laut.de-Kritik

Clever und cool: Ms. Jackson tanzt sich frei.

Review von

Autobiografisch und ansteckend groovy: Janet Jackson emanzipiert sich mit ihrem dritten Album vom mächtigen Familien-Clan mit einem den damaligen R'n'B revolutionierenden Mix aus Funk, Disco, Hip Hop und staubtrockenen Synthie-Percussions. Wie nur wenige andere Alben wurde "Control" sowohl künstlerisch als auch kommerziell zum Erfolg.

Alle Single-Auskoppelungen stürmten die Charts, und die Kritiken überschlugen sich vor Lob. Zu Recht, denn das Album wirkt auch heute noch verdammt frisch und enorm selbstbewusst. Die knallharten Arrangements mit zahlreichen zersplitterten metallischen Noise-Einsprengseln sind zur damaligen Zeit ein rotziger Gegenentwurf zu den opulenten weichen Balladen einer Patti LaBelle oder Whitney Houston.

Mit nur 20 Jahren schleudert Janet Jackson also – nach zwei allzu braven Soul-Alben unter dem Management und der absoluten Kontrolle des Jackson-Patriarchen – sowohl ihrer Familie als auch der Musik-Industrie, die sie bislang immer als kleine Schwester des überlebensgroßen Michael Jackson sah, ein starkes Statement in Sachen Identität, Feminismus und Kreativität vor die Füße. Und das Album beginnt dann auch mit folgenden gesprochenen Worten, die als klare Ansage zu verstehen sind: "This is a story about control / My control / Control of what I say / Control of what I do / And this time I'm gonna do it my way (my way)".

"Control" wird aber auch durch die prägenden Videos zum Statement in Sachen Empowerment. Im Jahr 1986 ist Video wohl das Medium, das einen Song am populärsten pusht, und vor allem die Clips zu "Nasty" und "What Have You Done For Me Lately" sind kleine Musical-Filme samt Mini-Story mit eingestreuten Choreographien.

Diese kleinen Geschichten gepaart mit großen Songs lassen einen regelrecht in diesen Videos leben. Wichtig scheint darin immer wieder das Element der Straße als Metapher für Aufbruch und Aggression (bzw. den Widerstand dagegen) zu sein, über den Janet Jackson mit ihren Tanzpartnern und ihrer Choreografin Paula Abdul regelrecht fegt – und die ihrerseits zwei Jahre später ihr erfolgreiches Debüt "Forever Your Girl" veröffentlicht.

Dies wird dem Genre New Jack Swing zugeordnet, mit dem man auch Janet Jacksons Musik in Verbindung bringt. Man versteht darunter eine Fusion aus Urban, Dance-Pop, Funk, Gospel und Jazz. Zu weiteren Vertretern dieses Sounds zählen unter anderem TLC, En Vogue, aber auch Diana Ross. 2018 erlebte der New Jack Swing mit neueren Acts wie Bruno Mars oder Cardi B ein kleines Revival.

Trotz seines Alters hat dieses "Control"-Album und vor allem der Titel-Track mehr Kraft und Energie als viele weichgespülte R'n'B-Hits von heute. Was vielleicht auch an den Produzenten Jimmy Jam und Terry Lewis liegt, denen sich Janet gegen den Willen des eher konservativen Jackson-Clans anvertraute und die zuvor bereits innovativ mit Prince oder The Human League zusammengearbeitet hatten.

In Songs wie "You Can Be Mine" oder auch "The Pleasure Principle" ist der Einfluss von Prince nicht zu überhören, doch inzwischen ist "Control" selbst zum Einfluss geworden, und Künstlerinnen wie FKA Twigs, Missy Elliott oder Beyoncé berufen sich auf das Album, das mit dem Hard-Funk-Hit "Nasty" eine bis heute treffende feministische Botschaft beinhaltet: "Cause privacy is my middle name / My last name is control / No, my first name ain't baby / It's Janet... Ms. Jackson if you're nasty".

Fun Fact am Rande: Als Donald Trump in seinem Wahlkampf 2016 Hillary Clinton als "such a nasty woman" bezeichnet, bescherte das dem Song neue Verkaufserfolge, und die Misogynie hinter Trumps Wortwahl wurde in Janets Haltung wieder umgedeutet. In diesem Sinn: Get An Attitude And Gimme A Beat!

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Control
  2. 2. Nasty
  3. 3. What Have You Done for Me Lately
  4. 4. You Can Be Mine
  5. 5. The Pleasure Principle
  6. 6. When I Think of You
  7. 7. He Doesn't Know I'm Alive
  8. 8. Let's Wait Awhile
  9. 9. Funny How Time Flies (When You're Having Fun)

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