laut.de-Kritik

Etwas Geduld mit diesem Album lohnt sich.

Review von

Die Musik von Kae Tempest ist einschüchternd. In einer Zeit des schnellen Musik-Konsums lässt sich den epochalen Spoken Word-Raps oft nichts abgewinnen, das sofort einleuchtet. Rick Rubin Produktion ihres vierten Albums nutzt kurze, evokative Loops, lässt sich fast auf jedem Song zu einem dritten Verse hinreißen und lässt sich nicht auf thematische Imperative herunterbrechen. "The Line Is A Curve" handelt von der Erschöpfung des Älterwerdens und der Frage, wie Kunst noch wirken kann, wenn sie schon Alltag geworden ist. Aber sie handelt auch von Alltag an sich, als Ort von Traumata und Freiheit, als Ort von Klaustrophobien und von Euphorie, als Ort von allem Schönen und als Austragungsort der jetzt gerade passierenden Apokalypse.

Um ganz ehrlich zu sein: Es gibt die Momente, in denen ich mich dabei erwische, all das für prätentiöses Gewäsch zu halten, das sich monoton ratternd in seiner eigenen Bedeutungsschwere suhlt. "The Line Is A Curve" ist noch weniger als Vorgänger wie "The Book Of Traps And Lessons" oder "Let Them Eat Chaos" ein einfacher Hördurchgang. Kurzweiligkeit geht anders, vor allem, weil Kae wirklich nur einen Modus und eine Stimmfarbe mitbringt. Emotional klingt der Vortrag die meiste Zeit gleich, schweift man kurz ab, verschwimmt sie zu diesem Rauschen eines monotonen Text-Wasserhahns, den man auf allen Beats an- und ausdreht.

Aber diese Abschreckung ist eben, womit man Leben muss. Wahrscheinlich stammt sie aus Unsicherheit und Faulheit, sich auf die Arbeit dieser offensichtlich talentierten Person zuzubewegen. Lässt man sich einmal auf den Textwall ein, gibt es viel zu entdecken. "No Prizes" entpuppt sich als frühes Kernstück, der Satz "I used to make plans, now I make decisions" wird zu einem Motiv, das in verschiedenen Konstellationen immer wieder auftaucht. Im letzten Verse befragt sie eine Person, die ihre 'besten Jahre' mit Bar-Gigs und einer 'scheiternden' Bands verbracht hat. Der Glückstag sei einfach nicht gekommen.

Tempest wurde ja schon immer eine Hand für das Mythische unterstellt – und in genau solchen Momenten zeigt sich, wie genau man einen Alltagsmythos auflaufen lässt, ohne ihn zu plakativ zu benennen. Selbst in einer liberalen Kunstbubble spricht man davon, es 'geschafft zu haben', und Kae ist umgeben von Leuten, die das nicht haben, während Kae selbst es anscheinend geschafft hat. Sollte zumindest Kae nach dieser Logik nicht frei sein?

Auf "Smoking" erzählt sie dagegen ihre eigene Identität nach, findet Parallelen zur eigenen Mutter, zeichnet ein ungleichmäßiges Bild von Klassen und der Realität der Schichten von Künstlerinnen und Künstlern, die besseres leisten wollen, aber viele Probleme selbst nicht verstehen. "Stop solving the world and start listening", adressiert Kae diese selbsternannte Schicht, von der sie offen lässt, ob sie nun dazugehört. "How are we supposed to dance" fragt sie auf einem der besten Songs, "Water In The Rain", der auch eines der einprägsamsten Bilder bietet.

Da steht Kae nämlich am Ende der Strophe an der Zughaltestelle, in der Hand ein Wasserglas, über ihrem Kopf ein Regenschauer. Wer hat eigentlich Macht, wem wird Macht zugeschrieben? "So many things that never came good / but at least I did what I could" resümiert Kae dann auf "Move", frustriert und ein bisschen ausgebrannt. Viele Stellen von "The Line Is A Curve" scheinen sich mit der Realität hinter den großen Gesten zu beschäftigen, mit der Limitation von Macht, mit dem Abstumpfen und dem 'Erwachsenwerden' von idealistischer Ambition. Hinein in schlaffe Ausgebranntheit der Synth-Loops, die gerade den Anfang der Platte säumen, nur hin und wieder aufgeschreckt von der brennenden Welt, die uns alle offensichtlich umgibt.

Trotzdem wirkt das Projekt sich nicht fatalistisch oder depressiv. In manchen Momenten fühlt sich Tempest sogar regelrecht euphorisch an: "Salt Coast" zum Beispiel beginnt mit einer fast postapokalyptischen Szene, nachdem der Beat so triumphal von "No Prizes" übergeschwappt ist, die Charakterstudie im zweiten Teil wirkt aber auf eine verquere Art und Weise so wertschätzend, dass man an ein bisschen Euphorie nicht vorbeikommt. "There you are, hedonistic, self-destuctive, insecure / trying to get away from the mistakes you've made before". Kae sieht die Menschen um sich herum. Ihre Schwächen, ihre Traumata, aber auch ihren Willen, die Dinge besser zu machen.

Im Grunde ist "The Line Is A Curve" nicht dieses posche Album, für das man es auf den ersten Blick halten könnte. Ja, es hat diese etwas "zu gut für Rap"-Produktions-Palette mit den monotonen Loops und den Trip Hop-Elementen, es hat die Feature-Liste, die sich mit Lianne La Havas, dem einen Typen von Fontaines D.C und Kevin Abstract wie die kühne Fantasy eines Mercury Prize-Verleihers liest.

Aber im Grunde zeigt "The Line Is A Curve" nur, wie wenig Kae Tempest abgehoben ist. Nicht in andere Schichten, nicht in die Kunst-Sphäre, Kae Tempest schreibt Texte über alltägliche Menschen und die Mythen, die sie verraten haben. Sie schreibt aus der Erschöpfung, die gerade so viele Menschen teilen dürften. Und macht dabei die Musik, die am ehrlichsten zu Kaes wahrem Selbst ist. Muss man sich ein bisschen darauf zubewegen? Ja. Natürlich. Man wird die Lyrics parat haben müssen und manchmal sogar zwischen den Parts auf Pause drücken müssen, um ein bisschen gegenzulesen. Aber wie bei aller Arbeit von Tempest wird sie die entgegengebrachte Geduld doppelt und dreifach wert sein lassen. Denn in dieser Komplexizität steckt der Respekt vor den Dingen, sie nicht kommunizierbarer machen zu wollen, als sie sind. Oder mit Tempests Worten: "The truth is - I don't know / It's so deep".

Trackliste

  1. 1. Priority Boredom
  2. 2. I Saw Light (feat. Grian Chatten)
  3. 3. Nothing To Prove
  4. 4. No Prizes (feat. Lianne La Havas)
  5. 5. Salt Coast
  6. 6. Don't You Ever
  7. 7. These Are The Days
  8. 8. Smoking (feat. Confucius MC)
  9. 9. Water In The Rain (feat. Ässia)
  10. 10. Move
  11. 11. More Pressure (feat. Kevin Abstract)
  12. 12. Grace

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