laut.de-Kritik

Als Neuanfang gedacht, nun doch ein Abschied.

Review von

Der Dieter Bohlen von MTV in den USA hieß von 2002 bis '09 P. Diddy. In seiner Casting-Show wurden sowohl je ein Solist pro Staffel als auch eine Band selektiert, und einer der ersten Teilnehmer war Walter 'Walt' Anderson. Seit fünf Jahren ist er nun schon Part of the Gang, als Sänger der Gang von 'Kool' Robert Bell. Viel zu tun gab's nicht, außer dass "Sexy (Where'd You Get Yours)" anfangs schon erschien - produziert und geschrieben von Walt. Selten kündigt eine Single ein Album an, das 61 Monate später erscheint, nun unter dem Titel "Perfect Union".
 
Zur stets ungewöhnlichen Zickzack-Entwicklung von Kool and The Gang passt, dass diese recht schöne CD leider eine posthume ist - zugleich seit Ewigkeiten eine in Nahezu-Originalbesetzung. Wenige Tage vor dem Release starb der hier zu hörende Altsaxophonist Dennis Ronald Thomas. Ein anderer Ronald, der Keyboarder, Tenorsaxophonspieler und Produzent dieser Platte, Ronald Khalis Bell, verschied letzten Spätsommer. Beide waren relativ jung, 68 und 70; den Posaunisten hatten sie schon vor Beginn der Aufnahmen eingebüßt. Statt eines Neuanfangs sieht diese Platte also nach einem Abschied aus. 
 
Sie klingt aber auf Zack. Nicht in jedem Takt, aber doch zu neunzig Prozent. "Perfect Union" streift viele Rhythmusmuster, Genre-Techniken, Stimmungen und Themen (Nachtleben, Wochenende, Flirt, Verführung, Liebe, Nähe, Trennung, Tristesse, Bürgerrechte, Brüderlichkeit, Hoffnung, positives Denken), läuft kurzweilig durch den Player. Die CD versetzt wirkungsvoll in die Siebziger zurück, als in der Musik mehr Optimismus herrschte, Funk und Disco bessere Zeiten ohne Rassismus und voller Visionen versprachen. Großes Überthema ist Resilienz, also sich von Rückschlägen, politischen wie auch in privaten Beziehungen, nicht unterkriegen zu lassen, sondern innerlich heil zu bleiben und weiter machen zu können. Zerstritten wie die Band lange war, steht ihre Re-Union, die "Perfect Union", für dieses Weitermachen.
 
Die Platte macht Spaß, strengt kaum an, verlangt nichts vom Hörer. Genau da zeigt sich auch die Kehrseite der Medaille: "All To Myself" wird wohl wieder die Nörgler auf den Plan rufen, die alles, was nach Lionel Richie, Simply Red und 80er-Radiopop klingt, schon immer doof fanden. Dabei steckt im Detail viel Ästhetik und Gefühl. Die beiden Saxophonisten zeichnen schöne Konturen mit ihren sportlichen Blue Note-Figuren.

Dem Sänger hört man die bemühte Emotionalität von Casting-TV in verzweifelt verkitschten Zeilen wie "I'm gonna give you everything you want in me" an, wobei der Gesang bei der Gang nie das Wichtigste war und die Band ihr jüngstes Mitglied nur in manchen Strophen mal alleine lässt, in den Refrains dafür mit ausgefeilten mehrstimmigen Background-Vocals geschmackvoll umhüllt.
 
Die Schwachpunkte der Platte sind also: Sie handelt viel von Liebe, sie gleitet dann und wann auf eingeseiften Pop-Pfaden aus, und der Lead-Sänger liefert nicht durchweg 'cooles' Understatement. Kleinere Schwächen im Songwriting gibt's auch, so dass man keinen Hit raushört, und die Abmischung wirkt teils ein bisschen zu clean und steril. Soweit ganz viel Gejammer auf hohem Niveau. Denn entscheidender ist, ob die Musik gut ins Ohr geht, eine angenehme Zeit beschert und irgendwas zu sagen hat. Das kann man alles klar bejahen.
 
"Good Time" groovt und stampft Schlagzeug-technisch im Stile von "Ladies' Night"; der Chef selbst und Gründungsmusiker George Brown sorgen für Beats und Percussion. Euphorie und Disco Fever mit der charakteristischen trockenen Wahwah-Gitarre herrscht auch im flüssig vorgetragenen "The Weekend" mit einer schiebenden Stolper-Rhythmik, die signalisiert: Das Wochenende lässt sich kaum erwarten, die Beine zappeln schon, "ready for the weekend". Hier sind nun zwei Lead-Vokalisten am Werk. Neben der hellen Stimme Walt Andersons erklingt noch die rauere, Rap-artig intonierende von Balawa Muhammad, einem neuen Teilzeit-Mitglied. Erst jeder für sich, dann beide zusammen am Mikro: Das Konzept geht gut auf.

Voll auf Zeitreise ist man dann in "Leave It On The Dance Floor", dem Track, der von allen Stücken am typischsten nach der Ära der erfolgreichen Gang klingt. Das behutsamere "High" setzt sich etwas ab. Dieses Verliebtheits-Lied punktet mit Länge, mit äußerst geschmackvoll reingemischten Synth-Streichern und unablässigem Funk-Schlagmuster. Bandgeschichtlich lässt es sich mit den mittleren 70ern in Verbindung bringen (der Phase vor dem Durchbruch).
 
Umklammernd sind die Songs mit Message: "Hold On", "Pursuit Of Happiness", "Pursuit Of Happiness (Rap Version)" und "R.O.Y.A.L.T.Y. (Kool & The Gang Mix)". Letzterer hat einen pfiffigen Flow im Stile von Pharrell Williams' "Happy" und geht mit Falsett-Hookline, einer cheesy Melodie und megaspitze-grandiosen Bläsersätzen sofort in Ohr und Beine. "Hold On" macht das, was auf jeder zweiten US-R'n'B-Produktion irgendwann eintritt: Die Gospel-geschulte spirituelle Motivationsschub-Hymne bricht los. Es gibt gute und schlechte Tage, so die Kernaussage; aufgeben sollte man nie und auf den nächsten guten setzen. Bei KATG hört sich sowas souverän und nach elegantem Anzug an, andere Bands machen an der Stelle oft den Fehler von Drum Programming, was dann mehr nach Jogginghose mit Flecken klingt. Die Gang waren immer großartige Instrumentalisten, wobei die meisten mehrere Werkzeuge spielen. Handwerklich ist "Perfect Union" ganz großes Kino.
 
Und was jetzt "Pursuit Of Happiness" betrifft: Die Gruppe für die Greatest Hits auf dem Grabbeltisch, die einst als elegante Jazzformation gestartet war, freundet sich neuerdings mit Rap an und integriert Rapper Keith Murray (Ex-Kollege von Erick Sermon und Redman bei Def Squad) perfekt.

Das Lied postuliert eine Welt ohne Luftverschmutzung, ohne auslaufende Öltanker, mit mehr Inklusion und Respekt vor der Verfassung, "Wir brauchen mehr Lennons, Lincolns, (...) einen weiteren Marley, wieder einen Gandhi". Mit Blick auf unsere Bundestagswahl fragt man sich, ob es dort überhaupt um Entwürfe für die Zukunft geht. Insoweit finde ich den Song ein wichtiges Statement zu den Fragen: Wie soll sich eine Gesellschaft anfühlen? Und wer verkörpert das, wonach man strebt? 
 
Auf den Trichter mit dem Rap kam die Eastcoast-Band spät, was echt erstaunt, wenn man bedenkt, wie oft sie im Hip Hop gesampelt wurde. Und das ist so viele tausende Male passiert, dass es gewürdigt gehört: Nicht nur ein Stück, nein fast alles, fast jedes einzelne Stück aus den ersten zehn Jahren von The Gang wurde von der Garde der namhaftesten 90er Jahre-Rapper diverser Strömungen rauf und runter gesampelt. Allen voran besonders oft von Nas. Ob nun Erick Sermons EPMD, Ice Cube, Wu-Tang Clan, Eric B. & Rakim, A Tribe Called Quest, Pete Rock, Gang Starr, The Notorious B.I.G., Cypress Hill, Fugees - sie alle krallten sich Saxophon-Passagen, Keyboard-Kurven, Melodien, Jazz-Breaks der virtuosen Band. Coolios "Too Hot"-Cover war 1995 nur die Spitze des Eisbergs.
 
Schaut man auf dieser Tage angesagte LPs und Artists, dann finden sich viele Spuren des Kollektivs aus New Jersey wieder: Khruangbin brachten vor ihren Remixes bereits eine Digi-Deluxe-Version mit einer Playlist raus, auf der sie die Gang covern. The Killers bauten 2017 ihren Song "The Man" maßgeblich auf "Spirit Of The Boogie" von Kool & Co. auf. Auf "Welcome 2 America" von Prince findet sich auf der BluRay-Beilage ein Konzertmitschnitt, in dem Prince einen der frühen Kool-Klassiker verfremdet. Es war also weitaus mehr als der Hip Hop, der von der Funkjazz-Disco-Truppe langfristig profitierte. Mit "Perfect Union" bleibt diese einzigartige Band hoffentlich in positiv gefärbter Erinnerung.

Trackliste

  1. 1. Pursuit Of Happiness
  2. 2. The Weekend
  3. 3. Leave It On The Dance Floor
  4. 4. High
  5. 5. Sexy (Where'd You Get Yours)
  6. 6. All To Myself
  7. 7. R.O.Y.A.L.T.Y. (Kool & The Gang Mix)
  8. 8. Hold On
  9. 9. Good Time
  10. 10. Pursuit Of Happiness (Rap Version)

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