12. September 2007

"Ich glaube nicht an den Medien-Zirkus"

Interview geführt von

Ibiza: Sommer, Sonne, Urlaubszeit. Aber nicht nur das. Seit neuestem wohnt James Blunt auf der Ferieninsel, und hier gab er auch ein Exklusivkonzert. In der entspannten Atmosphäre einer spanischen Finca stellte der Schmusesänger seine neueste Platte "All The Lost Souls" vor, die am 14. September erscheint.Mit seinen neuen Songs noch im Ohr treffe ich James Blunt am Tag nach der Ankunft im Fünf Sterne-Thalasso Spa-Hotel, das vor Luxus nur so sprudelt. Weil das vorige Interview auf der Dachterrasse dieses Hotels stattgefunden hat und Blunt ein bisschen viel Sonne abgekriegt hat, werde ich gefragt, ob wir unser Gespräch auch im Schlafzimmer führen könnten. Zwei Minuten später sitze ich James in einem abgedunkelten Raum gegenüber und er guckt mir erwartungsvoll in die Augen. Dann mal los.

Hat dir dein Konzert gestern gefallen?

Oh ja. Nach vier Monaten im Studio war das echt mal wieder eine Abwechslung.

Du warst über zwei Jahre lang auf Tour ...

Ja, zweieinhalb Jahre mit der gleichen Band. Wir fühlen uns ganz wohl zusammen.

Das waren die Jungs von gestern, nicht wahr?

Ja genau.

Du hast gestern gesagt, diese Jungs seien etwas ganz Besonderes. Sie waren auch im Studio mit dir.

Genau. Wie gesagt, war ich zweieinhalb Jahre mit der Band auf Tour und habe einige Songs während dieser Zeit geschrieben. Sie kennen ihre Parts sehr genau, wir haben eine enge Beziehung zueinander. Musikalisch verstehen wir uns sehr gut. Deswegen war es sinnvoll, dass sie mit ins Studio kamen und mit mir aufgenommen haben. Sie haben ihre Musikalität richtig eingebracht und ihre Spuren auf dem Album hinterlassen.

Wirst du weiterhin touren und dein Album vorstellen, oder würdest du gerne mal eine Weile an einem Ort bleiben?

Ich würde wahnsinnig gerne für eine längere Zeit an einem Ort bleiben, aber ich schätze, das habe ich schon in Los Angeles getan, als ich das Album aufgenommen habe. Ab Januar werden wir hoffentlich wieder auf Tour gehen, für ungefähr 18 Monate, wenn alles gut geht.

Auch in Deutschland?

Absolut.

Erst jetzt fällt mir auf, dass James bislang noch nicht ein einziges Mal zur Seite geschaut hat, sondern die ganze Zeit in meine Augen.

Gestern konnten wir ein paar neue Songs von dir hören - für mich klang es grooviger und rockiger als dein letztes Album. Wie kommt das?

Das erste Album schrieb ich für mich alleine, nur ich, das Piano und die Gitarre. Ich konnte es nur auf der Gitarre oder dem Klavier für mich spielen und ich dachte nie, dass das irgendjemand hören wird oder dass ich eine Band hinter mir haben werde. Das war nur ich selbst, wie ich die Songs spiele. Beim neuen Album wusste ich, dass ich eine Band und fünf Instrumente habe, an die ich denken musste. Und als ich schrieb, gab mir das ein großes Gefühl von Freiheit und ich konnte Spaß dran haben. Außerdem habe ich ein wenig mehr Erfahrung als Songwriter. Diese beiden Dinge bedeuten, dass ich ein bisschen freier war.

Abgesehen von der Band im Hintergrund, was war anders bei der Arbeit am neuen Album im Gegensatz zum ersten?

Ich denke, man kann sehen, dass es eine Verbesserung beim Songwriting gab. Die Angelegenheiten haben sich offensichtlich geändert. Ich war eine private Person beim ersten Album. Aber die Welt hat sich nun ein bisschen verändert und ich bemerke, dass da noch eine andere Person im Raum ist, nämlich "sie", "die anderen". Das Publikum, die Medien, die Presse oder einfach andere Leute, die drum herum sind. Deswegen hat man nun dich und mich und eben die anderen drum herum, und das wiegt schwerer als vorher. Musikalisch kann man die Freiheit bemerken und die Verbesserung am Songwriting. Ich genoss das Songwriting und das Gefühl der Vertrautheit während des Schreibens.

Wo und wie sind die Songs entstanden?

Ich kam im Sommer nach Ibiza, ging abends weg und kam nachts zurück und schrieb Songs. Bei solchen Gelegenheiten entstanden Songs wie "1973". Und dann kam ich wieder im Winter, als es absolut still und niemand hier war, der in das Ganze eingebunden war. Das war eine gute Zeit, um alles mal hinter sich zu lassen und sich zur überlegen, was zur Hölle eigentlich passiert ist die letzten drei Jahre. Ich war weg von allen Menschen und verstand die Welt und mich ein bisschen mehr. Ich konnte mich selbst besser reflektieren und Songs darüber schreiben. Ich kam einfach weg vom Lärm des Lebens. Als Songwriter brauche ich Zeit und Platz.

Und das bekommst du auf Ibiza?

Ja genau.

"Erfolg ist ein erfülltes Leben, keine Plattenverkäufe"


Auf dem ersten Album hast du Erfahrungen aus deiner Militärzeit verarbeitet. Kann man bei dem neuen Album auch so etwas wie einen Themenschwerpunkt erkennen?

Es handelt definitiv von den letzten dreieinhalb Jahren, und ich war nicht oft im Krieg in dieser Zeit (grinst). Aber das Leben hatte auch seine Hochs und Tiefs, und es war auch in gewisser Weise extrem. Natürlich gab es viele Freunde, Lieben, die Reise - alles in allem gab es die Veränderung, den Wechsel von einem inspirierten Musiker zu einem Musiker in der Öffentlichkeit mit allem, was das nach sich zieht: Der ganze Zirkus, der ganze Kinderspielplatz, der dann passiert, wenn man in den Medien ist. Ich habe viele Erfahrungen aus einer ganz menschlichen Sichtweise gemacht, die damit zusammen hingen.

Fällt es dir schwer, in so einem Zirkus zu leben?

Es macht mich deswegen nicht nervös, weil es ein Zirkus ist, an den ich nicht glaube. Ich denke nicht, dass es unbedingt relevant ist für die heutige Welt. Ich bin froh, dass meine Familie und meine Freunde nach mir gucken.

Er guckt immer noch nicht weg. Blinzelt er überhaupt?

Du hast Millionen von Platten verkauft, Awards gewonnen und warst für den Grammy nominiert. Trotzdem meintest du, du hättest mit dem neuen Album keinerlei Druck gehabt. Wieso?

Weil ich es liebe, Musik zu machen und Songs aufzunehmen. Ich würde auch Musik machen, wenn es kein Publikum geben würde. Oder wenn du mich nicht interviewen würdest, würde ich trotzdem Musik machen. Wenn ich also Millionen von der letzten Platte verkauft habe, aber nicht von der neuen, würde ich es trotzdem geliebt haben, dieses Album zu machen. Und das ist die Freude und Leidenschaft an Musik. Außerdem ist Musik kein Wettbewerb, und Erfolg ist nicht darüber definiert, wie hoch du in den Charts bist oder wie viele Alben du verkaufst.

Es ist der Ausdruck und die Magie. Ich für mich mache keinen Wettbewerb mit meinem ersten Album und fühle somit auch keinen Druck durch das, was mit dem ersten Album passierte. Alles was ich tun wollte, war etwas, das ich genießen kann und auf das ich stolz sein kann. Ich bin wirklich erfreut über all unsere Songs, weil wir Spaß daran hatten, sie zu machen und es wirklich das eingefangen hat, was ich in meinem Kopf gehört habe.

Wie definierst du Erfolg für dich?

Über ein erfülltes Leben. So viel wie möglich zu erleben und das mit Leuten zu teilen.

Als ich vorhin dein Album hörte, hatte ich ein wenig den Eindruck, dass du mit deinem Leben als Star oder als Musiker in der Öffentlichkeit haderst. Magst du dein Leben so wie es ist?

Ich liebe meinen Job als Musiker. Das ist was sehr Besonderes, und ich bin sehr dankbar dafür. So sehe ich mich selbst, und das ist es, was ich genieße.

Und was daran liebst du so? Was ist das Beste daran, James Blunt zu sein?

Die Tatsache, dass ich meine Leidenschaft für Musik ausleben kann und dass ich die Welt bereisen kann mit einigen anderen tollen Musikern in einer Band. Und natürlich auf der Bühne zu stehen, wo man eine Situation kreieren kann, in der wir uns bei so manchen Dingen stark fühlen können. Man performt seine Songs und die Leute kommen und fühlen sich verbunden mit einem und genauso stark.

Dein Vater war nicht so davon begeistert, dass du Musiker wirst und so ein Leben führst. Was denkt er heute?

Er ist einer meiner größten Befürworter. Durch all den Lärm von den Medien und alles, was das so mit sich bringt, wurde das Verhältnis zu Familie und Freunden immer enger.

Wie oft siehst du sie?

Nicht oft, aber so oft ich kann.

Hast du einen Favorit auf der neuen Platte?

Ich mag es wirklich als ein Ganzes. Wir haben versucht, verschiedene Dinge in den einzelnen Songs niederzuschreiben und auseinander zu nehmen, aber wir müssen versuchen, Alben immer als Ganzes, die ganze Arbeit dahinter zu sehen. Wir haben das getan, und es war ein Stück harte Arbeit - wir wollten wirklich ein Album als Ganzes machen. Wenn du Bücher schreibst, dann sagst du auch nicht: Hey, du solltest Kapitel sieben lesen. Dann hätte man ja das Wesentliche nicht kapiert. Ich mag es einfach als ein Ganzes, vom Anfang bis zum Schluss.

"Reviews sind nur die Meinung einer einzelnen Person"


Über dein erstes Album gab es unterschiedliche Meinungen. Elton John hat einige wirklich nette Dinge gesagt, wohingegen zum Beispiel der NME das Album zum schlechtesten des Jahres und die Briten dich zum nervtötendsten Künstler gewählt haben. Warum polarisierst du so?

Nun ja, als Allererstes: Musik ist subjektiv. Es gibt Musik, die ich mag und solche, die ich nicht wirklich kapiere und die ich nicht höre. Das ist das Tolle an Musik, denn wenn wir alle dieselbe Musik mögen würden, dann wäre es nur formell und wirklich langweilig. So sollte es sein. Außerdem: alles, das nach oben geht, kommt auch irgendwann wieder runter. Das ist Physik! (lacht) Als mein Album das erste Mal in die Öffentlichkeit gelangte, erwartete man schon, dass es sowohl positive als auch negative Reaktionen geben würde. Das ist einfach so. Als es noch nicht wirklich bekannt war, gab es fast nur positive Reaktionen, und dann passierte, was ich vorhin meinte: es gab es die gegenteilige Reaktion nach unten. So sind die Menschen einfach.

Dir ist also Kritik egal? Liest du denn Kritiken?

Ich beachte es gar nicht. Ich hatte wirklich tolle Unterstützung entlang meines Weges, war in vielen Ländern unterwegs und habe vor vielen Leuten gespielt. Die Menschen haben sich mit meinen Songs verbunden gefühlt. Ich bin wirklich dankbar für die ganze Unterstützung. Das ist, was wirklich zählt. Wenn du mich fragst, ob ich Reviews lese, dann sage ich dir, das ist das nur eine Meinung, die Meinung einer einzelnen Person. Es ist viel wichtiger, in einer breiteren Perspektive zu denken, als das, was in einer Zeitung steht. Das ist nicht die Welt, sondern nur ein kleiner Vorgang in der Welt. Wenn man eine Kritik liest, darf man das nicht so ernst nehmen. Wenn es eine gute Kritik ist darf man es nicht so ernst nehmen, denn es ist nur die Meinung einer Person, und auch wenn es eine schlechte Kritik ist. Und wenn man gute Kritiken liest, dann sollte man auch schlechte lesen.

Du hast auf dem Live Earth gespielt, wie wars?

Es war großartig. Es war ein riesiges Konzert, und ich war vorher für viereinhalb Monate im Studio, deshalb war das eine große Umstellung. Es waren viele Bands da, die ich sehen wollte, und ich hatte wirklich Spaß. Wir gingen da raus und spielten, und das Publikum hat mitgesungen. Es war wirklich etwas Besonderes.

Danke für das Interview.

Zur Verabschiedung spricht er deutsch und haucht ein "Dankeschön" in meine Richtung. Ich entwende mich seinem stechenden Blick und beschließe, den Rest des Tages auf Ibiza am Pool des Hotels zu verbringen.

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