laut.de-Kritik

Trauma, New Age, Hip Hop, Liebe.

Review von

Das wird jetzt eher assoziativ. Ich bin nämlich zum Zeitpunkt dieser Niederschrift via Telepathie mit einer beträchtlichen Anzahl von über den Globus verstreuten Musikjournalist*innen verbunden, die Frist bis Montagmorgen für die Kendrick-Review haben, und was ich da heraushöre, ist: Uff. Große Themen. Viele Themen. Die Familie. Der Vater. Die Mutter. Black Generational Trauma. Wachstum. Heilung. Liebe. Er selbst. Gott. Über wen der beiden Letzteren er gerade spricht, ist nicht immer komplett klar (siehe Cover). Whitney Alford, seine Frau oder Ex-Frau, in der Frage ist der Textkorpus ebenfalls nicht hundertprozentig konkret, hat ihn gezwungen, sich in Therapie zu begeben, unter anderem bei einem gebürtigen Deutschen namens Eckhart Tolle, seines Zeichens Autor von in den Staaten extrem erfolgreichen Büchern wie zum Beispiel "The Power Of Now: A Guide To Spiritual Enlightenment" oder "A New Earth: Awakening To Your Life's Purpose".

Eben jener ist mitsamt seinem Akzent auf dem Album zu hören, womit Kendrick und Tolle The Weeknd und Jim Carrey den Titel für das most random feature of the year definitv abgejagt haben. Kodak Black ist auch am Start. Habe ich nicht zwingend kommen sehen. Baby Keem, das sah man durchaus kommen, ebenfalls. Kodaks Shoutout an Tolle ist ein schöner Moment. Generell haben beide einige schöne Momente. Das Album ist übervoll mit schönen Momenten. Kendricks Kuseng hat, zählt man Shoutouts, Ad-Libs und Ähnliches mit, weniger Einsätze als Kodak. Eine Entscheidung, die ich nachvollziehen kann. Das Black Hippy-Album wird, und es schmerzt, das aufzuschreiben, aber man muss sich langsam damit abfinden, in diesem Leben wohl nicht mehr kommen, von den Besagten ist hier weit und breit nichts zu hören. Kendrick hat sich weiterbewegt.

"I've been going through something/ one thousand eight-hundred and fifty-five days/ I've been going through something/ be afraid", so steigt er auf "United In Grief" ein, und ich frage mich, wie sich das anfühlt, wenn der eigene Mythos ein Stilmittel ist, das man einsetzen kann, um beim Hörer einen Endorphinschub herbeizuführen, so wie bei mir geschehen. Dann fängt er an mit seinem ollen, x-fach gehörten Triolenflow, ich komme ein bisschen runter und freue mich, ihm dafür mal schön vors Denkmal zu pissen, bis zum Break bei ca. anderthalb Minuten, wenn der Beat wechselt, schroffe, schnelle Live-Drums einsetzen und er anfängt, richtig zu rappen, also so Kendrick-Level-mäßig. Das fadet dann irgendwann aus in einer Reihe von jazzigen Akkorden auf dem Klavier, das uns noch öfter begegnen wird, teilweise bestehen die Beats aus nichts anderem.

"Mr. Morale & The Big Steppers" reiht sich ein in eine Diskografie voller größtenteils nicht eben griffiger Albumnamen, ist ansonsten aber sehr darauf bedacht, mit den Erwartungen zu brechen, die die Weltgemeinschaft, und das meint natürlich in erster Linie die Bevölkerung der USA, über die letzten fünf Jahre im Hinblick auf das neue Kendrick Lamar-Album aufgebaut hat, die da wären: Rassismus beenden, Rap transzendieren, Weltfrieden, sowas in die Richtung. Er hat immer mal wieder verbale Schellen dafür kassiert, beispielsweise im Kontext von Black Lives Matter auffällig abwesend zu sein, sich allgemein nicht zu entäußern, und diese in der Regel mit eisernem Schweigen beantwortet.

Kendrick Lamar ist laut Kendrick Lamar, so verstehe ich ihn auf diesem Album, der Weltöffentlichkeit nichts schuldig. Ihm wurde und wird zudem immer wieder vorgehalten, sich in seinen luftigen Höhen dort oben im Pantheon der Rapmusik in künstlerischen Experimenten um des Experiments wegen zu verlieren. Ich wage zu prophezeien, dass dieser Release daran nichts ändern wird. Auf der musikalischen Ebene hat Mr. Morale mit dem Rest von Rap nur noch peripher etwas zu schaffen. Er collagiert beispielsweise auf "Crown" zu einem Nils Frahm-haften Klavier ein Shakespeare- mit einem Bibelzitat ("Heavy is the head that wears the crown/ to whom is given much is required now"), was inhaltlich gut verdeutlicht, aus welcher selbst gebauten Fallhöhe er die Botschaft "I can’t please everybody" verkündet. Normale Dinge, die man tut, wenn man im Game keine realistischen Gegner mehr hat außer sich selbst.

Diesen geht er hingegen mit Verve an. Unter anderem ist dieses Album ein Manifest pro Psychotherapie. Es zeichnet einen kathartischen Prozess nach, der über einige sehr schmerzhafte Stationen führt, die Kendrick Lamar in absolut großartige Songs gegossen hat. Zu manchen, wie "Father Time feat. Sampha" oder "We Cry Together", kann man sich die Sitzungen, die ihnen zugrunde liegen, sehr gut vorstellen. Hier wird einmal gründlich abgerechnet, in ersterem über den Vater, der so gehandelt hat, wie er gehandelt hat, weil er das Beste wollte und es nicht besser wusste, so wie Väter das halt machen, wenn sie da sind. Hier kommt zwischendurch auf einem sehr introspektiven, kontextreichen, mit Bedeutung aufgeladenem, gleichzeitig Deutungen abwehrenden, auf jeden Fall ziemlich ernsten Album ein sehr trockener Humor durch: "Daddy Issues made me learn losses/ I don’t take those well".

Das ist nicht nur lyrisch gewohnt virtuos, ehrlich und reflektiert, es funktioniert mit melancholischen Klavierakkorden live aus dem Herbst der Seele plus Drums auch als Rapsong, woran "We Cry Together" hingegen erkennbar kein Interesse hat. Stichwort trockener Humor: Florence Welch singt zu Sounds, die klingen wie ein Akkordeon auf Ketamin, hymnische Harmonien, dann verkündet Whitney Alford, wir erinnern uns, Kendricks Frau oder Ex-Frau, "this is what the world sounds like", und der Track kippt in einen bedrückenden Spätneunziger-New York-Beat, auf dem Kendrick und die Schauspielerin Taylour Paige hörspielartig einen absolut belastenden Beziehungsstreit aufführen, mit Beleidigungen, Unterstellungen und einer Menge politischem Kontext, der ziemlich abrupt in ziemlich gutem Sex endet. Nachdem sie uns fünf Minuten Dialog um die Ohren geballert haben, beschließt Alford den Track mit den Worten: "Stop tap dancing around the conversation". Das ist aufwühlend und belastend, kein bisschen fair gegenüber keiner der beiden Seiten, und gerade dadurch wieder sehr. Außerdem gerade deswegen sehr witzig.

Sehr oft auf Repeat ist bei mir "Auntie Diaries". Wie der Typ in unter fünf Minuten einen ganzen Film erzählt, macht halt schon baff. Er beschreibt hier, um es stark zu raffen, seine Beziehung zu den Trans-Personen in seiner Familie, und wie er es geschafft hat, ein weniger homophober Mensch zu werden. Um diese Entwicklung zu illustrieren, benutzt er unter anderem homophobe Beleidigungen. Ich traue Kendrick Lamar die lyrische Fähigkeit zu, dass er die Verwendung dieser Vokabeln hätte vermeiden können. Dass er sich der Problematik dieser bewusst ist, geht aus dem Track hervor. Es ist einer der zentralen Punkte. Er hat sich folglich dagegen entschieden. Linst man kurz darauf, was Menschen im Internet darüber denken, findet man heraus: Die einen sagen so, die anderen sagen so, was auch ein passender Titel für das Album gewesen wäre. Für die einen macht die Verwendung dieser Begriffe in einem selbsterklärt pädagogisch wertvollen Kontext diese nicht weniger homophob, beziehungsweise transfeindlich, und damit schmerzhaft. Für die anderen überwiegt die Tatsache, dass der größte Rapper auf dem Globus Transidentität als Thema im Rap etabliert und dazu eine Geschichte über das Tolerieren, Akzeptieren, Lieben lernen erzählt. Ich verfüge nicht über die Kapazitäten, abschließend Recht zu sprechen. Aber ich merke schon stark, in welche Richtung ich gefühlsmäßig tendiere, wenn zu "I say 'Mr. Preacherman, should we love thy neigbor?/ the laws of the land or the heart, what’s greater?'" die Streicher anschwellen und mir dann doch wieder eine Träne hochkommt.

Ich glaube, dass wir zu dieser und vielen weiteren Fragen, die das Album aufwirft, von sehr vielen Leuten noch sehr viel hören werden, außer vom Künstler selbst. Er macht schon sehr deutlich, was er so von der aktuellen Diskurskultur hält, nämlich nichts. Ja, mich stört die auch. Nein, ich habe keine Lösung anzubieten. Da geht es mir ähnlich wie ihm. Von mir erwartet die aber auch keine Sau, Kendrick betont es hingegen noch mal für alle zum Mitschreiben: "Kendrick made you think about it, but he is not your savior/ Cole made you feel empowered, but he is not your savior/ Future said 'Get a money counter', but he is not your savior". By the way, wie auf diesem Song auf "Sí sí wait a minute/ ven aqui" der Bass reindroppt – absolut brutal.

Er fuckt sich außerdem auch ausgiebig über Social Media ab, und das ist Stand sechs Uhr achtunddreißig in der Früh' mein größter Kritikpunkt am Album: Was das angeht, bleibt er sehr flach. Schon ironisch, die schlimme Oberflächlichkeit der Nutzer sozialer Medien mit Lines wie "Why you always in the mirror more than the bitches?" anzuprangern, die dabei auch aus Kendricks Mund nicht tiefschürfender wirken als auf einem Track von Bausa oder so. Wie wäre es an dieser Stelle mit etwas Kritik nach oben statt nach unten? Man könnte sich fragen, was schlimmer ist, dass viele Menschen, die nicht Kendrick Lamar heißen, ein tiefes Bedürfnis danach haben, zu sehen und gesehen zu werden, oder das eben jenes Bedürfnis von einer sehr kleinen Handvoll komplett durchgeknallter Tech-Bros auf die niederträchtigste, gesellschaftsschädigendste Art und Weise ausgebeutet wird. Deren Villen im Valley abzufackeln, nur mal so als Beispiel, wäre sicherlich nicht die letzte Lösung, aber zumindest ein erster Schritt und würde auch deutlich mehr Spaß machen, als dem Meister zu lauschen, wie er vor sich hin grantelt.

Das ist natürlich gelogen, denn leider liebe ich den Track, aus dem die eben zitierte Line stammt. Es ist halt 'ne komplexe Kiste. Hier löst er sich vom arty spirit, sagt mit vielen Worten sehr wenig, was sich mir erschließt, klingt dabei zu einem poppigen Beat aber ungeheuer charmant. Generell finde ich viele Hooks, sofern es überhaupt welche gibt, eher sperrig, aber auf "Pure Spirit" reicht mir seine Delivery von "Stop playing before I turn you to a song/ Ayy, bitch, I’m attractive", um mich sehr ernsthaft und effektiv angeflirtet zu fühlen.

Das könnte man jetzt als Überleitung nutzen, um den Themenkomplex "lust addiction", wie er das an einer Stelle nennt, anzugehen, der sich ebenfalls durch das ganze Album zieht, aber ehrlich gesagt habe ich nach zweieinhalb Dokumentseiten Review immer noch nicht das Gefühl, dem Kern der Sache näherzukommen und muss langsam schließen.

Ich werfe deswegen nur kurz "Ancestors watching me fuck was like retaliation" in den Raum, weil ich finde, dass das eine starke Line ist. Kann man so oder so sehen. Kann man stark unangenehm finden. Ist aber auf jeden Fall stark. Was gibt es noch zu erwähnen? Ghostface Killah ist immer noch der Rapper, bei dessen Featurepart die Drums kurz Platz machen. Der Summer Walker-Part auf dem selben Track? Nicht von dieser Welt. Eckhart Tolle, der deutsche New-Age-Mystiker und Bestsellerautor, sagt alles in allem sehr sinnvolle Sachen. Ich meine zu ahnen, was Kendrick in Kodak Black sieht, nämlich einen hirnverbrannten, hochproblematischen Atzen aus Florida, der im Grunde sehr ähnliche Geschichten erzählt wie Kendrick selbst, und außerdem ziemlich verrückt rappt. Mit Baby Keem werde ich ums verrecken nicht warm.

Um zum Fazit zu kommen: Für ein abschließendes Fazit ist es ein wenig zu früh. Was sich festhalten lässt: "Mr. Morale & The Big Steppers" zeigt Kendrick Lamar, wie er sich ernsthaft Mühe gibt. Es ist in der selben Art bescheiden, wie ein Denkmal bescheiden bleibt, wenn jemand dagegen pisst. Sein Größenwahn ist sehr zärtlich. Ich glaube, dass die allermeisten hierin etwas finden werden, was sie ankotzt, und etwas, das sie berührt. Man sollte es hören.

Trackliste

  1. 1. United In Grief
  2. 2. N95
  3. 3. Worldwide Steppers
  4. 4. Die Hard
  5. 5. Father Time feat. Sampha
  6. 6. Rich - Interlude
  7. 7. Rich Spirit
  8. 8. We Cry Together
  9. 9. Purple Hearts feat. Summer Walker, Ghostface Killah
  10. 10. Count Me Out
  11. 11. Crown
  12. 12. Silent Hill feat. Kodak Black
  13. 13. Savior - Interlude
  14. 14. Savior feat. Baby Keem
  15. 15. Auntie Diaries
  16. 16. Mr. Morale
  17. 17. Mother I Sober feat. Beth Gibbons
  18. 18. Mirror

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37 Kommentare mit 88 Antworten

  • Vor 4 Monaten

    Auf Plattentests nur 8/10. Sollen sich löschen? Wuff!

  • Vor 4 Monaten

    Irre wie egal das Album jetzt schon ist.

  • Vor einem Monat

    oft wird Kendricks Musik und vor allem dieses Album als zu "deep", zu herausfordernd, anstrengend und zu ehrlich empfunden ("es fehlen die Banger zu mitsingen" heißt es oft). Aber genau das sollte "guter" Hip Hop sein (also deep, herausfordernd, anstrengend (weil ungeniert kritisch) und ehrlich). "Was ist schon gut" --> Musik, die Inhalte bietet, die anregt, provoziert, schockiert, inspiriert und auch mal beflügelt. Hip Hop ist Reflexion: von Gesellschaft, Strukturen, Schicksalsschlägen und Erfahrungen. Und genau das gelingt Kendrick auf jedem seiner Alben. Doch dieses Album ist sein persönlichstes und demnach "verwundbarstes". Nach so viel Erfolg und Bestätung wäre es ein Leichtes "mainstreamtagliche" Mukke zu machen und Para zu kassieren, doch genau das tat er nicht. Es ist weder erzwungen, noch anbiedernd (im Sinne des Musikmarkts oder des medialen Feuilletons), sondern tatsächlich einfach nur persönlich und ehrlich. Und als ob das alles nicht reichen würde, steckt sehr viel JAZZ in diesem Album: ein Genre, das Hip Hop geformt und geprägt hat. 5/5