verrückten Sound-Experimenten vorspielte und von der er immer wieder Aufmunterung bekam. Ihr schickte er auch "Beautiful Freak", das Debüt der Eels, aber wie Mark in seiner Autobiografie "Glückstage in der Hölle" vermutet, kam das Album nicht mehr rechtzeitig vor ihrem Tod an. Auch die Elektroschocktherapie hatte nicht geholfen. Diese umstrittene Methode zur Behandlung psychischer Erkrankungen gibt den Titel zum Nachfolger: "Electro-Shock Blues". Ein Album voller Geister und Dämonen.

"My name's Elizabeth / My life is shit and piss". Der Einstieg "Elizabeth On The Bathroom Floor" mit seinen schauderhaften Chören wirkt wie eine Seance, in der Liz noch einmal aus der Zwischenwelt heraus ihr trauriges Leben beklagt. Das ganze Album steht unter Schock, gewidmet dem Verarbeiten von allem Schlechten und Dunklen, nicht nur dem Suizid, auch der Krebserkrankung seiner Mutter.

"Cancer For The Cure" klingt wie ein Tim Burton-Soundscore, in dem lustig-gruselige Knochenmänner auf einer Säge spielen und auf Gerippen den Takt zu einem merkwürdigen Totentanz vorgeben. Ähnlich skurril auch die Musikvideos, die alle die Schwere der Songs wegnehmen und in typisch exzentrischer Eels-Manier wie verrückte Theaterstücke anmuten. So sah man singende Karotten, bärtige Männer, die in Betonschuhen über den Boden stampften und allerhand andere Kuriositäten, über die jeder Zuschauer damals herzlich und unwissend lachte.

Auch wenn es viel um Sterblichkeit geht, sollte das Album irgendwie einen Weg aus der Dunkelheit weisen. Und zu einem Seelenfrieden, auch mit der Mutter, zu der er stets ein schwieriges Verhältnis hatte. "Hate a lot of things / But I love a few things / And you are one of them / Hard to believe / After all of these years / But you are one of them" ("Ant Farm"). Diese Zeilen schrieb er, während der Krebs langsam und unaufhaltsam in ihrem Körper wuchs. Im Angesicht ihres baldigen Abschieds gibt es zwar noch Wunden, aber das Bedürfnis nach Groll ist weg. "You won't feel any pain" singt er zärtlich in "Dead Winter" und schaut am Ende dem lebendigen Treiben auf den verschneiten Straßen zu. "And the streets are jammed with cars / Rockin' their horns / To race to the wire / Of the unfinished line.". Letztendlich dreht der Planet weiter seine Kreise, egal ob gefühlt die Zeit anhält oder eine Seele ihre Reise ins Jenseits antritt.

"Electro-Shock Blues" solle kein Todes-Album sein, sagte E. später über die schwerste Phase in seinem Leben. Er habe eher umgekehrt dem Leben und was es auch ausmacht, Tribut gezollt. Am Ende also wie auf einer Beerdigung noch mal die Würdigung des Lebens. "Electro-Shock Blues" mag weh tun, aber kaum ein Song kommt ohne einen kleinen Hoffnungsschimmer oder etwas Licht aus. So sehr immer wieder die Tränen in die Augen schießen, weil man um die furchtbaren Hintergrund weiß, so schön ist auch der Trost, den das Album ausstrahlt. Kurt Cobain schrie den Kummer hinweg, aber E. wollte nicht in den Abgrund folgen. "Ant a pony and a birthday cake / Want a party with a scary clown / Kneel down and bow to the princess / Kneel down for the queen of the town" ("3 Speed"). Siehst du Liz, in meiner Welt bist du wieder frei und ein unschuldiges Kind.

Selbstmitleid, wie man es nach all den Schicksalsschlägen auch durchaus erwarten könnte, gibt es nicht. Es ist wie es ist, es ist schlimm, aber irgendwann tut es nicht mehr so verdammt weh. Everett nimmt es hin, wie an diesem Morgen bei "Dead Winter" und merkt langsam, wie das Leben im großen Ganzen aussieht. Er wollte unbedingt auch Erfolg haben und seine Idole wie Neil Young treffen. Doch was nützte es, wenn er es mit keinem teilen konnte und alle geliebten Menschen fort gingen. So durchlebt der Hörer mit E. zusammen die verschiedenen Phasen einer Trauer. Dazu gehört auch das Verdrängen und hinweg Wünschen wie in "Climbing Up To The Moon".

Ein harmonisch-kindliches Motiv. Einfach auf die Leiter steigen und vom Mond aus diesen Planeten beobachten. Wie auf dem Platten-Cover, auf dem Everett mit seiner Schwester Liz und dem Hund im Nachtflug den schmerzhaften Dingen entschwebt. In seiner fiktiven Traumwelt gibt es ein Happy End für Elisabeth, die anders als Mark nicht die Fähigkeit besaß, all das Furchtbare in sich in Schönheit zu verwandeln. Teilweise reichen auf dem stripped-down Folk-Blues-Album nur vier Klavier-Akkorde, um die Augen zu schließen und synästhetisch mitzuempfinden, wie die Antidepressiva ein warmes, trügerisches Gefühl freisetzen und E leise "I am ok, I am not okay" sinniert. "I am okay" sollte Elisabeth an die hundertmal autosuggestiv auf einen Zettel schreiben, ihre Republik zum Ende: "I am not okay".

Liz konnte die Grautöne, die Synchronität von Schönem und Schmerz nicht mehr erkennen. "Electro-Shock Blues" fasziniert mit einer Gleichzeitigkeit zweier unterschiedlicher Stimmungslagen. So schwach und tränenerstickt die Stimme von E. mitunter klingt, sein kleines Kammerorchester holt ihn mit den umarmenden Streichern, Glockenspiel und sanften Xylophon-Spiel wieder aus dieser Agonie heraus. Die Melodie des Songs klingt traumwandlerisch-glücklich, aber zugleich auch unsäglich traurig, als ob sie sagen möchte: Furchtbar, dass du nicht mehr da bist, aber schön, dass es dich gab. "Got a sky that looks like Heaven / Got an Earth that looks like shit" spiegelt E. in seiner liebevollen und zuweilen auch sarkastischen Art seine innere Zerrissenheit.

Zynisch von ihm auch, dieses geisterhafte und zutiefst introspektive Blues-Album als "Party-Album des Jahres" anzukündigen. Er wusste, dass dieses Album keine radiofreundlichen Hits abliefert. Sein damaliger Manager riet ihm sogar von der Veröffentlichung ab, mit der Begründung, dass doch kein Mensch etwas über den Tod hören wolle.

Ein Glück, dass Dreamworks Records, ein damals noch neues und aufstrebendes Label, seinen Künstlern kaum Vorschriften machte. So durfte Mark Oliver Everett in Ruhe seine große Traurigkeit heilen, in Ruhe innehalten und am Schluss gestärkt aus einer Phase heraus treten, die andere großartige Musiker wie sein Label-Kollege Elliott Smith leider nicht überlebten. Am Ende konnte er sich selbst retten, weil er doch am in dem finalen Album-Song "P.S. You Rock My World" erkennt: "And I was thinkin' 'bout how everyone is dying / And maybe it's time to live."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Elizabeth On The Bathroom Floor
  2. 2. Going To Your Funeral Part I
  3. 3. Cancer for the Cure
  4. 4. My Descent Into Madness
  5. 5. 3 Speed
  6. 6. Hospital Food
  7. 7. Electro-Shock Blues
  8. 8. Efils' God
  9. 9. Going To Your Funeral Part I
  10. 10. Last Stop: This Town
  11. 11. Baby Genius
  12. 12. Climbing To The Moon
  13. 13. Ant Farm
  14. 14. Dead Of Winter
  15. 15. The Medication Is Wearing Off
  16. 16. P.S. You Rock My World

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