laut.de-Kritik

Erst der Hedonismus, dann das Selbstmitleid.

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Wenn man über Rapper redet, die man aus moralisch-ethischen Gründen gerne loswerden würde, hat man es aus musikjournalistischer Sicht oft einfach: Prominente Vertreter des Höhlenmenschen-Raps wie 18 Karat oder Majoe machen es auch musikalisch nicht gerade schwer, sie scheiße zu finden. Lässt man sie aus, verpasst man nichts Großes. Bei Gzuz ist das komplizierter. Der Mann mag ein komplett kaputter Unsympath sein, aber er kann verdammt nochmal Rapmusik machen. Er hat eine irre Stimme, kann Geschichten erzählen, kann witzig sein und ist soundmäßig der Kurve oft voraus. "Große Freiheit" hat zwar ein paar Schwächen im Pacing und in den etwas zu prominenten Features, aber spätestens Volltreffer wie "Späti" werfen die Frage auf: Sind wir uns inzwischen zu fein für Rapper, die noch Eltern Angst machen?

Das mit 25 Minuten trimme Album macht gibt auf den ersten Blick ein überzeugendes Argument für Gzuz als nicht cancelbaren MC. Auf "Genau So Eine" rappt er zwischen einem J-Kwon-Sample darüber, dass das hier eine Gangster-Party sei, auf "Montag" legt er los, seinen Drogenkonsum über abgründige Bässe zu glorifizieren. Der Mann agiert so gezielt geschmacklos, dass er eigentlich schon einen ausgeprägten moralischen Kompass besitzen muss, um so gezielt daran vorbei zu rappen. "Würd ich beim Ficken nicht aufzeichnen / Würd ich nicht Kristoffer Klauß heißen" heißt es hier, dann an anderer Stelle "bei den Weibern bekommt man nur Frust / Rippe Platincasino ab und gehe in den Puff", dann wieder "Zieh' ihr'n Rock hoch, steck' mein'n Schwanz rein". Das ganze Album trägt mit zugekokster Sicherheit ein Weltbild vor sich her, in dem Frauen bestenfalls nörgelndes Fickfleisch sein dürfen.

Wie viel sind daneben die guten Lines wert? "Komm' mit Skimaske zum ersten Date (Ja) / Das' Gzuz und nicht Channing Tatum" rappt er auf "Skimaske" und punktet mit einem gewissen Grad an Selbstironie, eine Line wie "das der Stoff aus dem Filmrisse sind" klingt auf "Ruf Die Polizei An" solide. Er hat schon seine klaren Momente, in denen durchschimmert, dass der Kerl Rappen als Handwerk und Kunstform eigentlich ziemlich geil findet, anders würde er auch nicht all diese Euphorie ausstrahlen können, die ihn auf seine Weise unerklärlich charismatisch macht.

Und das ist am Ende wohl der große Pluspunkt auf "Große Freiheit": Die ersten zehn Songs machen komplett nur Party und Gzuz kann das sehr gut. Allem voran steht natürlich der Megahit "Späti", auf dem er das Hamburger Assi-Pendant zu Pashanims "Airwaves" liefert und wirklich eine Killerhook vom Stapel lässt. Aber auch Nummern wie die Shirin David-Antwort "Genau So Eine" mit dem "everybody in the club getting tipsy"-Sample und das düstere "Montag" haben einen selbstzerstörerischen Charme. Gerade letzteres klingt so finster in der quasi-reflektierten Darstellung von kaum funktionalem Alkoholismus und Drogensucht, dass man ihm kaum noch unterstellen kann, er würde das glorifizieren. Der Mann praktiziert auf diesen Bässen Selbstmord auf Raten, da wundert es nicht, dass er für soziologisches Diskutieren nicht so viel Kopf hat.

Dieser Extravaganza im Weg stehen eher die etwas überladene Feature-Liste, die ihm für viele Songs nicht nur zwei Parts, sondern auch die Hook abnehmen. Gerade auf den soliden Dancehall-Songs von Bonez MC verkommt er zum Gast auf dem eigenen Album, auch RAF Camora, LX, Maxwell und Popcaan-Signee Quada laufen ihm ein bisschen den Raum ab. Aber solange die Songs funktionieren, kann man das ja so stehen lassen.

Das hätte ich gesagt, wären die letzten beiden Songs nicht obendrauf gekommen. Nach zehn Songs glorifiziertem "ich baller mich tot und das ist GEIL"-Geflexe kommt aus heiterem Himmel der archetypische "meine Mama weint und irgendwann werde ich ein besserer Vater sein"-Song. Und er ruiniert jede mögliche Wahrnehmung dieses Albums. Man lese diese Hook durch: "Wie soll ich's dir beibring'n / Dass vor dem Haus Polizei steht / Dass ich vielleicht wieder ma' reingeh'? / Wie soll ich's dir beibring'n / Dass ich schon wieder zu high bin? / Doch sei dir sicher, das wird vorbeigeh'n / Also bleib stark / Aber glaub mir, alles wahr, was ich sag' / Egal, wie oft der Staat mich verklagt / Keine Angst, dein Vater ist da / Ach, kein'n Plan".

Das wäre ja im Vakuum schon eine wirklich bemitleidenswert armselige Rechtfertigung des eigenen Lebensstils, nur passend garniert von dem abschließenden "Ach, kein Plan", als hätte er der Tochter beim Abhauen in den nächsten Suff nichts anderes mehr zu sagen und auch keinen Bock, sich weiter durch offensichtlich bescheuertes Gesülze zu heucheln. Aber nach zehn Songs darüber, wie er Frauen und Party sieht, macht dieser Song einfach jede mögliche positive Auslegung seiner Selbstwahrnehmung zunichte. Dass er sich auf dem nächsten Song dann noch erdreistet, mit der Phrase "Famile zuerst" zu eröffnen und damit das Album abschließt, kann man sich nicht ausdenken.

"Große Freiheit" bietet Momente, die zeigen, warum Gzuz so weit oben in der Szene steht. Seine Stimme, sein Charisma, seine Fähigkeit, mit dämonischem Selbstzerstörungstrieb Party zu machen. Aber hat man es sich durchgehört, empfindet man eigentlich nur noch peinlich berührtes Mitleid.

Reality Check: Dieser Mann ist 34 und lebt einen Lebensstil, über den größere Dummköpfe mit 17 hinausgewachsen sind. Seine "Große Freiheit" bedeutet, destruktiven Hedonismus auf Kosten der Allgemeinheit auszuleben, was okay wäre, wenn diese Witzfigur sich dann nicht noch in aberwitzigem Selbstmitleid baden würde. Oh nein, nur weil ich seit Jahren konsequent auf jede Verantwortung scheiße, wollen mich jetzt Polizisten vom Partymachen abhalten! Diese Gemeinlinge! Krönend abgeschlossen wird seine "well, if those aren't the consequences of my actions"-Meisterkür damit, dass er Mutter und Tochter fragt, ob er sie inzwischen mit genug Geld bestochen hat, seinen Bullshit auszuhalten. Und sobald dieser Punkt erreicht ist, kann man auch das andere Zeug eigentlich nicht mehr ernstnehmen.

Auch, wenn "Große Freiheit" musikalisch über dem Durchschnitt aller Musik für 40€-Bluetooth-Boxen steht, wird man das Gefühl nicht los, eine musikalische "Mitten Im Leben"-Folge zu sehen. Gzuz weiß durchaus, wie man seine Klientel bedient. Aber Hand aufs Herz - will man zu dieser Klientel gehören?

Trackliste

  1. 1. Free Gzuz (Intro)
  2. 2. Montag
  3. 3. Späti
  4. 4. Money Kommt (feat. Bonez MC & Quada)
  5. 5. Skimaske (feat. Bonez MC & LX)
  6. 6. Alles Black (feat. RAF Camora & Luciano)
  7. 7. Easy $$$ (feat. Sa4)
  8. 8. Genau So Eine (feat. Maxwell)
  9. 9. Ruf Die Polizei An (feat. Frauenarzt)
  10. 10. Was Ich Will (feat. Bonez MC)
  11. 11. Kein Plan
  12. 12. Familie Zuerst

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8 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 3 Monaten

    Also sind die frauenverachtenden Lines bei 18 Karat und seinen Features ekelhaft, aber bei dem coolen Kiez-Original Gzuz dann wieder charismatisch und ehrlich oder wie?

  • Vor 3 Monaten

    Für was steht das OG bei Keemo nochmal?
    Dieses Exemplar hier lebt das zumindest und bedient dabei zumindest meinen „BritneyWatch“ Voyeurismus (was hat er jetzt wieder dummes gemacht?)
    Braucht es noch frauenverachtende Lines im Deutschrap?
    Wieviele Zeilen wurden auf diese Frage hier verschwendet?
    Ich brauch diese Diskussionen darüber genauso wenig wie ich solche Lines brauch, aber verstehen warum seine Zielgruppe das feiert kann ich allemal.

    • Vor 3 Monaten

      Früher konnte man noch provozieren, indem man sagte, dass man nicht heiraten und ein Kind mit einem protestantischen Ausländer zeugen will. Heutzutage geht das nur noch mit Misogynie und anderen Formen der Menschenverachtung.

  • Vor 3 Monaten

    Gzuz schafft es immer wieder - sämtliche Facetten seines Albums verzehren sich geradezu nach den Worst-Of-Charts zum Jahresende, teils tun sie das mit gedoppeltem Enthusiasmus: das "Artwork" bei den schlechtesten Covern und die "Musik" sowohl bei den schlechtesten Alben allgemein als auch bei den schlechtesten Rap-Alben. Richtig hängengebliebener Lappen, dieser Kristoffer Jonas Klauß.