laut.de-Kritik

Die Outlaw-Queen galoppiert mit Josh Homme in den Sonnenuntergang.

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"I don't wanna lie, I don't wanna cry, I just wanna live and love until I die", säuselt Nikki Lane in ihrer markant-lasziven Art ins Mikrofon, während ein schunkelnder Beat und ein paar gezupfte Banjo-Harmonien im Hintergrund die Richtung vorgeben. Wenn die einstige Highway Queen zur Reflektion ansetzt und einen fünf Jahre langen Selbstfindungsprozess in eine einzige Zeile münden lässt, dann klatscht nicht nur Produzent und QOTSA-Mastermind Josh Homme begeistert in die Hände.

Ein halbes Jahrzehnt nach ihrem letzten Output verneigt sich die US-Amerikanerin mit dem musikalischen Outlaw-Faible ein weiteres Mal vor der Essenz der fundamentalen Singer-Songwriter-Kunst, die aufgepeppt mit einer Prise Country und Einschüben aus den Bereichen Rock und Blues jedem Fan von staubigen Handmade-Klängen den Tag versüßt.

Mit dem Queens-Chef und den Kollegen Alain Johannes an der Gitarre, Dean Fertita an der Orgel, Michael Shuman am Bass (alle QOTSA), sowie Matt Helders von den Arctic Monkeys an den Drums feiert Nikki Lane ein beeindruckendes Comeback. Der Opener "First High" basiert auf einer pulsierenden Basslinie, ehe im Refrain crunchige Gitarren das Kommando übernehmen. Nicht nur der leicht psychedelisch angehauchte Titeltrack erinnert an die Hauptband des Produzenten. Auch das rockige "Black Widow" könnte man sich mit ein paar Stoner-Elementen mehr im Schlepptau gut und gerne auf einer Queens-Platte vorstellen.

Betrachtet man das große Ganze geht es aber weniger um eine offensichtliche musikalische Verbindung zwischen der Protagonistin und ihren Unterstützern, als um ein weiteres Puzzleteil, das Nikki Lane dazu verhelfen soll, ihr bereits sehr authentisches Klangbild noch ein bisschen mehr in die Breite zu ziehen. Das klappt auf Albumlänge auch wunderbar.

Beinahe jeder der insgesamt zehn Songs versprüht eine andere Stimmung. Die wunderschöne Country-Ballade "Faded" ist ein melancholisches Meisterwerk. "Born Tough" dreht den Spieß um und versorgt die Hörerschaft mit Gute-Laune-Prärie-Pop. "Try Harder" hat die eingängigsten Melodien am Start, während das finale "Chimayo" jedes Lagerfeuer zwischen San Diego und San Antonio zum Lodern bringt.

Nikki Lane ist zurück. Gemeinsam mit Homme und dessen Allstar-Band, die teilweise schon auf Iggy Pops "Post Pop Depression" aufspielte, schlägt die Sängerin eine Brücke zwischen Soundwelten, die selten so viel Nachhaltiges hinterlassen haben.

Trackliste

  1. 1. First High
  2. 2. Denim & Diamonds
  3. 3. Faded
  4. 4. Born Tough
  5. 5. Try Harder
  6. 6. Good Enough
  7. 7. Live Love
  8. 8. Black Widow
  9. 9. Pass It Down
  10. 10. Chimayo

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3 Kommentare mit 11 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    "Nicht nur der leicht psychedelisch angehauchte Titeltrack erinnert an die Hauptband des Produzenten. Auch das rockige "Black Widow" könnte man sich mit ein paar Stoner-Elementen mehr im Schlepptau gut und gerne auf einer Queens-Platte vorstellen."

    Ihr dürft an solchen Stellen auch gern dabei schreiben, dass das schon immer die größte Schwäche von Josh Homme als Produzent war und sehr wahrscheinlich auf Lebenszeit bleibt. Alles, was ich von dem in Sachen Produktion bisher gehört hab, klingt so, als stamme es (ggf. mit einer Hand voll mehr oder weniger Partikel) von einer Josh Homme-Seitenprojektplatte oder der jeweils aktuellen QOTSA.

    Besonders tragisch und ärgerlich fand ich das damals, als Billy Corgan die Ex-Hole-Bassistin Melissa auf der Maur zu den Pumkins holte, Melissa in deren Verbund sowie anschließenden Projekten offensichtlich Mut und Lust auf ein Solo-Album bekam, in Interviews mit u.a. Visions mit dieser Soloplatten-Idee zu kokettieren begann und mehrmals andeutete, dass sie in Sachen Sound und Kollaboration gerade fokussiert auf was Britisches in Richtung Oceansize/Amplifier/Aereogramme luge und dann mit ihrem Debüt "Auf der Maur" neben ihren neuen und alten Ami-Freunden doch bloß mit B-Seiten aus dem QUOTSA-Fundus berücksichtigt wurde bei allem, wo Josh in Sachen Produktion und Kollaboration letztendlich auf dem Album mitwirkte.

    • Vor 2 Monaten

      "Ihr dürft an solchen Stellen auch gern dabei schreiben, dass das schon immer die größte Schwäche von Josh Homme als Produzent war und sehr wahrscheinlich auf Lebenszeit bleibt."

      Hätte man schon erwähnen können. Hätte dann aber wohl den Rahmen der Rezi gesprengt.

    • Vor 2 Monaten

      Souli, kannst' 'nen Anspieltip für Aereogramme geben? Danke!

    • Vor 2 Monaten

      @Vallepupalle:
      Ohne soulburn zuvorkommen zu wollen:
      "Sleep And Release" hab' ich damals ziemlich lange nicht aus dem CD-Player rausgekriegt.
      Gruß
      Skywise

    • Vor 2 Monaten

      Dadurch, dass die sich konventionellen Songstrukturen immer wieder verweigert haben, ergibt sich als Albumtip zum Einstieg wohl am ehesten "Sleep & Release", obwohl ich Sachen wie "Zionist Timing" oder "Shouting for Joey" vom Debüt "A Story in White" auch als für sich stehende Songs phänomenal finde. Auf der "Sleep & Release" sind sie aber kompakter, greifbarer und mit dem letzten, unbetitelten Stück findet sich darauf auch ihr mMn überlebensgrößter Song.

      Die Progmuskeln spielen lassen sie wohl am deutlichsten in einem Crippled Black Phoenix-ähnlichen Song namens "Unravelling" von der ebenfalls durchweg gelungenen "Seclusion" (Video-)EP. Das als solches bereits angekündigte Abschiedsalbum "My heart has a wish that you would not go" ist mir persönlich im Vergleich zum unberechenbaren Genre-Clusterfuck-Wahnsinn aller Vorgänger zu ruhig und sanft, eine Entwicklung die sich mW bis weit in die Diskografie der Nachfolgeband aus Teilen Aereogrammes, "The Unwinding Hours" (inkl. Gesangsstimme von Aereogramme) fortgesetzt hat.

    • Vor 2 Monaten

      In Sachen Wiederhörwert bin ich bei Skywise, "Sleep & Release" hat die mit Abstand meisten Durchläufe ohne Unterbrechung oder Skippen aus der Aereogramme-Disko.

    • Vor 2 Monaten

      Irgendwie schade um Homme. War mal als vielversprechendes Megatalent gestartet, und fraglos hat er es auch noch. Mit den Jahren kann man ihm sein ekelhaftes Verhalten aber immer weniger verzeihen. Und auch wenn die Desert Sessions und QOTSA mMn. noch immer abliefern, kann er sich seit 20 Jahren nicht mehr aus seinem eigenen Sud heraushieven.

      Stimme zu - Homme würde ich nur Homme selbst produzieren lassen

    • Vor 2 Monaten

      Dieser Kommentar wurde vor 2 Monaten durch den Autor entfernt.

    • Vor 2 Monaten

      Muss da als eigentlicher Fanboi Ragi schon zustimmen. Wirkt ja eher nicht so, als ob er seinen Scheiß noch einmal auf die Reihe bekommen könnte. Scheint sich eher in den letzten Jahren noch intensiviert zu haben.

      In Sachen Produzententum könnte ich mir aber auch vorstellen, dass das ein bisschen darauf ankommt, was die jeweiligen Musiker sich von der Kooperation versprechen. Kann ja auch sein, dass da der kreative und stilistische Einfluss z.T. auch gewünscht ist.

      Kann zumindest mit der Post Pop Depression und v.a. Humbug recht viel anfangen und finde gerade letztere eigentlich auch ein gutes Beispiel, wie so etwas gewinnbringend funktionieren und einen neuen kreativen Schub darstellen kann. Den Einfluss hört man da natürlich stark raus, aber es ist dann finde ich immer noch so stark duch die Arctic Monkeys Linse gefiltert, dass es mMn ne ganz eigene DNA hat.

    • Vor 2 Monaten

      Würde mich da schon an deine Ausnahmen mit dran hängen, Gleepi, finde aber bzgl. aktuellem Stand der Homme-Produktionen, dass es Ragi perfekt zusammengefasst hat mit dem "Homme würde ich nur Homme produzieren lassen" und unseren gemeinsamen Hoffnungsschimmer vielleicht maximal mit einem an passender Stelle platzierten '"derzeit" aufweichen. Oder ihm bei Fremdproduktionen jemanden zur Seite stellen, der ihm immer dann wortlos eine schmiert, wenn sein Einfluss wieder zu raumgreifend auszufallen droht.

      Fand die "Post Pop Depression" ebenfalls ganz brauchbar damals und davor die "Them Crooked Vultures" sogar noch mehr.

    • Vor 2 Monaten

      Find auch die Diskussion hier repräsentiert ganz exemplarisch das Hauptproblem, wenn du dir als verhältnismäßig junger und kommerziell kleinerer Act Josh Homme als Produzenten angelst: Im Zweifelsfall labern alle nur über Homme, dessen Seitenprojekte und seine größeren Produzentenjobs aus der Vergangenheit als über die Musik auf deinem aktuellen Album.

  • Vor 2 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 2 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 2 Monaten

    Musik für hängengebliebene Rednecks die auch irgendwie „deep“ sein wollen.

    • Vor 2 Monaten

      Öy. Nix gegen Nikki Lane. Die kann schon was. Ihr "Seein' Double" gepaart mit Calvin Russells Fassung von "I Never Cared For You", das war vor ein paar Jahren eine exzellente Mischung und weit weg von "deep".
      Gruß
      Skywise