Porträt

laut.de-Biographie

Fantastic Negrito

Als achtes von insgesamt 15 Kindern kommt Xavier Amin Dphrepaulezz 1968 im Nordwesten der USA zur Welt. Aufgewachsen unter den strengen Hausregeln seines Vaters, einem tiefreligiösen Somali, rutscht er bereits als Jugendlicher ins kriminelle Milieu und verdingt sich als Drogendealer. Zeitsprung ins Jahr 2017: Unter dem Künstlernamen Fantastic Negrito gewinnt Dphrepaulezz den Grammy für das Beste Blues-Album des Jahres.

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Während seiner Dealer-Zeit beginnt Dphrepaulezz auch, sich auf eigene Faust das Musizieren beizubringen – und das ebenfalls nicht auf ganz koschere, dafür aber recht einfallsreiche Weise. Inzwischen mit seiner Familie nach Oakland umgesiedelt, treibt er sich des Öfteren in der Nähe der University of California Berkeley herum und schleicht sich in die dortigen Musikräume.

Grund dafür, dass der inzwischen auch als Räuber tätige 18-Jährige diese Mühe auf sich nimmt, ist der Tod von Prince. "Sein 'Dirty Mind'-Album änderte alles für mich. Jemand erzählte mir, dass er Autodidakt war. Das öffnete mir eine Tür. Ich überlegte: Was kann ich 'Sicheres' tun?", erzählt er dem Guardian später.

Kurz nachdem ihn eine Gang, von der er und seine Freunde Waffen kauften, bedroht und ausnehmen, beschließt er, einen Neuanfang als Musiker zu wagen. Tatsächlich dauert es nicht lange, bis er einen lukrativen Deal ergattert – und zwar mit Princes Manager. 1993 entdeckt Interscope Dphrepaulezz und unterbreitet ihm einen auf eine Million Dollar dotierten Plattenvertrag. Drei Jahre später erscheint sein unter dem Namen Xavier veröffentlichtes Debütalbum "The X Factor", mit dem allerdings weder er noch seine Labelchefs vollends zufrieden sind.

Erneut drei Jahre später wirft ein beinahe tödlicher Unfall ihn komplett aus der Bahn. Drei Wochen liegt er im Koma, Interscope kündigen den Vertrag auf, Dphrepaulezz trägt permanenten Schaden an seiner Picking-Hand davon und gibt die Musikerkarriere auf. Stattdessen eröffnet er einen illegalen Nachtclub und legt sich Pseudonyme wie Chocolate Butterfly zu. Die Geburt eines Sohnes setzt diesem dubiosen Broterwerb aber ein Ende. Dphrepaulezz verlässt mit Frau und Kind die Großstadt, will fortan Marihuana züchten und als Selbstversorger leben. Um seinen Sohn vom Weinen abzuhalten, spielt er auch wieder ein bisschen Gitarre, so gut es die vom Unfall gekrümmten Finger eben zulassen.

Bald entstehen wieder neue Songs und 2014 veröffentlicht er via Blackball Universe das Album "Fantastic Negrito". Der (erneute) Durchbruch gelingt ihm mit dem Nachfolger "The Last Days Of Oakland", dessen furiose Mischung aus Blues, Folk, Americana, Soul und Rock Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders so gut gefällt, dass er Fantastic Negrito auf diversen Wahlveranstaltungen auftreten lässt. Wenig politisch korrekte Zeilen wie "Bitch, eat my cancer" (im Song "Mount Rushmore"), stören den Demokraten offenbar nicht. Die Grammy-Jury zum Glück ebenso wenig und so streicht Fantastic Negrito äußerst verdient den Hauptpreis in der Kategorie Best Contemporary Blues Album ein.

Fantastic Negrito - White Jesus Black Problems
Fantastic Negrito White Jesus Black Problems
Ausgeflippter Funky Trance-Ride durch die Sklaverei-Geschichte.
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2019 heimst er für den Nachfolger "Please Don't Be Dead" direkt den zweiten Grammy in der selben Kategorie ein, 2020 veröffentlicht er sein drittes Album "Have You Lost Your Mind Yet?". Wieder beschäftigt er sich mit der amerikanischen Gesellschaft und analysiert deren Probleme, sucht die Gründe für Amokläufe und Polizeigewalt. Er weiß, wie schnell man in Amerika durchs Raster fallen kann, aber seine Comeback-Story zeugt auch davon, dass man sich zurückkämpfen kann. In seinem Fall mit Hilfe der Musik.

Die ist auch eine gute Plattform zur Verarbeitung der US-Geschichte des mittleren 18. Jahrhunderts - Gründungsphase der Vereinigten Staaten. Die gibt es in der Form noch nicht, aber Virginia an der Ostküste. "White Jesus Black Problems" ist ein Konzeptalbum. Der Plot: Eine Magd, Elizabeth, Einwanderin aus Europa, Hautfarbe 'weiß', verliebt sich in einen Sklaven, namenlos, Herkunft unbekannt, 'afro-amerikanisch', irgendwann entführt.

Die Gesetzeslage und gesellschaftliche Überzeugung in jener Zeit: Beziehungen zwischen 'Rassen' stehen unter Strafe, bisweilen Todesstrafe. Paradox: Wenn die Beziehung nicht auffiel, könnten die Kinder aus einer solchen Liaison sich durch ihren 'mixed race'-Ursprung in die Freiheit hinaus arbeiten. Auf eine solche Geschichte führt Fantastic Negrito autobiographisch seinen eigenen Status als US-Bürger zurück und erzählt die vertrackte Story mit enorm viel Herzblut und einer Clip-Serie. Alle Tracks haben ein Video, diese Videos sind miteinander zu einem Film verschmolzen. Statt Blues und Folk hört man auf dieser visuell umgesetzten Platte vor allem Funkrock-Crossover. Was gut zum Soundtrack der Freiheit passt.

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