22. März 2013

"Es geht nur um Oberweiten"

Interview geführt von

Kaum eine Image-Wandlung sorgte in der Vergangenheit für mehr Furore, als die von Kate Nash. Vom zartbesaiteten Pop-Sternchen hin zum aufsässigen Indie-Riot-Grrrl. Schluss mit gläsernen Piano-Sounds – der knarzige Bass ist Kates neues Lieblingsspielzeug.Auf ihrem dritten Album "Girl Talk" präsentiert sich die Britin mit reichlich Ecken und Kanten. Das gefällt natürlich nicht all ihren Anhängern und so sammeln sich auch grantige Statements in den Pop-Blogs dieser Welt. Wie geht die Sängerin damit um? Wie fühlt sich das neue Leben als Mittelpunkt einer All-Girl-Band an und was kommt einem eigentlich morgens als erstes in den Sinn, wenn man zwischen massenhaft ausgestopften Tieren aufwacht? Wir trafen Kate Nash in Berlin zum Gespräch und fragten nach.

Hi Kate, du hast einen großen künstlerischen Wandel vollzogen. Von der zarten "Foundations"-Interpretin ist nicht mehr viel übrig. Es gibt sogar Leute, die behaupten, du wärst jetzt ein Riot Grrrl. Ist dem so?

Kate: (lacht) Ja, das habe ich auch schon gehört. Aber weißt du was? Mich interessiert schon lange nicht mehr, was die Leute von mir denken. Dieses ganze Schubladengepresse ist einfach nur erbärmlich. Die Leute entdecken einen, stecken einen in die Kiste und werfen dann den Schlüssel weg. Das ist wirklich traurig. Eine Entwicklung ist doch viel spannender, oder? Wenn die Leute also meinen, sie müssten mir jetzt einen Riot-Grrrl-Sticker auf die Stirn klatschen, nur weil ich auf der Bühne jetzt Gitarre statt Piano spiele, dann soll es halt so sein.

Es gibt Fans, die mit deinem "neuen" Image eher wenig anfangen können und dich teilweise ziemlich derbe im Internet angehen. Wie gehst du damit um?

Ich bin auch nur ein Mensch und irgendwo muss natürlich eine Grenze gezogen werden. Aber ich lasse nicht zu viel an mich ran. Diese Leute sollten sich einfach nicht den ganzen Tag mit stumpfen Hass-Tiraden beschäftigen, sondern sich mit schönen Dingen befassen. Wenn ihnen meine Musik nicht gefällt, dann sollen sie halt andere Sachen hören. Ich meine, wo ist das Problem? Dieses Internet-Bashing ist total feige. Keiner von denen würde mir seine Meinung ins Gesicht sagen - ziemlich bemitleidenswert, wie ich finde. Wenn ich so etwas lese, dann dreh ich meine Gitarre extra lauter auf.

Du spielst mittlerweile nicht nur Gitarre, sondern hast auch den Bass für dich entdeckt, richtig?

Ja, ich liebe es Bass zu spielen. Ich wollte, dass das neue Album wild, ungezügelt und laut klingt, also habe ich fast die komplette Scheibe auf dem Bass geschrieben.

In einer kalifornischen Villa, umringt von einem guten Dutzend ausgestopfter Tiere.

Yeah, das war schon ziemlich abgefahren, morgens zwischen all diesen Leoparden, Tigern und Eisbären aufzuwachen.

Da stand ein ausgestopfter Eisbär?

Ja, verrückt oder? Die Villa, in der wir zusammen mit Tom Biller gearbeitet haben, war wirklich faszinierend. Es gab einen riesengroßen Ballsaal, überall stand Obst herum und dann noch all diese Tiere ... ziemlich surreal, aber unvergesslich. Wir waren dort ungefähr zwei Monate lang und haben viel gelacht, gegessen, getrunken und gefeiert.

Inwieweit nimmt ein derart ungewöhnliches Umfeld Einfluss auf das Songwriting?

Ich würde jetzt nicht behaupten, dass das Album vom Grundsound anders klingen würde, wenn ich die Songs bei mir zuhause oder in irgendeinem Studio geschrieben hätte, aber man geht natürlich in so einer besonderen Umgebung ganz anders ran. Man wacht morgens auf und sieht diese verrückten Dinge überall. Da bekommt man sofort gute Laune. Und diesen Good Mood-Vibe nimmt man natürlich auch mit in die Arbeit. Ich finde, dass man diese lockere Stimmung auch auf dem Album hören kann.

"Die Mädels hören nicht den ganzen Tag nur L7"

Glaubst du, du hättest dich vor fünf Jahren für eine ähnliche Location entschieden, wenn du die Möglichkeit dazu gehabt hättest?

Das ist schwierig, aber wohl eher nicht. Wahrscheinlich hätte ich mich damals für ein Schloss mit lauter Seifenblasen in den Zimmer entschieden (grinst).

Da hätte deine jetzige Band aber bestimmt eine Flappe gezogen, oder?

Ja, wahrscheinlich. Aber die Mädels hören jetzt auch nicht den ganzen Tag nur L7. Ich wollte einfach diese Vibes, die Bands wie Bratmobile oder Bikini Kill in den Neunzigern versprüht haben. Die haben mich damals sehr beeinflusst und spielen für mich gerade heutzutage eine große Rolle.

Warum?

Ich habe mich in den letzten zwei Jahren ziemlich schlecht gefühlt. Es gab viele Enttäuschungen, Verletzungen und Verluste, die ich jetzt hier nicht detailliert ausbreiten möchte. In dieser Zeit war ich oft down und habe einen großen Teil meines Selbstbewusstseins verloren. Es kam einfach viel zusammen. Dann habe ich mich an diese Grrls-Platten von damals erinnert und versucht, diesen aufgestauten Frust und all die Ohnmacht in wütenden und lauten Songs zu verarbeiten.

Das neue Album ist praktisch ein Spiegelbild dessen, was ich in den letzten beiden Jahren durchgemacht habe. Diesen Knalleffekt habe ich einfach gebraucht, um wieder die Person zu werden, die ich einmal war. Ich war früher immer die Selbstbewusste, der Freak und die Außenseiterin, die Musik macht. Diese Präsenz ist mir in der Vergangenheit irgendwie abhanden gekommen. Es ist natürlich nicht einfach, in so einem Moment den richtigen Schalter zu finden, aber ich denke, dass ich seitdem viele gute und wichtige Entscheidungen getroffen habe, die mir geholfen haben.

Ein eigenes Label?

Ja, zum Beispiel. Es ist toll, sein eigener Boss zu sein und die Dinge um einen herum selbst kontrollieren zu können. Es ist unheimlich arbeitsintensiv, aber auch schön. Damit wollte ich mir ein persönliches Zeichen setzen – weg mit der Einsamkeit, hinein in die Arbeit.

"I am angry, confused, frustrated, tired / I am alone", heißt in dem Song "Oh".

Genau so habe ich mich gefühlt. Dieser Song bedeutet mir unheimlich viel, denn er bringt all das auf den Punkt, um was es auf dem Album geht. Außerdem erinnert er mich immer wieder an Siobhan Mahotra, eine enge Freundin von mir, die leider im letzten Jahr gestorben ist. Sie singt auf diesem Song die Backing Vocals.

Ich hoffe, dass sich viele Frauen und Mädchen die Botschaften dieses Albums zu Herzen nehmen, denn ich habe in der letzten Zeit unzählige gebrochene weibliche Persönlichkeiten kennengelernt. Diese Mädchen sollen endlich wieder Türen knallen und ihren Unterdrückern den Stinkefinger zeigen.

"Es geht um die Wiederherstellung des eigenen Selbstwertgefühls"

Du redest von Teilnehmerinnen deines Schulprojekts namens "Rock'n'Roll For Girls After School Music Club"?

Nicht nur. Vor allem in England haben Künstlerinnen einen ziemlich schweren Stand. Nur ein Bruchteil der Einnahmen der Performing Rights Society For Music (ähnlich der deutschen Gema) gehen bei uns an die weiblichen Künstler. Wenn man sich die Charts anguckt, stellt man mit Erschrecken fest, dass nur die wenigsten Musikerinnen ihre Songs selber schreiben. Das ist ein Zustand, der mich wirklich schockiert und fassungslos macht.

Ich meine, wir haben so viele wunderbare Sängerinnen bei uns, aber nur die wenigsten schöpfen ihr Talent voll aus. Das macht mich wütend. Das war auch ein Grund für mich, den "Rock'n'Roll For Girls After School Music Club" ins Leben zu rufen. Frauen werden in diesem Geschäft viel zu oberflächlich behandelt. Man muss auch keine Feministin sein, um diesen Zustand zu erkennen. Überall geht es doch mehr um Frisuren, Hüftschwünge und Oberweiten, als um das Auseinandersetzen mit der jeweiligen Musik.

Versuchst du die Mädchen in deinem Schulprojekt eher auf diesen Zustand vorzubereiten oder geht es dir mehr darum, den Teilnehmerinnen eine gewisse Antihaltung beizubringen?

Das hängt natürlich immer vom jeweiligen Typ ab. Ich habe hunderte Mädchen kennengelernt, von denen sich die meisten wohl nie für eine Band interessiert hätten, wenn sie keiner sprichwörtlich in den Hintern getreten hätte. Bei denen ging es primär um die Wiederherstellung des eigenen Selbstwertgefühls. Diese Mädchen sollten eine Aufgabe bekommen, in der sie aufgehen und sich wichtig fühlen können.

In einer Band lernt man Zusammenhalt und Kompromissbereitschaft. Man muss sich untereinander austauschen und sich einbringen, alles Dinge, die viele Mädchen gar nicht kennen, weil sie im Alltag zu den Außenseitern zählen, gemobbt werden und keiner etwas mit ihnen zu tun haben will. Zu sehen, wie diese gebrochenen Menschen plötzlich mit Hilfe der Musik wieder aufblühten und Eigenschaften an sich entdeckten, von denen sie gar nichts wussten, war wundervoll, inspirierend und berührend.

Aber es gab auch Mädchen, die wollten, aber irgendwie nicht konnten?

Natürlich. Da war es für mich als Musikerin vor allem spannend zu beobachten, wie sich musikalische Grundtalente weiter entwickeln. Auch diese Mädchen hatten natürlich Probleme mit ihrem Selbstbewusstsein, aber im Dezember standen sie dann plötzlich in der Queen Elizabeth Hall in London vor fast 1000 Zuschauern. Das hat mir gezeigt, dass es keinen Sinn macht, den Kopf in den Sand zu stecken und sich verbittert zurück zu ziehen. Man muss selbst anpacken und Dinge verändern wollen, dann ergeben sich neue Chancen und Möglichkeiten von selbst.

Wie kann man sich die Umsetzung eines derartigen Projekts vorstellen? Wurden dir viele bürokratische Hürden in den Weg gestellt oder bist du mit der Idee offene Türen eingerannt?

Zu meinem Erstaunen war das eigentlich ziemlich einfach. Wir hielten während unserer Tour an verschiedenen Schulen, klopften freundlich an und erzählten von unseren Plänen – und schon ging es los, ganz easy.

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