laut.de-Kritik

Auch ohne Konzept kein Meisterwerk.

Review von

J.Cole ist vielleicht das Paradebeispiel im modernen Hip Hop für einen Künstler, der sein vielversprechendes Talent mit einer selbst verschuldeten, unerreichbaren Erwartungshaltung wieder und wieder nichtig macht. Vielleicht würde man die Musik des 36-Jährigen mit anderen Augen betrachten, wenn er nicht selbst immer wieder die Kohlen im Feuer des Diskurses rund um seine Ambitionen schüren würde. Er habe das Potential einer der ganz Großen zu werden, hieß es spätestens nach dem Erfolg von "2014 Forest Hills Drive". Sieben Jahre später, dreimal Platin ganz ohne Features, zwei Konzeptalben über die wirklich wichtigen Dinge im Leben und einen auch heute noch unfreiwillig komischen Song über's Klamotten falten später ist er diesem Ziel keinen Deut näher gekommen.

In einem Interview mit Slam beschreibt er, was es für negative Auswirkungen auf seine mentale Gesundheit hatte, immer bemüht zu sein, einen zukünftigen Klassiker schreiben zu wollen. Nicht mal eine Serie habe er sich erlaubt zu Ende zu schauen. Mit "The Off-Season" zieht er daraus nun endlich die logische Schlussfolgerung, fährt einen Gang runter und nimmt sich eine bitter nötige Auszeit von seinen höher als der Mond gestochenen Ambitionen, um sich voll und ganz auf das zu konzentrieren was er am besten kann: Rappen.

Das Ergebnis ist zwar seinen letzten Alben hinsichtlich ihrer Qualität als Gesamtprodukt durchaus etwas voraus - vor allem weil Cole endlich wieder so klingt, als habe er auch wirklich Spaß an dem, was er da tut, und nicht wie ein verbissener, über ambitionierter Life-Coach. Am Ende bleibt aber auch "The Off-Season" ein typisches J. Cole-Album, und damit gehen neben einer gewissen Qualitätsgarantie auch unweigerliche Schwächen einher, die jedes noch so gute Pengame einfach nicht ausradieren kann.

Noch mehr als jemals zuvor versucht Cole einen Spagat zwischen alt und neu, zwischen BoomBap und Trap, zwischen Gatekeeper und Zeitgeist. Er will gleichermaßen der lyrische "reale" Rapper sein, dem Oldheads ihre Unterbuxen entgegen werfen, und aber auch der, der der neuen Generation beweist, dass rasselnde Hi-Hats und tiefer Bass nicht unbedingt inhaltslose Grütze sein müssen. Erfahrungsgemäß geht das nur selten gut, und obwohl Cole diese Dualität öfter gelingt als nicht, bleibt an beiden Fronten doch einiges zu wünschen übrig.

So wirkt beispielsweise das aggressive Lil Jon-Sample am Ende von "95. south" vollkommen deplatziert, den oldschooligen Instrumentals fehlt oftmals der Punch, und der vermehrte, ungeschickte Einsatz von Autotune, der vor sieben Jahren noch undenkbar auf einem J.Cole-Album gewesen wäre, lässt den in Frankfurt geborenen Rapper wie Steve Buscemi in "30 Rock" wirken, der sich mit einem "How you do, fellow kids" auf den Lippen an die Seitenlinie drängelt, unwissend, dass sich die Welt seit 2017 weiter gedreht hat. Besonders offensichtlich wird das auf dem fast schon peinlichen Chorus von "100 mil'"

Ein weiteres Paradebeispiel für diese Diskrepanz ist "pride is the devil". Schnell ein infektiöses Sample von Aminé geklaut, ein paar reflektierte und "deepe" Bars drüber gespittet und dann noch Lil Baby als Feature hintendran gehängt: Eigentlich ein grundsolides Rezept für einen modernen und gehaltvollen Rap-Song. Was Cole Dabei zu vergessen scheint, ist, dass die Message, den eigenen Stolz zu verteufeln, nicht allzu viel Eindruck hinterlässt, wenn Lil Baby binnen weniger Sekunden seines 16ers damit flext, wie viel Geld er verdient.

Insgesamt sind die Texte wie so oft ziemlich wischiwaschi. Cole kann immer noch gut rappen, nur worüber bleibt mitunter die Krux seiner Musik. Denn auch wenn er das Mikrofon nicht mehr ganz so verkrampft umklammert wie früher und er die allwissende Lehrer-Persona ablegt, tritt an deren Stelle nun eine gewisse Vagheit. Es wird geflext, es wird geweint, es wird gefeiert: Am Ende zieht aber alles relativ eindruckslos an einem vorbei, weil Cole weitestgehend persönlich Bindungspunkte oder lyrische Tiefe missen lässt. Hinzu kommt, dass auf jeden Volltreffer den er landet ("Bullets be hummin' like Cudi but one of yo' hoodies Spaghetti-O splashin'"), früher oder später eine Line folgt, die zum Weghören einlädt, und die Argumente eines jeden nichtig macht, der ernsthaft denkt, Cole habe einen Platz in der GOAT-Diskussion verdient. ("Check your genitalia, pussy-niggas bleedin' on yourself")

Und doch bringt ein J.Cole-Album stets eine gewisse Qualitäts-Garantie mit sich. Im großen Ganzen gesehen, ist das alles nörgeln auf höherem Niveau, denn "The Off-Season" ist zwar selten wirklich großartig, aber noch seltener wirklich schlecht. Es ist vielleicht sogar sein bestes Album seit "2014 Forest Hills Drive" und beweist in seinen besten Momenten auch, wieso er seinen vermeintlichen zukünftigen Legenden-Status über die Jahre hinweg aufrecht erhalten konnte.

Seine Flows sind so entspannt und versatil wie schon lange nicht mehr, und der fast vollständige Verzicht auf Hooks sowie die instrumentale Vielfalt geben ihm auch ausreichend Raum zu glänzen. Als besonders eindrucksvolle Demonstrationen dafür sind "amari" und "close" zu erwähnen, auf denen der Amerikaner jenen Heißhunger zur Schau stellt, der ihm einst die (rückblickend bodenlosen) Vergleiche zu Kendrick Lamar einbrachte.

Auch das Ablegen der eigenen Arroganz und damit einhergehend das Öffnen für Gäste tut der LP gut. Morray liefert auf dem souligen "My Life" die beste Hook des Albums, Bas setzt mehrmals schöne Akzente im Hintergrund, 21 Savage beweist nach "A Lot" erneut, wie perfekt er mit Cole harmoniert, und selbst Lil Baby, so deplatziert seine Lyrics auf dem Track auch sein mögen, begegnet seinem Gegenüber hinsichtlich Energie und Flow mindestens auf Augenhöhe.

Hintenraus trumpft Cole dann sogar noch mit ein paar wirklich gefühlvollen und emotionalen Momenten. Mit "let go my hand", "interlude" und "the climb back" beweist er eindrucksvoll, wie effektiv er sein kann, wenn er sein Songwriting nach innen kehrt. "Woah, thank God we survived around where the terrorists hovered / Though traumatized, wouldn't trade it for nothin'", heißt es dann etwa. Oder kurz zuvor: "If I said I was the toughest growin' up, I would be lyin' / I had a fear of gettin' punched while everybody eyein' / Add to that a constant fear of dyin'". Auch auf "The Off-Season" ist Cole am besten, wenn er keine aufgesetzte Persona spielt, oder es sich zur Aufgabe macht, die Welt eines Besseren zu belehren, sondern wenn er mit nüchterner Distanz die ambivalenten Geschichten seines Lebens nacherzählt, und sein Inneres nach außen kehrt.

Lange Zeit munkelte das Internet über ein ominöses Kollabo-Album zwischen Kendrick Lamar und J.Cole. Zwei der besten lebenden Rapper planten, im Tandem das gesamte Rapgame hopps zu nehmen, hallte es über Jahre hinweg hartnäckig durch die virtuellen Echokammern des Internets. Am Ende kann man jedoch vielleicht froh sein, dass "Out The Sky" niemals das Licht der Welt erblickte. Denn wenn "The Off-Season" am Ende eines wieder einmal verdeutlicht, dann das Cole nicht der Rapper ist, für den er sich hält, und Kendrick einen Rapper wie ihn zum Frühstück verputzen würde.

Die Lücke zu den ganz Großen, die er über Jahre hinweg bemüht versuchte zu schließen, scheint genau so groß wie eh und je. Daran ändern leider auch das entspanntere Songwriting und eine Riege an Produzenten (u.a. Timbaland), die diesen Status schon lange erreicht haben, nur wenig. Im Gegenteil: Nach "The Off-Season" wird es langsam Zeit, die Hoffnung aufzugeben, dass Cole in seiner restlichen Karriere nochmals großartig an Qualität zulegen könnte, und zu akzeptieren, dass nicht jeder, der "lyrical" auf "miracle" reimt, automatisch einen Anspruch auf den Rapthron besitzt. Das muss allerdings nicht einmal unbedingt etwas Schlechtes sein, auch wenn Cole selbst das wahrscheinlich ein wenig anders sieht. Mit "The Fall Off" steht schließlich bereits sein nächstes selbst proklamiertes Meisterwerk in den Startlöchern.

Trackliste

  1. 1. 95. south
  2. 2. amari
  3. 3. my life (feat. 21 Savage & Morray)
  4. 4. applying pressure
  5. 5. punchin' the clock
  6. 6. 100 mil' (feat. Bas)
  7. 7. pride is the devil (feat. Lil Baby)
  8. 8. let go my hand (feat. Bas & 6lack)
  9. 9. Interlude
  10. 10. the climb back
  11. 11. close
  12. 12. hunger on hillside (feat. Bas)

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6 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Das Problem bei J. Cole ist einfach, dass nicht wirklich was hängen bleibt. Eine Kunstdozentin meinte mal in einer Seminarsitzung, dass handwerklich gut gemachte Bilder zwar schön anzusehen seien, aber ihrer Erfahrung nach bei Ausstellung eher ignoriert werden, da sich die abstrakten Werke deutlich von ihnen abheben.

    Immerhin hat er das Glück, dass seine Persona in Hip-Hop-Kreisen einen kleinen Hype und damit seine eigene Diskussion generiert hat. Für die einen ist er neben Kendrick Lamar einer der Conscious-Rap-Messiasse, die anderen mögen das wiederum nicht, weil sie finden, dass seine Botschaft zu oberflächlich ist.

    Ich hab es zweimal gehört, aber da war für mich jetzt nichts bei, was mich irgendwie aufhorchen ließ oder wo ich mir dachte, dass das in meine Playlist muss.

  • Vor einem Jahr

    Der amerikanische MoTrip. Wundert mich eigentlich, dass er in Deutschland nicht erfolgreicher ist. Werde vielleicht pflichtbewusst mal reinhören, aber hatte von ihm noch nie was in der Playlist.

  • Vor einem Jahr

    Der langweiligste Rapper auf dem Planeten. 0/5

  • Vor einem Jahr

    J.Cole seine Integrität wurde begraben als Money Boy damals Kann Man Ahnen gedroppt hat

  • Vor einem Jahr

    Was soll man über J.Cole noch sagen? Wahnsinnig guter Rapper, schon lange im Game, spricht auch mal Themen wie die Opioid Epidemic an, während der Großteil des Rap-Games Drogenkonsum weiter verherrlicht oder zumindest verharmlost. Und trotzdem: Auf Albumlänge konnte er mich nie überzeugen. Auch auf „The Off-Season“ bleibt kein Chorus hängen, das Album plätschert so dahin, trotz einiger guter Verses ist 3/5 ziemlich akkurat.

  • Vor einem Jahr

    Außer amari, leider wirklich flach...
    3/5
    Für so einen hochbegabten Rapper leider eine sehr durchschnittliche Wertung