laut.de-Kritik

Die schüchternen Briten stürmen die Tanzfläche.

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"Beat driven! Uptempo! Brash!" Die Wörter, die Sänger Guy Garvey neuerdings für die Musik von Elbow benutzt, lassen aufhorchen. Die Band aus Manchester steht für wohldurchdachten, feingeistigen Melancholie-Pop, in dem manche Kritiker auch mal gerne eine Nähe zum Progressive Rock sahen oder wie es Guy selbst verschmitzt formulierte: "Wir sind Prog ohne Soli".

Überhaupt geht der Sänger nicht gerade zimperlich mit sich selbst um. In "Things I've Been Telling Myself For Years" gesteht er sich ein, ein Meister der Selbsbetrugs zu sein, zu sehr überzeugt von sich selbst. Erstaunliche Worte von jemandem, der gar nicht als Großmaul der britischen Rockszene gilt, dafür schon immer den Grübler gab. Der Typ, der bei einem Rundgang durch Manchester die bedeutendsten Dichter der Stadt rezitiert und mit dem du am Ende des Abends am Tresen einer urigen Arbeiter-Kneipe landest.

Ein Bastard aus Public Enemy, Queens Of The Stone Age und Beastie Boys sei dieser rhythmische Einstieg in das zehnte Album, so Garvey. Ein wenig arg übertrieben, aber für die ruhigen Elbow schon fast geradlinig und rockig, auch wenn Background-Sängerinnen und etwas Glam-Rock das bekannte Pathos stützen. Elbow mit Umbro-Trainingsjacken, die einen Pub auf links drehen, gibt es auch auf "Audio Vertigo" nicht. Mag das Hemd auch mittlerweile spannen und der Mantel abgetragen wirken, Elbow bleiben Gentlemen.

"Lovers' Leap" und "Balu" möchten trotzdem mal raus aus diesem Schöngeist-Image, weg aus der Komfortzone, in der Elbow mit den letzten, routinierten Alben landeten. "Little Fictions" und "Giants Of All Sizes" war man von der englischen Pop-Institution gewohnt. Rhythmischer und dynamischer lautete diesmal der Auftrag, gerade an das neue Bandmitglied Craig, der den langjährigen Drummer ersetzte. "Balou", der wahrscheinlich härteste Einstieg in einen Elbow-Song überhaupt, darf mal richtig bratzig starten und die Muskeln spielen lassen. In der Tat weit entfernt von bandtypischen Hymnen wie "On A Day Like This", dafür tanzbar und sogar fast ein Hit. Die schüchternen Elbow, sonst gerne in der Rolle des Beobachters am Seitenrand, machen sich 2024 schick und stürmen - absolut unpeinlich und überzeugend - die Tanzfläche. Sie grooven hart und das gar nicht schlecht.

Wer nun Lederjacken-Wüstensöhne vor Augen hat, die laut johlend auf der Harley eine Flasche Whiskey runter spülen, sei beruhigt: So weit verlässt die Band nun ihren Kurs nicht, aber so viel Bauch und so wenig Kopf war lange nicht. Das gar nicht mal so beliebte "Build A Rocket Boys!" wagte schon 2011 einen ersten Versuch, auch mal poppigere Wege einzuschlagen. "Audio Vertigo" verfolgt diesen Schritt zur Geradlinigkeit konsequenter. Die beste Mischung aus den alten Elbow und dem neuen Dance-Rock bildet "Her To Earth". Ein brummender Seventies-Funk, der plötzlich in zärtlich-psychedelische Entrücktheit wechselt. Scheiß auf Prog, das ist einfach ganz große Kunst und wirkt nie selbstgefällig. Auch wenn Guy auf "Audio Vertigo" etwas mehr die Hemdärmel nach oben krempelt, zeigt sich hier nochmal die Stärke seiner charakteristischen, samtigen Stimme. Einer dieser Momente, die trotz der eh schon nicht kurzen fünf Minuten gerne noch länger hätte ausfallen dürfen.

Ansonsten bleibt "Audio Vertigo" angenehm stringent und ist mit einer Laufzeit von knapp vierzig Minuten inklusive Interludes das bisher kürzeste Elbow-Album. Eine gute Entscheidung, denn so schält die Band den wahren Kern unter dem mitunter bombastischen Sound frei. Rückblickend war es schon etwas verbissen, wie sehr Elbow gerade auf dem Vorgänger "Giants Of All Sizes" den großen Moment herbei zelebrieren wollten. "Good Blood Mexico City" führt den Hörer ohne Aufbau zu einem Uptempo-Monster, fast schon ein wenig Punk, wenn da nicht wieder die sehr kunstvolle Gitarrenarbeit wäre. Zum Ende schreit Guy sogar euphorisches "Woah!", als ob er das schon seit Jahren einfach mal so raushauen wollte und wirkt dabei fast angenehm erschrocken über diesen Gefühlsausbruch.

Elbow, das alte, majestätische Schlachtschiff ihres Königs, hat wieder Fahrwasser aufgenommen und Lust auf Abenteuer. Auch wenn Guy von beunruhigenden Zeiten singt und natürlich doch der grummelnde Pessimist bleibt, die Zukunft scheint für den knorrigen Kapitän und seine Crew mit ihrem vielleicht besten Album seit Jahren wieder hell.

Trackliste

  1. 1. Things I've Been Telling Myself For Years
  2. 2. Lovers' Leap
  3. 3. (Where Is It?)
  4. 4. Balu
  5. 5. Very Heaven
  6. 6. Her To The Earth
  7. 7. The Picture
  8. 8. Poker Face
  9. 9. Knife Fight
  10. 10. Embers Of Day
  11. 11. Good Blood Mexico City
  12. 12. From The River

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