laut.de-Kritik

Auch die Made hat zwei Enden.

Review von

Zum Beginn dieser Review verlangt es der Anstand gegenüber der Musik selbst zu betonen, wie schrecklich selbstgefällig und faul "CMFT" von Corey Taylor war. Dieses Machwerk verwunderte umso mehr, als dass Slipknot mit "We Are Not Your Kind" kurz zuvor zwar zum wiederholten Male kein Meisterwerk schufen, aber durchaus überraschend weiter erfolgreich dagegen ankämpften, langweilig zu werden. Anscheinend prügelt Clown dem Sänger des Maskenzirkus' dann doch genug Disziplin ein, damit dieser in seiner Hauptband nicht jeder seiner zahllosen kitschigen Neigungen nachgeht.

"The End, So Far" wird von der Band gewohnt bedeutungsschwanger als Anfang einer Ära in der Bandgeschichte - oder Ende einer solchen, wer weiß das schon - bezeichnet, jedenfalls ist es das letzte auf Roadrunner Records. "Adderall" will das offensichtlich betonen, der Gitarren-Swing des Openers wirkt zunächst etwas gezwungen. Rasch wird jedoch klar, dass der Song über den Status des Gimmicks hinausreicht. Wenn Frauenchor, Gitarre und Background-Vocals im Refrain zusammenkommen und der flotte Bass hinterherhuscht, würde sich so manche Midwestern-Alt-Indie-Band gern eine Scheibe abschneiden. Fast kommt einem Jazz-Pop in den Kopf. Um es vorwegzunehmen: "Adderal" bleibt die größte Zäsur des Albums. Die schon bekannte Single "The Dying Song (Time To Sing)" gibt sich direkt danach druckvoll und betritt bekannte Pfade: Schnelles Shouting, Percussion und effektive Riffs, 133 und Wilson garnieren im Normalfall nur, sie sind nicht die Einlage der Suppe. Der Song enttäuscht nicht, vor allem die große Bandbreite an Ideen und verschiedenen Elementen fallen dem geneigten Hörer auf. Dadurch bekommt das Lied trotz Singalong-Charakters im Refrain und den dämlichen Lyrics, die im Verlauf des Albums notabene nur unteren Banddurchschnitt erreichen, die Kurve.

"The Chapeltown Rag" schließt sich an und war ebenfalls bereits bekannt. Vor allem zu Beginn knüppelt der Song alles nieder, dass es eine Freude ist. Gerade, als der Rag etwas im eigenen Muster zu verharrend beginnt, verpassen die neun Jungs ihm ein souveränes Ende. Einen solchen organischen Abschluss zu finden, das gelingt dem insgesamt durchdacht wirkenden Songwriting übrigens ebenso bei "Yen" und "The Dying Song (Time To Sing)". "Yen" baut an Stone Sour erinnernd auf, kommt etwas schwer in Gang und wuchert vor allen Dingen mit seinem Refrain. Taylor singt nun mal nicht mehr so kehlig wie vor Jahrzehnten. Hier erkennt man aber am deutlichsten, dass er sich von einem Sänger, dessen dickstes Instrument im Werkzeugkasten verlorenging, in eine andere, konstruktivere Richtung weiterzuentwickeln. Auf "The End, So Far" vermeidet er harte Stellen weniger, sondern interpretiert sie höher und weicher, dafür voller
und neu. Eine auf jeden Fall lohnende Entscheidung.

Wie gut Slipknot einen immer noch in den Boden drücken können, bleibt beeindruckend. Dafür lässt sich "Hivemind" auch ausreichend Zeit, um aufzubauen. Aber wann immer sich die Des Moiner auf "The End, So Far" entscheiden müssen, ob sie die Kontrolle fahren lassen und in Chaos verfallen, verweigern sie die Katharsis. Das "Hivemind" gefühlt 20 solcher Stellen besitzt, spricht für den Song, schließlich gerieten die Singles zu Beginn des Albums doch stark, aber auch etwas vorhersehbar. Man würde sich nichtsdestotrotz wünschen, Slipknot würden öfter durchziehen. So gibt einem auch das gute "Warranty" von Sekunde Null an auf die Nuss, dreht am Ende eine Runde, die zwar würdig, aber auch ein Stück weit unnötig konservativ abschließt, statt alles in Fetzen zu reißen.

Noch besser macht es "Medicine For The Dead", das zeigt, dass Slipknot auf "The End, So Far" neue Wege mit alten Mitteln beschreiten: Elektronische Spielereien und Pop-Ansätze sind mit Ausnahme von "Adderall" selten zu finden, stattdessen variiert "Medicine For The Dead" mit einer überzeugenden Grundidee intelligent das Tempo. Auf diesem Albumhighlight wird der Gang nicht rausgenommen, sondern nur Luft zum Kickstarten geholt, gleichwohl bleibt der Song hochmelodiös. Es geht mit dem Groover "Acidic" stark weiter, der sich beeindruckend in die Höhe schraubt. Mick Thomson bekommt Gelegenheit, zu zeigen, wie interessant er spielen kann, wenn man ihn von den songdienlichen Fesseln an der Seite von James Root befreit. Das befreit aufspielende "Heirloom" bringt dann in Erinnerung, dass V-man am Bass sein Handwerk beherrscht. Zunächst wirkt das abgesehen vom sehr präsenten Bass etwas arg rock-poppig, tatsächlich fühlt sich Corey aber so merklich wohl auf dem schnellen, tosenden Track.

"H377" führt den frohen Reigen der abwechselnd dominanten Instrumente fort, Tortilla Man und Clown können zeigen, was sie draufhaben. Und wie: Ein Slipknot-Best-Of ohne "H377" wäre ab nun brüsk abzulehnen. Slipknot mögen als alte Männer nicht mehr vor großen Melodien für die Ewigkeit überschäumen, die methodische Stringenz von "H377", auf der ersten Hälfte des Albums noch etwas vermisst, beeindruckt aber neben der offensichtlichen musikalischen handwerklichen Qualität dieses komplexen Molochs. "De Sade" schlägt eine andere Richtung ein; hymnischer Space-Alt-Rock beschreibt den Song deutlich schlechter, als er tatsächlich ausfällt. Ob Taylor diese Stück live auch so bringen kann, steht auf einem anderen Blatt, wir erfreuen uns aber an einer lebendigen, sphärischen Nummer, die die starke zweite Hälfte des Albums fast beschließt.

Es folgt nur noch das Finale ... "Finale". Das hört sich so an, als hätte Taylor Sid Wilson zu einer Stone Sour-Session eingeladen. Die Idee, Wilsons Scratchen mit dem schon von "Adderall" bekannten Frauenchor zu mischen, ist eine gute, auch Thomson macht wieder einen exzellenten Job, alles fühlt sich rund an. Das gilt im Übrigen für das gesamte Album, es hört sich durchgehend blendend produziert an. Joe Barresi fungiert als neuer Produzent. Ihm gelingt ein voller, fetter Sound, weniger hätte man vom Produzenten von "Queens Of The Stone Age" und Mixer von "10,000 Days" aber auch nicht erwartet. Hier verpackt er quicklebendige Slipknot, die weniger müde und satt kaum sein könnten, samt einigen der besten Songs ihrer Karriere in ein Paket voll Fanservice und Befriedigung für die Maden dieser Welt.

Trackliste

  1. 1. Adderall
  2. 2. The Dying Song (Time To Sing)
  3. 3. The Chapeltown Rag
  4. 4. Yen
  5. 5. Hivemind
  6. 6. Warranty
  7. 7. Medicine For The Dead
  8. 8. Acidic
  9. 9. Heirloom
  10. 10. H377
  11. 11. De Sade
  12. 12. Finale

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13 Kommentare mit 38 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    "Hier erkennt man aber am deutlichsten, dass er sich von einem Sänger, dessen dickstes Instrument im Werkzeugkasten verlorenging, in eine andere, konstruktivere Richtung weiterzuentwickeln."

    "versucht" am Satzende in der Schnappatmung verlorengegangen? :)

    Werde in jedem Fall mal rein hören, erwarte aber weniger Überraschungen als der Autor. Dass sie komponieren und wenn sie wollen, dann auch mal ganz als erwartet, können, ist ja seit "Vol. III: The Subliminal Verses" so weit klar.

  • Vor 2 Monaten

    " (...) als dass Slipknot mit "We Are Not Your Kind" kurz zuvor zwar zum wiederholten Male kein Meisterwerk schufen, aber durchaus überraschend weiter erfolgreich dagegen ankämpften, langweilig zu werden."

    Wenn es ein Meisterwerk von Slipknot gibt, dann ist es We Are Not Your Kind und wenn es ein Albung von Slipknot gibt, das viele Überraschungen bietet und wenig Langeweile ausstrahlt, dann ist es We Are Not Your Kind. Zugegeben, ich bin spät eingestiegen, was Slipknot angeht, da ich die Aufmachung bis heute ein wenig albern finde, was mich lange fern gehalten hat. Daher ist die Geschichte mit "Iowa" etc. für mich nicht ganz so greifbar. Aber den o.g. Auszug finde ich schon sehr erstaunlich. Das hätte man eher über .5 The Gray Chapter sagen können und vermutlich, morgen wird man's hören, über dieses hier. Finde ich völlig unverständlich.

  • Vor 2 Monaten

    An zwei Stellen in der Rezension wird speziell Mick Thomson erwähnt.
    Ernstgemeinte Frage: Woher weiß der Autor der Rezension welche Gitarrenparts von Thomson gespielt wurden?

    • Vor einem Monat

      Vll weil Jim Root einfach generell keine großen Soloparts etc. hat sondern halt gemäß seiner Rolle einfach nur Rhythmusgitarrist ist?

    • Vor 16 Tagen

      Ist halt Käse. Die solieren beide, wenngleich das Gewicht zuweilen etwas mehr bei Thompson liegt. Haben sie in Interviews und Clinics auch immer wieder bestätigt.

  • Vor einem Monat

    Das neue Album ist natürlich mal wieder uninteressant aber immer noch Meilen besser als das grottige Solodebut "CMFT" vom albernen Corey Taylor.
    Hat dieser sich eigentlich inzwischen zu seiner Mitarbeit an "Nostalgia Critic's The Wall" geäußert bzw. das irgendwie erklärt oder entschuldigt?
    Das ist immerhin locker das beschissenste und unlustigste Schrottalbum des bisherigen Jahrtausends.

  • Vor einem Monat

    Ich habe doch tatsächlich die Lust gefunden, mir die Songs mal alle anzuhören, und es war die reinste Zeitverschwendung.
    Noch nie war diese Band so bisslos. Kaum zu glauben das ich früher noch dachte, All Hope is Gone wäre das mit Abstand uninteressanteste Album ihrer Diskographie. Aber seit der letzten Platte unterbieten sie dieses überbewertete spät-2000er Kitschwerk mit jedem Release aufs Neue.

    Eigentlich sind alle die nicht entweder mittlerweile aus der Band geworfen wurden und/oder gestorben sind zu bitteren, unsympathischen durchschnittlich amerikanischen Boomern verkommen, die sich mit ihrem heutzutage imo komplett aus der Zeit gefallenen 90s Edge ein kreatives Grab schaufeln.

    Es ist nie schön, das über Künstler zu sagen, aber diese Leute hatten größeres kreatives Potential als sie noch viel zu viele Drogen in einem Trailerpark in Iowa genommen hatten.

  • Vor einem Monat

    Finde das Album tatsächlich nochmal stärker als We are not your kind. Viel baut dabei auf We are not your kind auf, aber sie entwickeln ihren Stil wieder in eine emotionalere Richtung weiter ohne an diesem düsteren Grundton zu verlieren. Dazu kommt meiner Meinung nach das beste musikalische und rhythmische Gerüst seit Vol. 3. Gerade Hive Mind ist was das angeht ein absolutes Brett.