laut.de-Kritik

Einmal mehr tun sich Welten auf.

Review von

Es gibt verschiedene Arten, Regina Spektor zu hören: Die Beiläufige, bei der die Musik im Hintergrund dümpelt, während man gerade in der Küche die Spaghetti ins Wasser gleiten lässt. Die Musik klingt nett, dudelt unaufgeregt, die Lyrics spielen dann ohnehin keine Rolle. Schöner flacher Singer-Songwriter-Piano-Pop eben, der nicht wehtut, aber auch nicht begeistert.

Oder die Intensive, mit dem Kopfhörer auf den Ohren, in die Ferne blickend. Dann tun sich auf einmal Welten auf. Die Musik ist verschachtelt, hier zirpt noch eine Geige, dort treibt der Bass das Stück voran. Die Lyrics transportieren mit Leichtigkeit Lebensbeobachtungen.

Denn Spektors Songs benötigen Aufmerksamkeit, damit sich die Arrangements zu einem Bouquet entfalten. Gleich bei "Becoming All Alone", zum Beispiel. Das Stück eröffnet mit Bläsern, Klavier und Streichern das Album und rührt gleich groß an. Etwas intimer kommt "One Man's Prayer" daher. Spektor scheut sich nicht, ihre Stimme ins Zentrum zu stellen, begleitet von einem treibenden Beat und Klavier, das bei Konzerten definitiv zu Tanzeinlagen führen wird.

Auch 2022 bleibt die gebürtige Russin im Groben ihrem Klangbild treu und serviert schwelgerischen und gesangslastigen Indie-Pop. Schon immer klang die Musik von Regina Spektor so, als würde man bei ihr im Wohnzimmer sitzen und einem Privatkonzert lauschen. Diesmal war sie bei der Aufnahme tatsächlich ganz allein während des Lockdowns in New York im Studio.

"Das war die einsamste Aufnahme, die ich je gemacht habe", sagte sie in einem Interview im Guardian. "Ich habe nie auch nur einen Fuß in den Regieraum gesetzt. Wenn der Klavierstimmer kam, war ich drei Stunden lang weg."

Auch das Orchester hat Spektor nie gesehen. Das befand sich in Mazedonien. Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, wie geschickt Produzent John Congleton und Toningenieur Ariel Shafir die einzelnen Spuren zu komplexen und äußerst gut abgestimmten Songs zusammenfügte.

Trotz der schwierigen Aufnahmebedingungen hatte die US-Amerikanerin auch den Mut, zu experimentiert, wie sie mit "Up The Mountain" beweist. Hier treffen Hip Hop-Beats auf Bläser und schon fast dadaistische Texte. Der Song ist ein Fremdkörper, von dem man nicht genau weiß, warum er auf der Platte ist.

Wie schon bei ihren Alben zuvor singt Spektor über Themen aus dem Leben. Über die Liebe ("Loveology" und "SugarMan"), über Freundschaft ("One Man's Prayer"), Geborgenheit ("Through A Door") oder über Träumereien ("Spacetime Fairytale").

Einmal mehr verzückt Regina Spektor mit ihrer Leichtigkeit und ihren charmanten Arrangements. Diese dürften besonders bei Liveauftritten wunderbar zur Geltung kommen, wo ihre Musik (hoffentlich) nicht nur Hintergrundgeräusch ist.

Trackliste

  1. 1. Becoming All Alone
  2. 2. Up The Mountain
  3. 3. One Man's Prayer
  4. 4. Raindrops
  5. 5. SugarMan
  6. 6. What Might've Been
  7. 7. Spacetime Fairytale
  8. 8. Coin.wav
  9. 9. Loveology
  10. 10. Through A Door

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2 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 3 Monaten

    Mal langsam jetzt, bitte. Gibt sicherlich deutlich passendere aktuelle Veröffentlichungen unter deren laut.de-Rezensionen mensch sich richtigerweise über die noch immer fehlende Everything Everything-Rezi echauffieren kann.

    Soll sogar Menschen geben, die sich spätestens bei der EE-Rezi untendrunter darüber beschwert hätten, dass zur neuen Regina Spektor-Platte aber noch nix kam. Die haben meistens "Soviet Kitsch" und "Songs" im Regal stehen und ihnen ist kurioserweise völlig egal, ob Andreas Bättig der neuen Platte nur 3 Sterne gibt solange irgendein Text dabei steht!

    • Vor 3 Monaten

      "Gibt sicherlich deutlich passendere aktuelle Veröffentlichungen unter deren laut.de-Rezensionen mensch sich richtigerweise über die noch immer fehlende Everything Everything-Rezi echauffieren kann."

      Hatte kurz die Cohort & Cucumber Rezi erwogen, aber Everything Everything mit denen in einen Pseudozusammenhang zu setzen erschien mir dann über die Maßen blasphemisch.

    • Vor 3 Monaten

      Bei Drake, Jörn, Gabalier hätte ich die Empörung über die immer noch fehlende EE-Rezi eindeutig besser aufgehoben empfunden. Kamen alle später als die EE und wurden trotz unterirdischster Qualität vorher bedacht.

      Verdammt, XXXTentacion war zum Zeitpunkt von VÖ und Rezi bereits längere Zeit tot und entsprechend egal war ihm und der Restwelt minus Handvoll Die Harder than him-Fans wohl der Zeitpunkt, kam trotzdem noch vor EE!

      Spektor schafft es mindestens mit ihrer neuen Platte die Wartezeit zu verkürzen statt Lesergeduld auf Proben zu stellen, welchem Firlefanz mensch noch alles vor EE bei laut.de rezessionieren könnte!

    • Vor 3 Monaten

      "Bei Drake, Jörn, Gabalier hätte ich die Empörung über die immer noch fehlende EE-Rezi eindeutig besser aufgehoben empfunden."

      Wie schon gesagt, möchte EE lieber nicht mit solchen Nichtkünstlern in Verbindung bringen. Der Spektor hingegen bin/war ich durchaus zugeneigt. Vielleicht habe ich sie deswegen ausgewählt.

    • Vor 3 Monaten

      Was wohl nur den Allercoolsten einfallen würde, wäre den Unmut zur fehlenden Rezi einfach unter die Seite zum entsprechenden Album zu packen.

    • Vor 3 Monaten

      Puh, also das erfordert nach meinen Berechnungen ein sehr außergewöhnliches, geradezu intergalaktisches Coolness-Level von weit über 9000, um so ne Aktion beinahe unbemerkt cool durchziehen zu können....