laut.de-Kritik
Beat-Wahnsinn, Balladen und Chillout-Tracks.
Review von Stefan JohannesbergDie Doppelalbum-Manie - der Minderwertigkeitskomplex im Rapgame. Länger und größer. Aber oft nicht besser. Nun schmeißt das dreckige Funkduo Outkast den Fehdehandschuh des kreativen Größenwahns ihren Fans vor die Füße. Dort liegen bereits namhafte Kollegen wie Jay-Z, 2Pac, Notorious B.I.G. oder der Wu-Tang Clan. Am Boden - von den Headz kritisiert, gerupft und nur selten gestreichelt.
Um diesem Schicksal zu entgehen, haben sich Andre 3000 und Big Boi etwas besonders Originelles ausgedacht: Ihr siebtes Werk ist streng genommen kein Outkast-Album, sondern eine Doppel-CD mit zwei Soloplatten. Big Boi bedient die "Speakerboxxx", und Andre 3000 sucht nach "The Love Below". Doch die Teilung entstand nicht ganz freiwillig, sie beruht vielmehr auf den künstlerischen Differenzen der beiden Multitalente, von denen diese Platte Zeugnis ablegt. Während Big Boi eher den Dirty South-Hymnen frönt, fällt Andre musikalisch aus jedem Rahmen.
Big Bois "Speakerboxxx" feuert zu Beginn eine tödlich jammende Viererlinie ab, dass einem die Hüfte aus der Gelenkfassung schwingt. Die "Ghetto Musick" rollt mit wummernden Elektros und schwitzenden Gloria Estefan-Latinstyles im Highwaytempo über den hilflosen Hörer. Bei "Unhappy" quieken und quietschen die synthetischen Flöten, während die Drums komplex zusammen gezimmert wurden: ein typischer Outkast-Tune.
Den bouncenden Beat-Wahnsinn treibt "Bowtie" auf die Spitze, das mit funkiger Bläserdominanz zur schweißtreibenden Partyjam avanciert. Als man sich beim minimalistischen 'Percussion Only'-Anfang vom nächsten Track "The Way You Move" in der Sicherheit des erschöpften Luftholens wiegt, kloppt einem der große Boi im Hook noch einen mitreißenden 80er Disco-Soul-Refrain zwischen die Beine, dass die Eier wackeln.
Leider, aber verständlicherweise kann die "Speakerboxxx" das Anfangstempo nicht über das gesamte Album halten. Die folgenden Songs sind beileibe nicht schlecht, Big Boi überzeugt bei "War" mit Polit-Rap, und Jay-Zs Feature auf dem rasanten "Flip Flop Rock" gehört zum Allerfeinsten. Doch erst im abschließenden "Last Call" findet Big Boi die Anfangsenergie wieder. Zusammen mit Dirty South-Brüller Lil' Jon gibt er mit Trompeten und einem kräftigen "Fuck Ya"-Hook seinen Beitrag zur trendigen Crunk-Musik. Das Album hätte sich auch alleine behaupten können. Zur Genialität früherer Outkast-Werke fehlen halt nur die verrückten Ideen des Andre 3000.
Diese lebt Erykah Badus Ex-Lover dann auf seinem Part "The Love Below" umso wilder und ungezähmter aus. Von jeglichen Fesseln befreit taucht Andre in sämtliche Musik- und Stimmengefilde ab. Im Intro wartet er mit einer ernsthaften Sinatra-Imitation auf, die im krachig beswingten "Love Hater" endet. "Swing When You're Rapping", so das Motto. Die Ansage: "Robbie, bleib beim Pop."
Wie Titel und Opener schon suggerieren, stellt die Liebe das zentrale Thema des Albums. Oder vielmehr die Suche nach selbiger. Nach einen kurzen Akustik-Interlude die erste Single, eine Ode an den "Happy Valentins Day", den Dre am liebsten an jedem 14. feiern würde. Sein Valentinstag kommt mit Nelly-Gesang, Funk-Gitarre, Tempiwechsel und mitreißendem Soul-Refrain. Anschließend leiten kurze Orgel- und Saxophonsequenzen einen typischen Outkast-Hektiker ein, dessen hoher Hook von Andre selbst allen beattechnischen Genialitäten die Schau stiehlt.
Reinen Rap sucht man vergeblich. Andre singt zumeist in Neil Young-Tonlagen und frönt offen dem Indie-Folk-Rock. Auf "Prototype" adaptiert er Pavement, auf der Single "Hey Ya!" rockt er wie die Lemonheads zu besten Tagen. Bei "Love And War" und "She's Alive kombiniert er dagegen Country Folk mit psychedelischen Chillout-Tracks, während "Take Off Your Cool" mit Norah Jones zur waschechten Ballade gerät.
Auch die Neptunes haben ihre Spuren im Sound von Andre 3000 hinterlassen. Ähnlich wie die Kollegen Hugo und Williams verbindet er für "She Lives In My Lab" und "Rose" straight bouncende Drumrhythmen mit 70er Rockharmonien. Klasse. Als Soloplatte definitiv ein Klassiker auf Next Level-Shit, bahnbrechend höchstens vergleichbar mit Cee-Los "Debüt". Im Verbund mit Big Bois Werk vielleicht zu viel des Guten. Nach Genuss des Doppelalbums fühlt man sich doch etwas erschlagen. Ihren Platz in der Hip Hop-History haben Outkast mit diesem Coup aber trotzdem sicher. Auch wenn es der letzte ist.
3 Kommentare
kein einziger Kommentar über so ein Bombastischer Album aber sich über Justin Bieber die Finger Wund tippen
Ist sehr, sehr "eigen" das Ding.
Ich persönlich finde "Speakerboxxx" etwas besser als "Love Below". ..Andrew's Art ist mir dann doch etwas zu verrückt ("Hey Ya"..mhhh Grenzwertig). Jedoch höre ich Heute immer noch "The Way You Move" & "Unhappy", die Tracks sind Bombe! Ich glaube Andrew ist das, was J. Bieber so sehr versucht zu sein... Man kann das nicht schauspielern.
Das Doppelalbum ist schwer zu bewerten und ich merke auch das der Autor dieser Kritik seine Probleme hatte. Outkast ist Outkast, ich weiß das es viele heimlich hören aber nicht zugeben. Ich stehe dazu, auch wenn ich nicht ALLES mag.
4/5
selten gab es so viel genialität, mut und wahnsinn auf EINER rap-platte. die betonung liegt auf "einer", da beide seiten ("speakerboxxx" & "the love below") sich perfekt ergänzen und eine unverwechselbare einmalige symbiose ergeben. highlight der platte ist "my favorite things" = eine gelungene hommage an herrn john coltrane. und somit eine gelungene platte der beiden so unterschiedlichen protagonisten, die zusammen den kreis der rap-musik schließen.