laut.de-Kritik

Wir lassen uns das Feiern nicht verbieten!

Review von

Marten Laciny führt ein aufregenderes Dasein, als es seine Kunstfiguren Marteria oder Marsimoto je könnten. Als das Coronavirus begann, seine Fühler auch außerhalb Chinas auszustrecken, reiste der Rapper gerade durch Peru, Bali, Thailand und schließlich Venezuela. Um nicht dauerhaft in der krisengebeutelten Republik festzusitzen, schnappte er sich das letzte verfügbare Propellerflugzeug, um Caracas in Richtung Barbados zu entkommen. In der erzwungenen Ruhe des Inselstaates fand er die Muße, sich "5. Dimension" zu widmen, mit dem er von der Sehnsucht nach Eskalation erzählt.

In seiner ersten Auskopplung "Niemand Hier Bringt Marten Um" reflektiert der Überlebenskünstler die Erlebnisse des vergangenen Jahres. Der allgemeinen Alarmstimmung begegnet er dabei mit einer Mischung aus Gottvertrauen und Fatalismus: "Wenn uns hier alles um die Ohren fliegt, steh' ich vor dir wie Granit – niemand hier bringt Marten um." Fast trotzig widersetzt er sich der herrschenden Angst: "Baby, überall Gefahr – na und?" Nur der melancholische Einschlag der Produktion gewährt einen Blick hinter die Rüstung seines vermeintlich stählernen Selbstbewusstseins.

Die seit "Zum Glück In Die Zukunft" präsente Wehmut gilt es mit "Love, Peace & Happiness" zu kaschieren: "Brauchst paar schnelle Nächte, musst was aus dem Kopf kriegen." Aus dem Auge des Orkans taucht Marteria direkt ab in das ausschweifende Nachtleben: "Ich hab', was du brauchst. Sag mir einfach nur, wann und wohin." Mit Dienstleister-Attitüde triggert er im Gespann mit ÄTNA und Yasha das Gefühl der "Lila Wolken", wobei er sich zugleich im Widerstand wähnt, wenn er auf die 35 Jahre alte, nie ernst gemeinte Parole der Beastie Boys verweist: "Kämpf' für dein Recht auf Party!"

Von einem Rave geht es direkt weiter zum nächsten. "Ist es der achte Club oder der neunte?", fragt Marteria zu den mächtig wummernden Bässen von The Krauts und DJ Koze in "Paradise Delay". Wenn sein Gott "wieder ma' auf Play" drückt, zieht es den Wanderprediger des Hedonismus "von Tempel zu Tempel". Doch wenn sich die Reihen nach und nach lichten, schleicht sich erstmals die Erkenntnis in die Endorphin-Flut, irgendwann die Reißleine ziehen zu müssen: "Alle meine Freunde weg, haben sich verpisst. Der einzige, der hier noch Action macht, bin ich."

"Nach der Party kommt die After-Party" mit Miss Platnum in "Loft & Liebe". In der anschwellenden Ruhe des "riesen Appartement" drängt sich die so sorgsam überspielte Furcht in den Vordergrund: "Komm', wir killen zu zweit den Rest vom Hennessy. Denn das Gefühl, allein zu sein, das kenn' ich gut." "Marilyn" kommt musikalisch zwar mit der Leichtigkeit eines Rocks im Aufwind daher, doch in einer ASMR-Passage drückt Marteria seine Beklemmung aus: "Dunkelheit zieht mich runter, will raus aus dem Albtraum." Und auch der "Zug Der Erkenntnis" löst Schmerz aus, wenn er mit ihm kollidiert.

Der nagenden Innenschau stehen persönliche Songs gegenüber, die eher gepflegte Langeweile verbreiten. "Neonwest" skizziert die große, bunte Welt, die sich dem kleinen Marten nach dem Mauerfall eröffnete. Die bekanntermaßen farblose DDR liegt hinter ihm, nun bestaunt er die roten Ferraris im Parkverbot. Zur selbstgenügsamen Produktion klingt Marteria so altväterlich, als wollte er seine Enkel mit öden Anekdoten traktieren. Wenn es den Kindern gelingt, sich dem Schlaf zu widersetzen, gibt ihnen ihr Opa mit der auditiven Urlaubsdiashow "Strandkind" den Rest.

Aufmerksam und zugleich orientierungslos torkelt hingegen "Traffic" vor sich hin. Zum musikalischen Drogentrip malt der Rapper die passenden surrealistischen Bilder. "Man lebt nur einmal!", schreit er schließlich heraus und offenbart die selbstzerstörerische Kehrseite des Exzesses, die im abschließenden "6:30 (Good Night)" noch einmal zum Vorschein kommt. Und dennoch verfehlt "5. Dimension" trotz bester Vorsätze die Tiefe seiner musikalischen Anfänge. Allzu oft vergräbt Marteria die Selbsterkenntnis unter einer dickköpfigen Wir-lassen-uns-das-Feiern-nicht-verbieten-Pose.

Trackliste

  1. 1. Niemand Bringt Marten Um
  2. 2. Love, Peace & Happiness (mit Ätna und Yasha)
  3. 3. Paradise Delay
  4. 4. Loft & Liebe (mit Miss Platnum und Hacki)
  5. 5. Marilyn
  6. 6. Traffic
  7. 7. Zug Der Erkenntnis
  8. 8. Strandkind
  9. 9. Neonwest
  10. 10. Interstellar (mit Yasha)
  11. 11. DMT
  12. 12. 6:30 (Good Night)

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12 Kommentare mit 12 Antworten

  • Vor einem Monat

    Ich finde ja einerseits gut, dass er nicht ZGidZ 4 gemacht hat, nachdem Roswell nur noch eine matte Kopie war. Hier ist zumindest der Wille zur Weiterentwicklung da. Sind auch ein paar ganz interessante Tracks drauf, nachdem man die Techno-Schlager „Love, Peace & Hapiness“ und „Paradise Delay“ überstanden hat. Andererseits: HipHop ist das nicht mehr, und leider textet Marteria auch nicht mehr so gut wie früher.

  • Vor einem Monat

    Sind ein paar echt geile Produktionen dabei, kein Wunder, bei den Produzenten... Aber inhaltlich ist das teilweise so krass fremdschämig anbiedernd und dümmlich pseudointelligent, dass ich echt bevorzugen würde, seine Sprache nicht zu verstehen. Bei den Koze Produktionen kann ichs teilweise verschmerzen, da der Beat dann interessant genug ist, bei manch anderen gehts leider gar nicht. Z.B. der erste Track ist inhaltlich so ein geistiger Dünnschiss, dass ich schon beim ersten Hören ganz schnell wegklicken musste.

  • Vor 8 Tagen

    Seit release nun immer öfter gehört und mittlerweile in dauerschleife. irgendwas an der produktion ist extrem nice. weiß auch nicht was. vielleicht koze. Traffic ballert und der rest ist irgendwie chillig. gefällt