laut.de-Kritik

Quo vadis, Streetrap?

Review von

Ngee fügt dem Straßenrap nichts Sinnstiftendes hinzu. So viel sei vorab verraten. Abgesehen von der stattlichen Klickernte, die der Rapper zur Zeit einfährt, bleibt nach "Normalität" völlig offen, was Capital Bra in seinem Schützling zu erkennen glaubt. Ihm fehlen Technik und Wortwitz, mit denen Kollegah in seinen besten Tagen glänzte. Spannende sprachliche Einflüsse à la Celo & Abdi finden sich ebenso wenig wie der kluge Blickwinkel eines Hanybal. Es mangelt auch an Ohrwurm-Adlibs wie bei Haiyti oder zumindest einem unterhaltsamen Comic-Charakter in der Aggro-Berlin-Tradition.

Doch von all diesen Kollegen-Vergleichen nimmt der Berliner ohnehin Abstand, denn "Deutscher Rap ist ein Schwuchtelverein." Ngee geht es nicht um Musik, ja nicht einmal um Ruhm und Statussymbole, sondern ganz simpel um Geld. "Es geht um dicke, fette Umschläge", klärt er über seinen "Lifestyle GTA" auf, der die Banknoten fetischisiert, "Was für Bitches, Diggi? Alles dreht sich um Knete". Ob das bereits pathologisch ist? Dem Rapper plagen zumindest in "Veve" Selbstzweifel: "Ich mach' alles für Bares, ich bin krank, Brate".

Dass sich die Texte um monetäre Gelüste drehen, wäre halb so wild, wenn sich Ngee dabei wie im Titelsong nicht so unbeholfen anstellen würde: "Als kleiner Junge träum' ich davon, dass ich großverdiene, dass ich, wenn ich groß bin, mal so richtig Mutter ficke". Zumindest Hekus schwermütiges Piano-Instrumental gehört ebenso zu den gelungeneren Produktionen wie seine Arbeit für das lieblos geschriebene "Suche Nach Mehr": "Ich erzähl' dir von passierten Erlebnissen". Viele Songs entweichen dagegen bereits Sekunden nach ihrem Ende aus dem Gedächtnis.

"Alles Fürs Geschäft" bedeutet bei ihm auch: "Fick System." Eine nie ausformulierte Systemkritik zieht sich durch das Album. "Papa sagt: 'Vater Staat ist ein Wichser'", erklärt der widerspenstige Rapper in "District". Generell scheint er staatliche Institutionen abzulehnen: "Fick die Staatsanwaltschaft und den Richter". Am ehesten lässt sich Ngees Einstellung wohl als libertär bezeichnen. "Wofür Arbeit? Am Ende ist nichts da", murmelt er seine Abneigung gegenüber Abgaben, die er schon im Titelsong deutlich machte: "Bevor ich Steuern zahle, schenk' ich einem Penner Geld".

"Ich geb' Geld aus, weil ich weiß, wie man Neues macht. Doch keine Ahnung wie man Steuern zahlt", gesteht dann auch Noah in "Krieg Mit Mir Selbst" dem hoffentlich aufmerksam lauschenden Finanzamt. Der Song markiert die übliche, spät nachgeschobene Reue-Nummer eines sündhaften Albums. "Auf das Gott uns verzeiht", singt der Gastrapper mit schmerzlich verzerrter Stimme, während Ngee seine dusseligen, wiederkehrenden Verhaltensmuster hinterfragt: "Langsam hab' ich das Gefühl, dass ich mich schämen muss, weil immer wenns zu spät ist, bitt' ich um Vergebung".

Auch Capital Bra geniert sich, wenn er im abschließenden "Vergib Mir" an seine Single "Die Wahrheit Ist Kein Hit" ansetzt: "Ich will Mama in die Augen schauen, ohne drauf zu sein. Ich will davon weg, aber denk' nicht, dass es einfach wäre". So zieht der Hauptdarsteller selbst gegen seinen überschaubar spannenden Label-Chef den Kürzeren, was die Frage aufdrängt: Quo vadis, Streetrap? Wenn sich der aktuell klickstärkste Newcomer ausschließlich in Haftbefehls Lieblingsdisziplin übt, einer deprimierten Grundstimmung zu folgen, scheint das Genre auf einen toten Punkt zuzusteuern.

Trackliste

  1. 1. Normalität
  2. 2. Babylon
  3. 3. Dis Is Fastlife
  4. 4. Läuft (mit Omar)
  5. 5. Suche Nach Mehr
  6. 6. District
  7. 7. Von Café Zu Café (mit Kalazh44)
  8. 8. Lifestyle GTA
  9. 9. Veve
  10. 10. Krieg Mit Mir Selbst (mit Noah)
  11. 11. Alles Fürs Geschäft
  12. 12. Vergib Mir (mit Capital Bra)

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2 Kommentare mit 15 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Dieser Rapstil ist so unfassbar anstrengend und darf gerne komplett verschwinden. Können ja im echten Leben ggf alles kluge Kerlchen sein, verstecken das aber recht souverän unter dieser peinlich rausgepressten Asi Intonation und dämlichsten Texten.

  • Vor einem Jahr

    Deutsche "Straßenrapper" klingen seit Haftbefehl in etwa so, als würden sie von unten ihre Frau im zehnten Stockwerk des Plattenbaus anschreien.

    • Vor einem Jahr

      So ungefähr. Wobei ich verstanden hab, dass Hafti analog zu zb Hayiti für das jeweilige Genre schon eine gewisse Qualität besitzt, handwerklich. Ist wie mit Aggro damals. Was dann im Fahrwasser mitschwimmt, ist halt noch mal deutlich schlechter, dümmer und peinlicher.

    • Vor einem Jahr

      Mainstream-Deutschrap ist schon seit fast 2 Dekaden unterirdisch mit wenigen Lichtblicken (zu denen ich die beiden nicht zähle). Haftbefehls Einfluss kann zwar kulturell nicht unterschätzt werden aber genauso überschätzt ist seine Musik, die bei Lichte besehen nie besonders herausragend war. In der Juice war mal eine Karikatur von Graphizzle wo 2010er Hipster einen im Käfig eingesperrten Straßen MC bei der Freakshow zusehen. Eine gute Zusammenfassung, warum diese Musik auch beim Feuilleton Anklang gefunden hat.

    • Vor einem Jahr

      Bin da ja bei dir, aber deshalb auch fix dem Boomer-Alarm ausgesetzt ;) Scheiden sich halt die Geister. Objektiv kann ich die Faszination für beide in Ansätzen verstehen, was ich bei einem Kasimir4711 oder whatever zb nicht ansatzweise kann. Das meinte ich nur. Ging mir aber auch schon zb beim frühen Kolle so.

    • Vor einem Jahr

      "In der Juice war mal eine Karikatur von Graphizzle wo 2010er Hipster einen im Käfig eingesperrten Straßen MC bei der Freakshow zusehen. Eine gute Zusammenfassung, warum diese Musik auch beim Feuilleton Anklang gefunden hat."

      Genau. Erklärt natürlich auch super, warum gerade Hafti und nicht ein X-Beliebiger der zig anderen Straßenrapper vom Feuilleton so geschätzt wird.

    • Vor einem Jahr

      @ Gleep Glorp - es musste ja irgendjemand werden. Dass es Haftbefehl wurde, ist gut für ihn aber keine Notwendigkeit bei dem Pool an Künstlern, die ähnliche Musik zu dieser Zeit gemacht haben.

    • Vor einem Jahr

      Welche Künstler haben zu der Zeit denn ähnliche Musik gemacht? Besonders was Vokabular und Style angeht? Damals waren ja noch so Sachen wie Bushido und LaHonda im Straßenrap Ikonen. Und die haben definitiv andere Musik gemacht. Erst nach Hafti schossen viele Klone aus dem Boden, die auch Kauderwelsch auf dunklen Beats gemacht haben.

    • Vor einem Jahr

      Hier in D, ja. Erfunden hat Hafti es ja ebensowenig wie Morlock den Non Phixion Style ;)

    • Vor einem Jahr

      Ich will Haftbefehl keineswegs seinen Einfluss absprechen - der war zweifellos sehr prägend. Ob es aber ein Erbe ist, auf das er stolz sein kann, steht auf einer anderen Karte. Ich persönlich hätte gut auf ihn und viele, die seinem Style folgten, verzichten können.

    • Vor einem Jahr

      Unterschreib ich, ging mir aber mit Aggro auch hier wieder ähnlich. Bis auf ein paar Delikatessen der Beathoavenz. Irgendwie war das der Startschuss dafür, dass sich im (Mainstream-)Deutschrap eine Unwucht zugunsten der Idioten gebildet hat. Gerne Rap mit Migrationshintergrund und authentischem Slang, auch gerne Gangsterrap, aber doch beides bitte mit Grips und/oder uniquem Style. Sonst isses halt ähnlich wack wie Phillie MC. Und die Weißbrotfraktion hat halt nicht kapiert, dass Money Boy für genau einen Gag gut war und ein ernstgemeintes Subgenre draus gemacht. Beides wurde en vogue und nun sind wir (natürlich zurecht, Caps :* ) die meckerzauseligen Boomeronkels.

      Dass der Untergrund ähnlich gut floriert wie früher, ist allerdings auch Teil der Wahrheit. Ist halt nur nix für mich bei, hat rein subjektiv immer den "hab ich schon besser gehört" bzw "irgendwas daran find ich mega anstrengend" Touch. Machste nix.

    • Vor einem Jahr

      Natürlich sehr abstrakt und lückenhaft, aber fuck it

    • Vor einem Jahr

      Es kommen immer noch einige Perlen im deutschsprachigen Rap raus und dass sie so ein bisschen im Untergrund sind, lässt einen als einen "älteren" Menschen tatsächlich ein bisschen heimelig fühlen. Das ist aber auch die natürliche Tendenz, wenn die Mainstreamsparte abartig wird. Berlin Ende der 90er war auch nur eine Reaktion auf die Entwicklung in Stuttgart und Hamburg.

      "Junge" Leute können ja hören, was sie wollen - ich finde es nur ein wenig schizophren, wenn man sich gleichzeitig über "representer" lustigmacht, die angeblich nur Premo und Pete Rock im Tapeplayer hören und gleichzeitig für sich beansprucht, die "Weiterentwicklung" von Rap zu sein.

    • Vor einem Jahr

      "Berlin Ende der 90er war auch nur eine Reaktion auf die Entwicklung in Stuttgart und Hamburg."

      Stimmt natürlich. Hatte ja auch Perlen. WBM etc.

      Als langfristige Koexistenz auf hohem Niveau oder bestenfalls Synergie hätte ich gut damit leben können.

    • Vor einem Jahr

      Viel liegt ja auch am Alter des Rezipienten. Wäre ich anno '98 35 Jahre alt gewesen, hätte ich vieles nur halbgeil gefunden. So wie Yannik seinen Krams dann in 15 Jahren. ;) Was als qualitativer Evergreen überlebt, zeigt ja (logisch) erst die Zeit. Andersrum hab ich aber auch Zugang zu alter Rapmusik gefunden, die ich damals noch kacke fand, weil ich Style temporär nur über Flow definiert hab.

      Ich wette allerdings 500€, dass mir Selbiges nicht mit Haiyti oder Hafti passiert ;) Man hat ja über die Jahre diverse genauere Parameter entwickelt, analytisch.

      Haters gonna laugh. My bad, of course.

    • Vor einem Jahr

      Ich spame, du spamst, er/sie/es spamt. Spam, spamoen, gespamt, werden gespamt haben... Spamlogie, die Lehre des Spams!

    • Vor einem Jahr

      Was eine Blame-Marge!