laut.de-Kritik

Filmmusik für Einsteiger.

Review von

Schiller macht jetzt Filmmusik. Zwar nicht für die große Leinwand und eine reale Produktion, aber immerhin für das eigene Kopfkino. Mitsamt eines 40-köpfigen Sinfonieorchesters widmet sich Christopher von Deylen auf "Epic", der nach "Summer In Berlin" bereits zweiten Platte in diesem Jahr, seiner großen Leidenschaft für die musikalische Dimension des Films und ergänzt seine bisherige Diskografie so um einen weiteren Aspekt, der dem Albumtitel alle Ehre macht.

Während Schillers kreatives Schaffen in der Vergangenheit gelegentlich von eher uninspiriert klingenden und wenig mitreißenden Durststrecken gekennzeichnet war, bringt "Epic" durchaus frischen Wind in eine Karriere, die bislang zwar mit zahlreichen Veröffentlichungen kommerziell überzeugen konnte, sich künstlerisch aber häufig irgendwo im Nirgendwo bewegte. Von Deylen vermittelt nicht nur das Gefühl, ein klares Konzept für das Album vor Augen zu haben, wie es bei "Summer In Berlin" schließlich auch schon der Fall war. Vielmehr setzt er das Konzept diesmal auch authentischer und konsequenter als noch beim Vorgänger um.

Jeder Song soll als "in sich abgeschlossener Kopfkino-Clip mit Gänsehautgarantie" fungieren, wie der Pressetext der Platte groß ankündigt. Bei der durchgehenden Gänsehautgarantie handelt es sich zwar eher um ein weitestgehend leeres und zu hoch gegriffenes Versprechen, da nur die wenigsten Titel überhaupt vereinzelte Gänsehautmomente liefern. Wenn man die Erwartungen jedoch etwas zurückschraubt, Franziska Pigullas fortlebender, ikonischer Einleitung in "Willkommen" folgt ("Guten Abend. Herzlich willkommen in der neuen Welt von Schiller. Schließen Sie die Augen, entspannen Sie sich.") und sich auf Schillers neue orchestrale Klangwelt einlässt, weiß "Epic" auch ohne weltbewegende Passagen durchaus an einigen Stellen mit Emotionalität zu überzeugen.

Dies passiert vor allem dann, wenn auf Stücken wie dem bittersüß-euphorischen Album-Highlight "Free The Dragon" sowie dem düsteren und erdrückenden "It Was Only A Dream" nicht Schillers elektronische Tüftelei, sondern die fesselnde Magie des Orchesters in den Vordergrund tritt, und die Electro-Elemente nur als subtile Unterstützung der Narrative auftreten. In diesen Fällen ist dann auch die Gänsehautgarantie kein ferner Wunsch mehr, sondern wunderbare, atemberaubende Realität.

Im Umkehrschluss verliert das Zusammenspiel beider Elemente jedoch an emotionaler Schlagkraft, wenn sich die synthetischen Einflüsse zu sehr in den Vordergrund drängen, den analogen Komponenten ihren Spielraum nehmen und somit deren Überzeugungskraft rauben. Spätestens als sich "Do You See The Light?" nach der Hälfte der Laufzeit von einem himmlischen Filmscore in eine generische Dance-Nummer verwandelt, fällt es schwer, die anfänglich mitreißende Atmosphäre weiterhin aufrechtzuerhalten, wodurch auch das bombastische Finale am Ende des Tracks an Eindruck verliert.

"Doppelgänger" und "Dark Sun" sind ebenfalls beide ohne Frage atmosphärisch, jedoch fehlen auch hier die notwendige Substanz sowie Tiefgang und Charakter, um aus den Songs mehr zu machen als durchschnittliche und blasse, knapp siebenminütige Ambientspielereien, die kein Ziel vor Augen haben. Grund dafür ist, dass von Deylen zu sehr in seine festgefahrenen Muster zurückfällt und den Eindruck macht, als stoßen sein kreatives Potential und seine musikalische Diversität an ihr Limit.

Abseits davon findet Schiller aber in Titeln wie "The Endless", "Beyond The Horizon" oder "White Nights (Don't Let Me Go)" zumindest eine solide Balance zwischen seinen musikalischen Wurzeln und der neuentdeckten Orchesterinszenierung. "She Never Saw The Ocean" lässt die Grenzen zwischen dem Ensemble und Schillers Synthesizer-Arrangements durch subtile Arpeggio-Sounds, dynamische Streicher- und Bläsersätze, eine gefühlvolle Harfenmelodie und viele perkussive Schnipsel sogar fast ganz verschwinden.

Letztendlich findet "Epic" trotzdem keinen Platz auf dem Olymp genialer und weltverändernder Filmmusik, dem Schiller-Universum tut es dennoch gut. Gerade die Höhepunkte wie "Free The Dragon", "It Was Only A Dream" und "She Never Saw The Ocean" meistern die Aufgabe, wortlos Bilder in den Kopf zu projizieren, die alles abseits der Musik vergessen lassen. Zu viele Filler und Ansätze, die ihr filmmusikalisches Potential nicht erschließen, geben diesem träumerischen Zustand jedoch keine Chance, sich über das gesamte Album hinweg zu entfalten.

Trackliste

  1. 1. Willkommen
  2. 2. Do You See The Light?
  3. 3. The Endless
  4. 4. Midnight In Shiraz
  5. 5. She Never Saw The Ocean
  6. 6. Doppelgänger
  7. 7. Beyond The Horizon
  8. 8. Dark Sun
  9. 9. White Nights (Don't Let Me Go)
  10. 10. It Was Only A Dream
  11. 11. From Here To Eternity
  12. 12. Free The Dragon

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LAUT.DE-PORTRÄT Schiller

Nein, hier geht es nicht um den guten alten Friedrich, sondern um das Trance-Projekt der Herren Mirko von Schlieffen und Christopher von Deylen aus Hamburg.

3 Kommentare

  • Vor 9 Monaten

    Schiller ist nur noch langweilig. Herr von Deylen suhlt sich in der Wattewelt seiner Fans, die alles doppelt und dreifach kaufen, was er auf den Markt kracht. Dadurch kriegt er natürlich ein verzerrte Bild...
    Bis einschließlich Atemlos hat Schiller von einer extrem vielfältigen Musik gelebt. Mit Sonne begann der Einheitsbrei. Mit dem Epic hat er nun den Bock abgeschossen. Belangloser geht es doch nicht mehr. Das Orchester kann keinerlei Akzente setzen und wirkt nur neben der Synthesizermusik angedockt. Da ist nichts, aber auch garnichts spannend dran. Opus war ganz gut, ok das waren auch nicht seine Stücke.

    Von einem großen Komponisten ist Herr von Deylen so weit entfernt wie ein komatöser Patient von der Rennstrecke.

  • Vor 9 Monaten

    Ich fand das Album ziemlich langweilig und auch weit von dem entfernt was man als gute Filmmusik bezeichnen könnte. Es ist Christophers oft unausgegorenes Elektro-Gebastel auf einfachstem Niveau was alles nach unten reißt. Er scheint auch reichlich seine Sample-Library bemüht zu haben was Stimmen-Samples und Geräusche anbelangt, das kann man machen aber bei Christopher klingt das oft wie gewollt aber nicht gekommt.
    Das Orchester ist aber sehr gut, gibt es das Album auch ohne von Deylen ;)

  • Vor 7 Monaten

    Das Album ist wundervoll!
    Ich liebe das Zusammenspiel zwischen elektronischer Musik und echten Instrumenten und das hat Schiller hier meisterlich verbunden!

    Gut, es gibt nicht DIE Single, die heraussticht und auch keine Gastsänger oder Sängerinnen. Umso mehr wirkt das Album als Gesamtkunstwerk!

    Dazu braucht es natürlich eine gute Soundanlage oder hochwertige Kopfhörer und die Muße, in Ruhe zuzuhören. Dann ist es ein Erlebnis, das den Zuhörer auf zauberhaften Klängen trägt.

    Ein Highlight meiner Plattensammlung!