laut.de-Kritik

Kristallklares Pop-Debüt ohne jeden Schnickschnack.

Review von

Tate war ein ganz 'normaler' Teen. Eine biographische Besonderheit mag es geben: Dass sie sehr früh mit Tanz in Berührung kam. Der Weg in eine Gesangskarriere ergibt sich dadurch nicht zwangsläufig. Der zur weltweit gehörten Songtexterin noch weniger. Was hat eine 18-Jährige mitzuteilen? Auf "I Used To Think I Could Fly", trotz des utopischen Traums vom Übermenschen im Titel, nichts, was zur Weltrettung beiträgt.

Tate McRae befreit keine Strände von Plastikmüll, löst den Ukraine-Konflikt nicht. Singt über das, womit sie sich auskennt: Konkurrenz um Jungs mit anderen Mädels ("She's All I Wanna Be"), Schlaflosigkeit, Verpeiltheit, Überflutung zu vielen Gefühlen viel zu schnell ("Boy X", "Chaotic"), Narzissmus ("You're So Cool"), Trennungen ("Go Away", "Don't Come Back", "Hate Myself"). Darum kümmert sie sich in einem puristischen, kristallklaren Umfeld ohne Genre-Kompromisse: Keine öden Hip Hop- und Synth-Versuche. Tate verrenkt sich nicht.

Tragende Säule des Albums sind Balladen mit hauchzart gezupfter Akustikgitarre ("Don't Come Back", "I'm So Gone", "Hate Myself", "Boy X", "Go Away", "I Still Say Goodnight") oder beiläufig getupftem Klavier (in den beiden Vorab's "Chaotic", "Feel Like Shit"). Die Gitarrenstücke malen eine neue Farbe. Das Gezupfe kommt unauffällig, zurückhaltend, in der Abmischung auf soft getrimmt, ohne Schnickschnack und Brimborium.

Die LP-Debütantin hat bereits milliardenfach Airplays und Streams abgesahnt, obwohl sie frisch dabei ist: einer der ersten neuen Stars der Lockdown-Ära. Jetzt geht's darum, auf CD, Vinyl, sogar Kassette zu überzeugen. Dance'iger Mainstream gerät zwar leicht in Äther und Spotify-Lists, flutscht aber selten physisch übern Ladentisch, ist auch nicht die typische Paket-Bestellware. Doch bei Tate liegen beste Voraussetzungen dafür vor, international abzuräumen.

Denn "I Used To Think I Could Fly" positioniert sich zwar als ganz normaler Pop, klingt aber besser als das meiste. Verzichtet auf ein paar der typischen Tricks und begeht auch nicht die üblichen Marketing-Fehler. Erst mal trägt Tates Stimme über Album-Länge: Präsent, drängt sich andererseits nicht in den Vordergrund. Eine unverbrauchte Künstlerin schmiegt sich ans Ohr, die einfach das raus lässt, was sie im eigenen Leben und dem ihrer Freundinnen und Freunde mitbekommt.

Man kann einwenden, dass andere an den Songs mitschrieben haben und sowieso aller Pop Fake sei, aber in einem Punkt geht die simple Oberflächlichkeit der Platte wahnsinnig tief: Es geht einfach für die allermeisten Menschen in Tates Alter darum, wie sie auf Partner*innensuche ankommen und, wenn sie dann ankommen, wie sie mit Beziehungsfehlern und dem Exit aus der Partnerschaft in die nächste fertig werden. Alle anderen Bemühungen, karrieristisch, materialistisch, weltreisend oder im Fitnessstudio, 'sublimieren' dann dieses Imponieren-Wollen. Eine Stimm-Trainerin in einem Fernsehpraktikum sagte mal zu einer 1,80 großen, 19-jährigen Teilnehmerin in einem Sprech-Workshop: "Ich glaube, du sprichst viel höher als deine natürliche Stimme ist, weil du dich gerne kleiner und niedlicher machen möchtest. Alles im Leben ist Sex." Das galt bei Elvis und den Beatles schon so, und die wurden damit Kult, und an das Statement erinnert mich das Album dauernd.

Warum sollte es also bei Tate McRae "nur" Teenpop sein? Immerhin ist es das, und es ist mega gut, dass es das ist, denn authentischer Teenpop ist ein wahnsinnig schwieriges Geschäft, wenn er über One Hit Wonder hinaus reichen soll. Tate klingt zwar hoch, aber nicht zu hoch, sondern einfach, wie sie klingt. Wer die sogenannte Ehrlichkeit einer Zoe Wees in den Himmel lobt, übergeht, dass Zoes Stimme nicht zur Identifikation einlädt. Ihre überladene Selbstanalyse steht nicht für viele Menschen, sondern fürs alte abgedroschene Theorem: Künstler*innen müssten schweres Leid durchmachen, um Überragendes zu leisten. Heute scheinen sie mindestens vegan sein zu müssen, dürfen bloß nicht "heteronormativ" sein und sollten mehrere Migrationshintergründe in ihrer Vita führen. Tate McRae kann mit keinem außergewöhnlichen Merkmal oder Drama aufwarten, repräsentiert keine ethnischen Minderheiten, erfreute sich einer glücklichen Kindheit und Jugend.

Der nächste starke Move zeigt sich in der Album-Struktur. Man nehme dieses Mal nicht ein paar erprobte Singles und streue zwischen vier coole Nummern lauter Füllsel. Auf "I Used To Think I Could Fly" hat jedes Lied Gewicht. Musikalisch streift die CD die Dance-Verpackung bis auf "What Would You Do?" weitgehend ab, und schon der Tune ist ein Hybrid. Gerade bei dem einzigen Dancer haben die Strophen richtig eingängige Harmonies, und dort springen Hook und Bridge in der Tanzbarkeit auf Avril Lavigne und eine Spur Modern Rock-/Pop-Punk-Gebratzel auf, ebenso in "She's All I Wanna Be". Klar, dass gerade diese beiden Tracks als Lead-Singles fungierten, schließlich ist auch Avril wieder in.

Mehrere Tracks haben das Zeug zur Zeitlosigkeit. Tate McRae ist das extravertiert gepolte Pendant zu Alessia Cara, im Kontrast zu ihr ohne R'n'B-Offbeat. Anders als bei Dua Lipa ist Pop bei Tate nicht mit den '80ern zwangsverheiratet und musikalisch auch kein Klon von Kylie und Cindi, sondern was Neues aus der Jetztzeit. Die beiden wunderschönen Schlusstracks dringen ins Dreampop-Revier ein, obwohl sie fast nur von den Vocals leben. Sie runden ein gelungenes Debüt perfekt ab.

Trackliste

  1. 1. ?
  2. 2. Don't Come Back
  3. 3. I'm So Gone
  4. 4. What Would You Do?
  5. 5. Chaotic
  6. 6. Hate Myself
  7. 7. She's All I Wanna Be
  8. 8. Boy X
  9. 9. You're So Cool
  10. 10. Feel Like Shit
  11. 11. Go Away
  12. 12. I Still Say Goodnight

Preisvergleich

Shop Titel Preis Porto Gesamt
Titel bei http://www.amazon.de kaufen Mcrae,Tate – I Used to Think I Could Fly €10,16 €3,00 €13,16

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Tate McRae

Eine Geschichte rund um Liebeskummer führt zu Tate McRaes Durchbruch. Sie ist 16, die Welt im Lockdown, April 2020, die Leute haben andere Sorgen. Aber …

1 Kommentar