laut.de-Kritik

Der dunkle Zauber ist immer noch da.

Review von

Ist natürlich klar, dass das hier groß werden musste. Selbst wer nicht Teil der abgefeierten Reunion-Konzerte 2019 gewesen ist (wie ich) und Sivert Høyems Solokarriere nur schläfrig verfolgte (auch ich), musste sich ja nur noch mal "Majesty" vom Album "Grit" reinziehen. Dass diese Band nach sehr sehr langer Pause wieder im Studio zusammen kommt, um sich irgendwie halbgenial an Rock-Standards entlang zu hangeln, war in etwa so wahrscheinlich wie spontan ein Youtube-Video mit null Aufrufen zu finden.

Gut, der besagte Song ist 20 Jahre alt, wir werden alle nicht jünger, und dann waren für "Chimes At Midnight" auch nur noch 50 Prozent der sich damals im Aufnahmeraum befindlichen Musiker zugegen. Doch gemeinsam mit Ur-Drummer Jon Lauvland Pettersen und dem verstorbenen Gitarristen Robert Burås im Geiste schalteten Madrugada einfach auf stur und knüpfen jetzt da an, wo sie 2008 aufgehört haben. Genial, diese Norweger. Der dunkle Zauber ihrer Musik ist uns erhalten geblieben, und das ist schon mal mehr, als man von 2022 erwarten konnte.

Das Glück war auch der Band hold: 2018 verkündeten Høyem, Lauvland Pettersen und Bassist Frode Jacobsen die Madrugada-Reunion, im Folgejahr ging es pünktlich zum 20-jährigen Jubiläum ihres Debüts "Industrial Silence" auf Tournee. Gerade noch rechtzeitig, wie sich bald heraus stellen sollte. Noch während der Tour fasste das Trio den Entschluss, neue Songs für ein Album zu schreiben. Ende März 2020 waren die Songs gemeinsam mit den Bühnenmusikern Christer Knutsen und Cato Salsa, der zuvor schon in Høyems Soloband spielte, in L.A. fertig aufgenommen. Dann kam die Pandemie.

Anschließend musste die buchstäblich mit dem letzten Flieger nach Oslo zurückgekehrte Gruppe mit ihrem US-Produzenten den Overdubbing-Prozess via Zoom bewerkstelligen. Hinzu kamen Differenzen hinsichtlich der Auskleidung des Soundbilds, Producer Kevin Ratterman hatte voluminöse, elektronische Vorstellungen, die Band wollte es karger. Auf "Chimes At Midnight" finden sich beide Pole wieder, allerdings haben insgesamt zum Glück Madrugada das Ruder auf ihre Seite gerissen.

Wie immer geschult an der Harmonielehre der Doors und Nick Cave finden sie in "Nobody Loves You Like I Do" sofort wieder zueinander. Wie zu ihren besten Zeiten fesselt der warme Dreiklang aus Gitarre, Bass und Schlagzeug im Verbund mit Sivert Høyems Ausnahmestimme. Der Song beginnt betont ruhig, bevor das Quintett mit großem Effekt die Intensität hochfährt. Rattermans elektronische Sounds stören den Fluss nur, wenn man vor der Albumversion schon tausend Mal die noch reduziertere Live-Aufnahme des Videos gehört hat. Betörender Minimalismus.

Punkige Ausscherer sind heute Mangelware, die Band drosselt lieber das Tempo und schleift ihre Juwelen zwischen Slo- und Midtempo. Das Unerwartete geht ihrem Sound dadurch verloren, aber nach so starken, in sich ruhenden Songs wie "Running From The Love Of Your Life" muss man den Alternative-Markt heutzutage lange absuchen. Da Madrugada noch nie eine Skip-Band waren, hört man auch 2022 das Album von vorne bis hinten durch, außer man muss das Vinyl drei Mal umdrehen.

Angst vor dem Schatten der Vergangenheit haben sie nicht: Zwei Songs der Platte sind noch zusammen mit Burås entstanden, wurden damals aber aus unerfindlichen Gründen nicht fertiggestellt. "The World Could Be Falling Down" komponierte die Band ursprünglich für "Industrial Silence", fügt sich nun aber perfekt in die Platte ein. Dasselbe gilt für den Album-Burner "Slowly Turns The Wheel", ein Dark-Rock-Masterpiece, bei dem das hohe Level des eingespielten Bühnenteams Madrugada/Knutsen/Salsa überdeutlich wird. Mit großem Feingefühl schreiben die 'Neuen' die Bandgeschichte in Burås' Sinne fort - Salsa stand damals schon gemeinsam mit dem Gitarristen auf der Bühne.

Hier mal "Joshua Tree"-Vibes ("Imagination"), dort Burås-Kniefälle ("Call My Name"), es ist eine einzige Freude. Die Ballade "Stabat Mater", sicher der düsterste Moment der Platte, lebt von ihrem aufgeblasenen, chorähnlichen Refrain, dessen Piano-Arrangement bei mir kurioserweise ABBA-Feelings aufkommen lässt - in jedem Fall sticht der Song heraus. Wenn man ganz genau hinhört, hätte es das etwas schwächelnde "Empire Blues", das in seiner optimistischen Ausrichtung eher nach Høyem solo klingt, und den kitschigen Hollywood-Abspann "Ecstasy" nicht gebraucht. Sie ziehen "Chimes At Midnight" aber auch nicht runter, Madrugada bleiben eine Albumband, die ihre Zuhörer*innen von Anfang bis Ende mitziehen und uns wie erwartet auch nach über zwei Jahrzehnten noch Schauer über den Rücken jagen. Vor allem dank Høyem, dem alten Charismatiker.

Nachdem die Band 2019 schon vor doppelt so vielen Zuschauern gespielt hat wie in den Nullerjahren, kommt dieses durchaus fürs breite Publikum interessante Album vielleicht genau zum richtigen Zeitpunkt. Spätestens bei Songs wie "Dreams At Midnight" sollten die Leute auch mal aufhören, der guten Coldplay-Zeit hinter her zu heulen. Madrugada are here to stay.

Trackliste

  1. 1. Nobody Loves You Like I Do
  2. 2. Running From The Love Of Your Life
  3. 3. Help Yourself To Me
  4. 4. Stabat Mater
  5. 5. Slowly Turns The Wheel
  6. 6. Imagination
  7. 7. Dreams At Midnight
  8. 8. Call My Name
  9. 9. Empire Blues
  10. 10. You Promised To Wait For Me
  11. 11. The World Could Be Falling Down
  12. 12. Ecstasy

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3 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor 7 Monaten

    Richtig Bock auf diese geile Stimme. Vorab-Single auch schon des Feierns würdig.

  • Vor 7 Monaten

    "Entweder die Norweger haben in letzter Zeit einen zuviel im Tee gehabt oder es gab dort lange keine guten, einheimischen Bands." Schön geschmunzelt über die Rezension zu Industrial Silence. Dafür kommt die Platte allerdings auch nach 20 Jahren immer noch recht zeitlos rüber. Scheint ein guter Stoff im Tee gewesen zu sein.

  • Vor 7 Monaten

    Hab die Platte jetzt einmal durchgehört und war positiv angetan. Gab jetzt kein Lied, das ich hätte skippen wollen. 2-3 Songs gefielen mir bereits sehr gut. Auch hat mir die Gitarrenarbeit sehr gefallen - das war ja die große Frage, inwieweit Robert Burås ersetzt werden konnte. Insgesamt hab ich beim Hören gemerkt, wie sehr ich Madrugada vermisst hab. Schön, dass sie wieder da sind!

    • Vor 7 Monaten

      ging mir komplett anders, musste ziemlich schnell skippen... Selbst die eher schlechteren Lieder auf "Industrial Silence" sind besser als jeder Song auf dieser Platte, tut mir leid. Obwohl es eigentlich bei der "Industrial Silence" gar keinen schlechten Song gibt, selbst die sehr ruhigen Balladesken Lieder sind atmosphärisch so dicht und auf eine Art geheimnisvoll, dass einem das Herz auf geht, das geht mir bei "chimes at midnight" nahezu komplett ab.