laut.de-Kritik

Riffs für das melancholische Abendrot.

Review von

"It is my attempt at putting the middle American twilight into sound...", war kürzlich auf dem Instagram-Kanal von Kevin Morby über sein neues Album zu lesen. Selbst wenn man mit dem mittleren Westen der USA nicht so vertraut ist, kann man die warmen und doch melancholischen Klänge von Morby schnell mit einem rötlich schimmernden Sonnenuntergang assoziieren. Wobei man vom Albumtitel natürlich auch genau darauf geprimed wird: Man liest "Sundowner" und meint die Abendstunden dann auch in der Musik zu hören.

Auf seiner Website veröffentlichte der Musiker einen lesenswerten, offenherzigen Begleittext über die Entstehung des Albums. Er unterteilt sie in drei Abschnitte. 2017 kauft er sich ein Haus in Kansas City und zieh aus dem riesigen Los Angeles in eine eher ländliche Gegend. Mit einem Fourtrack-Recorder beginnt er, neue Songs zu skizzieren, die von der neu entdeckten Einsamkeit in seinem Eigenheim und der ruhigen Umgebung beeinflusst sind. Irgendwann zieht seine Freundin Katie Hatchfield alias Waxahatchee zu ihm und gemeinsam prägen sie für sich den Begriff "Sundowner". Er beschreibt Menschen, die im Licht der untergehenden Sonne von einer besonderen Melancholie ergriffen werden.

Den Einfluss der Beziehung kann man etwa im gemütlich dahin schwebenden "Don't Underestimate Midwest American Sun" hören, in dem Morby singt: "I have fun with you, I have fun / And I hope you have fun with me too". Anfang 2019 setzte sich der Musiker mit dem Produzenten Brad Cook zusammen, um die Stücke, die bis dahin nur auf dem Fourtrack-Recorder existierten, im Studio aufzunehmen. Unterstützt wurden sie vom Big Thief-Drummer James Krivchenia. Kurz darauf brach Morby dann im Zuge der Veröffentlichung des Vorgängers "Oh My God" auf eine Tour auf, weshalb die Aufnahmen erst mal ruhten.

Der zweite Abschnitt der Tour fiel dieses Jahr der Pandemie zum Opfer, so dass sich der Multiinstrumentalist Anfang des Jahres wieder in der lieb gewonnenen Isolation in Kansas City befand, was ihm ermöglichte, die Aufnahmen fertigzustellen. Es ist ein ruhiges Album geworden, mit meist zurückhaltenden Drums. Musik, die Tagträume von Roadtrips durch die Prärie oder entlang des Route 66 befeuern.

Inzwischen scheint der Amerikaner seinen Sound-Rahmen absteckt zu haben und sich nun ganz lässig und selbstbewusst innerhalb seines Claims auszutoben. Natürlich blitzen da immer wieder seine Einflüsse auf, aber inzwischen klingt Morby weniger wie einer von vielen neuen Bob Dylans, sondern einfach nach sich selbst. Der Opener "Valley" weckt mit dem Gitarren-Strumming erst Erinnerungen an die Songs auf "Singing Saw", nach der Zweiminuten-Marke sprudelt das Stück dann aber in einem launigen Jam auf. Hier erinnert es eher an das großartige "City Music".

Wer seine Karriere aufmerksam verfolgt, kann sich auch thematisch und lyrisch in ein eigenes Morby-Universum gezogen fühlen. So wird im Titeltrack die Zeile "The hours devour us" wieder aufgegriffen, die schon in "Piss River" vom Vorgänger und der B-Seite "I Was On Time" auftauchte. Das einleitende "Oh, my, my" vom großartigen, zweigeteilten "Campfire" hätte ebenso gut auch von "Oh My God" stammen können. Im Zwischenteil hat Hatchfield einen kurzen Gastauftritt. Besonders der zweite Part übersetzt das Abendrot perfekt in Klang.

Die Erwähnung des Namens Meg in "A Night In Little Los Angeles", dem längsten Stück des Albums, lässt an Meg Duffy alias Hand Habits denken, die lange ein Teil von Morbys Live-Band war. Der Song ist herrlich träge, Kevin fantasiert von einem Hotel mit Los Angeles-Thema im mittleren Westen: "There’s lovers in the bedroom next door / You can hear ‘em through the paper walls / 'I'm 'bout to cum soon baby' / 'No, wait for me. Okay, now'".

Morby klingt ingesamt auch gesammelter, als zuletzt auf "Oh My God", einem Konzept-Album, in dem er sich mit Gott und Glauben auseinandersetzte. Dennoch gibt es mehrere Querweise, etwa wenn er in "Jamie" den Tod eines Freundes betrauert: "Jamie was a friend of mine / He was 25 when he died / And he'd hate me, but I get angry / I wish my friend was still alive, oh lord / Oh I wish my friend was still alive". "Brother, Sister" passt mit seinen eher düsteren Klängen erst nicht so recht in den Album-Fluss, überzeugt aber mit der Erzählung eines unglücksseligen Geschwisterpaares.

Das Album-Highlight ist das kurze "Wander", das mit treibenden Gitarren-Anschlägen grandios Aufbruchsstimmung versprüht. Fantastisch klingt auch das Instrumentalstück "Velvet Highway", das mit friedlich-schönen Klavierklängen begeistert und nur mit Musik verdeutlicht, was dieses Album leistet: Wärme verbreiten und mit liebevoller Instrumentation mit Harmonium und Mellotron und charmanten Texten Lust darauf machen, das 'midwest American twilight' selbst zu erleben.

Trackliste

  1. 1. Valley
  2. 2. Brother, Sister
  3. 3. Sundowner
  4. 4. Campfire
  5. 5. Wander
  6. 6. Don't Underestimate Midwest American Sun
  7. 7. A Night At Little Los Angeles
  8. 8. Jamie
  9. 9. Velvet Highway
  10. 10. Provisions

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2 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 2 Jahren

    "Klingt nach sich selbst"???? Morbid versucht ganz klar auf Leonard Cohen zu machen. Ganz nett.... was für Leute rezensieren hier eigentlich?

    • Vor 2 Jahren

      Naja, die Hauptähnlichkeit, die ich hier sehe, ist das Morby's Stimmfarbe der eines jüngeren Cohen recht ähnelt. Ansonsten hat Cohen das Lyrik vortragen zu oft relativ reduzierten Gitarrenklängen auch nicht erfunden und auf Ebene der individuellen Songs gibt es bzgl Melodik, Vortrag, Lyrik mMn genug Unterschiede, dass der Vorwurf der Nachahmung recht haltlos ist.

  • Vor 2 Jahren

    Morbys Beitrag zum BoJack Horseman Soundtrack ist großartig. Ich mag seine warme Melancholie.